Bildschirmzeit, Jugendlichen

Bildschirmzeit bei Jugendlichen: Zwillingsstudie relativiert psychische Risiken

Veröffentlicht am: 11.10.2026 um 17:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Der Vergleich von Zwillingen schwächt den statistischen Zusammenhang ab; gezielte Verhaltenstherapie hilft Jugendlichen mit problematischer Mediennutzung.

Bildschirmzeit bei Jugendlichen: Zwillingsstudie relativiert psychische Risiken
Ein minimalistisch eingerichteter, sonnendurchfluteter Raum mit einem leeren Schreibtisch und einem Stuhl. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle Studien und Fachleute setzen sich intensiv mit der Frage auseinander, wie sich Bildschirmzeit und Videospiele auf die psychische Gesundheit sowie die Gehirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirken. Während frühere Annahmen oft von direkten negativen Kausalitäten ausgingen, zeichnen neuere methodische Ansätze und differenzierte Erhebungen ein weitaus komplexeres Bild.

Zwillingsforschung hinterfragt direkte Kausalitäten

Eine am 8. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour veröffentlichte Zwillingsstudie des schwedischen Karolinska Institutet unter Leitung von Tong Gong und Yi Lu untersuchte Daten von 21.797 schwedischen Zwillingen. Die Forschenden analysierten schwere interaktive Nutzung, definiert als mehr als 6 Stunden pro Tag, im Vergleich zu höchstens 2 Stunden täglich.

In herkömmlichen Auswertungen der Gesamtkohorte ging eine interaktive Nutzung von mehr als 6 Stunden an Werktagen im Alter von 15 Jahren mit einer adjustierten Hazard Ratio von 3,37 für registrierte Diagnosen wie Depression oder Angst bis zum Alter von 28 Jahren einher. Bei Wochenendnutzung lag die Rate bei 2,30.

Beim direkten Vergleich innerhalb identischer Zwillingspaare fielen die Schätzungen im Alter von 15 Jahren jedoch um 32 bis 95 Prozent geringer aus und waren nach einer Mehrfachtest-Korrektur nicht mehr statistisch signifikant. Auch sank das Risiko innerhalb von Familien an Werktagen auf eine Hazard Ratio von 1,65, was der statistischen Korrektur ebenfalls nicht standhielt.

Tong Gong vom Karolinska Institutet erklärte hierzu, dass der Zusammenhang in manchen Fällen überschätzt worden sei, weil gemeinsame Familienfaktoren nicht vollständig berücksichtigt werden konnten. Kausalitäten seien begrenzt, zugleich reichten die Daten aber nicht für eine Entwarnung aus.

Eine ähnliche Tendenz zeigte eine schottische Langzeitstudie mit Erhebungsdaten des Scottish Centre for Social Research: Nach der statistischen Adjustierung für familiäre Faktoren fand sich bei Kindern im Alter von 5 und 10 Jahren kein relevanter Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Verhaltens- oder emotionalen Schwierigkeiten.

Gezielte Interventionen und das Nutzungsverhalten

Für Jugendliche mit bereits auffälligem Nutzungsverhalten bieten strukturierte Hilfen messbare Erfolge. Eine am 4. September 2026 in JAMA Network Open publizierte Studie der Universität Heidelberg unter Leitung von Prof. Dr. Katajun Lindenberg begleitete 1.793 Jugendliche an 44 Schulen in Baden-Württemberg.

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Nach einem Jahr zeigte sich bei Teilnehmenden ohne Suchtrisiko kaum ein messbarer Effekt von Schulungsprogrammen. In der Hochrisikogruppe erwies sich jedoch ein verhaltenstherapeutisches Training als 50 Prozent effektiver gegen Gaming-Störungen und problematische Online-Nutzung als reine Medienbildung.

Fachleute weisen zudem darauf hin, dass die Art der Mediennutzung entscheidend ist. Laut einer im Fachjournal Current Psychology veröffentlichten Untersuchung von H. Li an 1.200 Jugendlichen förderte eine aktive soziale Interaktion die Entwicklung der Emotionsregulation, während passives Browsen und sozialer Vergleich mit Verzögerungen bei der kognitiven Neubewertung einhergingen.

Für jüngere Altersgruppen betonte Florian Rehbein, Professor für Suchthilfe und Suchtprävention an der Fachhochschule Münster, dass Spiele ohne klares Ende ein exzessives Verhalten begünstigen könnten. Grundschulkindern fehle oft die ausgereifte Gehirnentwicklung zur Impulssteuerung, weshalb bei Titeln mit Risiken wie In-Game-Käufen oder Gewaltdarstellungen Vorsicht geboten sei.

Digitale Belastung im Alltag

Der alltägliche Medienkonsum bleibt für viele Heranwachsende spürbar. In der JIMplus-Studie 2026 gaben 55 Prozent der 14- bis 17-Jährigen an, dass ihnen soziale Medien Zeit für Freizeit und Erholung nehmen, während 72 Prozent von anstehenden Aufgaben abgelenkt werden.

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Laut einer EU-weiten Eurobarometer-Befragung schätzten Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren ihre eigene Nutzungszeit an Schultagen auf 4,5 Stunden und am Wochenende auf 6,1 Stunden.

Die wissenschaftliche Gesamtschau verdeutlicht somit, dass nicht allein die reine Verweildauer vor dem Bildschirm problematisch ist, sondern vielmehr das Zusammenspiel aus individueller Anfälligkeit, Nutzungsmustern und dem familiären Umfeld.

Mehr zum Thema bei MDR: „Hohe Bildschirmzeit und psychische Gesundheit: Was eine Zwillingsstudie wirklich zeigt“

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