Bluthochdruck unter 40: Bei jedem Vierten steckt mehr als Vererbung dahinter
Veröffentlicht am: 06.11.2026 um 13:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deMedizinische Fachleute warnen vor einer zunehmenden Verbreitung von Bluthochdruck bei jüngeren Menschen. Neben veränderten Lebensgewohnheiten rücken dabei vermehrt hormonelle und organische Ursachen in den Fokus. Gezielte Blutuntersuchungen sowie Anpassungen des Lebensstils spielen eine entscheidende Rolle, um kardiovaskulären Folgeschäden frühzeitig vorzubeugen.
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leben weltweit rund 1,4 Milliarden Erwachsene im Alter zwischen 30 und 79 Jahren mit Hypertonie. Etwa 44 % der Betroffenen wissen nichts von ihrer Erkrankung, und lediglich rund 23 % haben ihre Blutdruckwerte unter Kontrolle.
Diagnostische Schwellenwerte und hormonelle Faktoren
Für die Beurteilung des Blutdrucks gelten je nach Messmethode unterschiedliche Richtwerte. Dr. Christian Koppelstätter, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie (ÖGH), verweist auf Grenzwerte von 140/90 mmHg bei Messungen in der Arztpraxis, 135/85 mmHg bei der Heimmessung sowie ein 24-Stunden-Mittel von 130/80 mmHg.
Laut Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher von der Deutschen Herzstiftung gelten Werte über 140/90 mmHg als erhöht, während Werte unter 130/80 mmHg als optimal einzustufen seien.
Bei der Entstehung der Hypertonie muss differenziert werden. Wie Dr. Wong Yiu-tung, Kardiologe am Hong Kong Sanatorium & Hospital, darlegt, macht die primäre Hypertonie ohne eindeutige organische Ursache etwa 90 % der Fälle aus und ist genetisch mitbedingt. Sekundäre Formen entstehen dagegen oft durch andere Grunderkrankungen, etwa hormonproduzierende gutartige Tumoren.
Bei unkontrolliertem Blutdruck liegt nach Berichten der ÖGH bei etwa 15 bis 20 % der Patienten ein Aldosteronproblem vor. Unter den Hypertonie-Patienten unter 40 Jahren weisen bis zu 25 % eine andere Ursache als reine Vererbung auf. Zur Abklärung steht unter anderem der Bluttest ALDO+ zur Verfügung, der rund 180 Euro kostet und bislang nicht von den klassischen Krankenkassen übernommen wird.
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Auch bei Kindern und Jugendlichen zeigen sich altersabhängige Unterschiede: Nach Angaben von Dr. Reza Fahlevi überwiegt bei Kindern unter sechs Jahren die sekundäre Hypertonie, während bei über Sechsjährigen die primäre Form dominiert. Letztere wird maßgeblich durch Schlafmangel, Übergewicht, natriumreiche Kost und Stress begünstigt.
Risikofaktoren und gravierende Folgeerkrankungen
Als wesentliche Gründe für das frühere Auftreten von Bluthochdruck nennt Dr. Wong Stress, Übergewicht, Bewegungsmangel, Alkoholkonsum und salzreiche Ernährung.
Da die Symptome oft unauffällig bleiben, erreichen Patienten bei der Erstdiagnose bisweilen Werte von bis zu 200 mmHg systolisch und über 110 bis 120 mmHg diastolisch. Unbehandelt drohen akute Komplikationen wie Hirnblutungen, Herzinfarkte, Herzinsuffizienz, Aortendissektionen und Netzhautblutungen.
?lqar Tahiro?lu vom Gesundheitsministerium Aserbaidschans betont, dass bei jüngeren Patienten sekundäre Auslöser wie eine Nierenarterienstenose medikamentös oft schwer zu beherrschen seien. Neben Genetik, Übergewicht und Salz seien auch Niereninsuffizienz, Schilddrüsenerkrankungen und Diabetes relevante Faktoren.
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Frauen sind ab etwa 45 Jahren besonders gefährdet; zudem fand eine Untersuchung iranischer Forscher des Tehran Heart Center bei unter sieben Stunden Schlaf ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Auch hormonelle Verhütungsmittel können das Risiko verdoppeln bis verdreifachen.
Therapieansätze über Ernährung und Bewegung
Die Behandlung erfolgt häufig medikamentös. Bei therapieresistentem Verlauf steht mit der minimalinvasiven Nieren-Sympathikus-Ablation eine interventionelle Option zur Verfügung. Häufig lässt sich der Blutdruck jedoch bereits durch Lebensstiländerungen und Ernährung positiv beeinflussen.
Im American Journal of Clinical Nutrition fordern Experten um Erstautorin Naomi Fukagawa von der University of Vermont, Natrium und Kalium gemeinsam zu betrachten. Die SSaSS-Studie aus China zeigte, dass ein Salzersatz aus 75 % Natriumchlorid und 25 % Kaliumchlorid den Blutdruck senkte und mit weniger schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen einherging.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt täglich maximal sechs Gramm Salz – in Deutschland werden im Schnitt neun Gramm verzehrt. Hinsichtlich Kalium rät die WHO zu 3500 mg pro Tag, während die DGE 4000 mg empfiehlt und bei Bluthochdruck 3500 bis 4700 mg als wirksam einstuft. Kaliumpräparate sollten bei Nierenerkrankungen jedoch nur nach ärztlicher Absprache eingenommen werden.
Regelmäßige Aktivität unterstützt die Gefäßgesundheit zusätzlich. Eine Studie der Canterbury Christ Church University im Fachblatt BMJ Open Sport & Exercise Medicine ergab, dass isometrisches Wandsitzen bei 100 Erwachsenen nach vier Wochen den systolischen Blutdruck um rund 9,5 mmHg gegenüber der Kontrollgruppe senkte; in den Folgewochen reichte eine Einheit wöchentlich aus, um den Effekt kurzfristig zu halten.
Zudem belegt eine UK-Biobank-Studie an 52.838 Hypertonikern über eine mediane Nachbeobachtungszeit von 7,5 Jahren, dass sowohl regelmäßig Aktive als auch sogenannte Wochenend-Sportler ein um rund 30 % verringertes Risiko für Gesamtmortalität im Vergleich zu Inaktiven aufweisen. Bereits 30 Minuten moderate tägliche Bewegung tragen maßgeblich zur Stabilisierung des Kreislaufs bei.
