Blutdruck, Suchwerkzeugen

Blutdruck per KI: Drei von vier Suchwerkzeugen empfehlen ungeprüfte Geräte

Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 17:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Manschettenlose Systeme liefern teils ungenaue Werte; für die Blutdruckkontrolle empfehlen Fachleute validierte Oberarmgeräte.
Ein klassisches, mechanisches Blutdruckmessgerät mit Manschette auf einem weißen Untersuchungstisch in einer Arztpraxis. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen und Fachbeiträge weisen darauf hin, dass KI-basierte und manschettenlose Blutdruckmessgeräte bei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ungenaue Messwerte liefern können.

Zudem werden relevante Lebensstilfaktoren bei der rein digitalen Erfassung häufig unterschätzt. Während tragbare Sensoren im Alltag an Beliebtheit gewinnen, betonen Kardiologen und Fachgesellschaften die deutlichen Grenzen der Technologie.

Technische Grenzen und fehlende Zulassung für Diagnosen

Geräte ohne aufblasbares Luftkissen erfassen den Blutdruck nicht mechanisch, sondern stützen sich auf eine optische Schätzung der Pulswellen mithilfe von Algorithmen.

Ein Industrie-Report verdeutlichte Mitte Oktober 2026, dass derartige Systeme keine klinische Zulassung für diagnostische Zwecke besitzen. Eine punktuelle Einzelmessung eigne sich weder für die ärztliche Diagnosestellung noch für eigenmächtige Anpassungen einer medikamentösen Therapie.

Da Algorithmen mit der Zeit driften können und erhebliche individuelle Abweichungen auftreten, lasse ein berechneter Gruppendurchschnitt keine verlässlichen Rückschlüsse auf konkrete Einzelwerte zu. Der Nutzen beschränke sich primär auf die Trendbeobachtung, etwa zur Erkennung von Stressspitzen oder nächtlichen Schwankungen.

Kardiologen heben hervor, dass Smartwatch-Messungen lediglich als grobe Schätzwerte und nicht als medizinische Messungen einzustufen sind. Optische Sensoren analysieren den Blutfluss unter der Haut, wobei Faktoren wie die Haltung des Handgelenks, körperliche Bewegung oder Kälte die Resultate verfälschen können.

Bei auffälligen Messwerten raten Mediziner dazu, zunächst fünf Minuten ruhig zu sitzen, eine Gegenprüfung mit einem validierten Oberarm-Messgerät vorzunehmen und diese gegebenenfalls nach zehn Minuten zu wiederholen.

KI-Systeme empfehlen häufig unvalidierte Messgeräte

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Die Zuverlässigkeit der Technik wird auch durch die Auswahl der genutzten Geräte beeinflusst. Eine Präsentation von Dr. Anna Soriano von der Universität Montreal auf der Jahrestagung der American Heart Association (AHA) zeigte auf, dass drei von vier getesteten KI-Suchwerkzeugen häufig nicht validierte Blutdruckmessgeräte für den Heimgebrauch empfahlen.

Untersucht wurden 324 Geräte, von denen 179 keine entsprechende Validierung aufwiesen. Die Trefferquoten bei der Erkennung validierter Modelle lagen für Copilot, ChatGPT und Perplexity zwischen 63 und 83 Prozent, während Google Gemini Werte zwischen 86 und 91 Prozent erreichte. Die vor einem Peer-Review stehenden Ergebnisse besitzen vorläufigen Charakter.

Keith Ferdinand, ein Sprecher der AHA, erinnerte daran, dass Geräte zertifiziert und in Verzeichnissen wie validatebp.org aufgeführt sein sollten. In den USA weisen rund 47 Prozent der Erwachsenen – mehr als 125 Millionen Menschen – eine Hypertonie auf, von denen lediglich etwa ein Viertel als kontrolliert gilt.

Auf dem ESC-Kongress 2026 stellten Forscher der University of Tokyo und des Institute of Science Tokyo zudem ein Verfahren vor, bei dem ein Algorithmus anhand von fünfsekündigen Gesichtsvideos bei 215 Teilnehmern Bluthochdruck mit über 90 Prozent und Diabetes mit über 80 Prozent Genauigkeit erkannte.

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Bei der Blutdruck-Schätzung lag der mittlere absolute prozentuale Fehler bei 8,6 Prozent mit einer Standardabweichung von ±12,0 mmHg. Angesichts von weltweit etwa 1,4 Milliarden Erwachsenen mit Bluthochdruck und 589 Millionen mit Diabetes seien jedoch größere multizentrische Studien erforderlich.

Hürden bei Validierungsstandards und Fehlerquellen im Alltag

Die formale Überprüfung manschettenloser Systeme stellt die Forschung vor methodische Hürden. Ein Fachkommentar analysierte die Validierung nach Richtlinien der European Society of Hypertension (ESH).

Das Protokoll für Tag- und Nachtmessungen verlangt im Vergleich zu einer 24-Stunden-Blutdruckmessung eine mittlere Differenz von höchstens 5 ± 8 mmHg sowie eine Korrelation von mindestens r = 0,7. In einer Studie von Lee zum Sensor-Ring CART BP Pro wurden 84 Teilnehmer rekrutiert, von denen bei 63 valide Daten vorlagen und 35 in die Primäranalyse eingingen.

Zwar wurde dieser spezifische Test bestanden, die Untersuchung deckte jedoch nur einen von sechs ESH-Tests ab, und ein Rekalibrierungstest fehlte. Zudem wiesen lediglich 13 der 35 Probanden eine Hypertonie-Diagnose auf, sechs befanden sich unter Therapie, und die Studie wurde vom Hersteller mitfinanziert.

Bereits in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2025 äußerte die AHA Bedenken hinsichtlich der Zuverlässigkeit manschettenloser Messgeräte, da Werte je nach Bewegung, Schlaf, Haltung und Kalibrierungsabstand schwanken.

Für die Heimüberwachung bleiben Oberarm-Manschettengeräte die bevorzugte Wahl. Vor jeder Messung sollten Betroffene 30 Minuten lang auf Sport, Koffein und Rauchen verzichten sowie fünf Minuten ruhig sitzen; bei Werten über 180/140 mmHg ist sofortige medizinische Hilfe nötig.

Auch bei herkömmlichen Messgeräten können Bedienungsfehler das Ergebnis beeinflussen. Eine 2024 in JAMA Internal Medicine publizierte Studie der Johns Hopkins University an 133 Erwachsenen belegte, dass ein auf dem Schoß abgelegter Arm den systolischen Wert im Schnitt um 3,9 mmHg und ein ungestützt an der Seite hängender Arm um 6,5 mmHg erhöhte, während diastolische Werte um rund 4 mmHg anstiegen.

Daher sind eine gestützte Armhaltung auf Herzhöhe, eine angelehnte Rückenposition und flach aufgestellte Füße essenziell. Regelmäßige Kontrollen der Geräte bleiben ratsam: Bei Heimgeräten gilt eine Abweichung von mehr als 5 mmHg im standardisierten Vergleich mit einem kalibrierten Referenzgerät als Nachkalibrierungsbedarf, um Fehldiagnosen zu vermeiden.

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