Bildschirmzeit bei Jugendlichen: Zwillingsdaten relativieren psychische Risiken
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 18:03 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Debatte über die Auswirkungen digitaler Medien auf die psychische Gesundheit von Heranwachsenden wird seit Jahren intensiv geführt. Eine wissenschaftliche Untersuchung des Karolinska Institutet liefert differenzierte Erkenntnisse zu diesem Wirkungsgefüge.
Wie die schwedische Institution in einem Bericht vom 8. Oktober 2026 mitteilte, deuten die im Fachjournal Nature Human Behaviour veröffentlichten Daten darauf hin, dass der direkte Zusammenhang zwischen hoher Bildschirmzeit und psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen vielfach überschätzt wird. Gemeinsame Familienfaktoren wie genetische Einflüsse und das Aufwachsen erklären demnach einen wesentlichen Teil der Korrelation.
Zwillingsvergleich relativiert beobachtete Zusammenhänge
Für die Forschungsarbeit analysierte ein Team um Tong Gong, Emma Frans und Yi Lu Daten von mehr als 21.000 schwedischen Zwillingen, die ab einem Alter von 9 Jahren bis ins Erwachsenenalter begleitet wurden. Die korrespondierende Studienleitung lag bei Tong Gong aus der Abteilung für medizinische Epidemiologie und Biostatistik gemeinsam mit Yi Lu.
In der allgemeinen Betrachtung zeigten sich die klarsten Zusammenhänge zwischen Bildschirmzeit sowie Symptomen von Depression und Angst bei interaktiven Aktivitäten wie Gaming, Chatten und Surfen. Bei passiven Aktivitäten wie dem Konsum von TV oder Videos waren diese Zusammenhänge schwächer oder gar nicht vorhanden.
So wiesen 15-Jährige mit mehr als 6 Stunden täglich interaktiver Bildschirmzeit mehr Depressions- und Angstsymptome sowie eine mehr als 2-fach höhere Diagnosewahrscheinlichkeit im späteren Verlauf auf als Jugendliche mit höchstens 2 Stunden täglich.
Wenn Ihr Teenager stundenlang chattet oder zockt, ist die Sorge verständlich — doch eine große Zwillingsstudie aus Schweden zeigt: Der direkte Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und psychischen Problemen wird vielfach überschätzt. Familiäre Faktoren wie Erziehung und Genetik erklären einen wesentlichen Teil. Unser kostenloser Elternleitfaden hilft Ihnen, gelassener hinzuschauen und trotzdem klar zu bleiben. Jetzt kostenlosen Elternleitfaden anfordern
Beim gezielten Zwillingsvergleich innerhalb der Familien schwächten sich die meisten dieser Zusammenhänge jedoch ab. Dies war besonders bei eineiigen Zwillingen der Fall. Nach einer Korrektur für multiples Testen blieben die Effekte statistisch nicht mehr signifikant.
Die Annahme, dass Heranwachsende durch hohe Bildschirmzeit zwangsläufig körperliche Schäden erleiden, greift laut den Daten zu kurz und sei allenfalls eine Teilursache für Probleme wie schlechten Schlaf und seelische Belastungen. Geteilte familiäre Faktoren wie Erziehung und Genetik spielen hingegen eine wesentliche Rolle.
Methodische Grenzen und Ausrichtung künftiger Leitlinien
Aus den Ergebnissen leiten die Forschenden veränderte Ansätze für künftige Handreichungen ab. Co-Autorin Emma Frans erläuterte, dass künftige Empfehlungen nicht nur die reine Zeitdauer fokussieren sollten, sondern vielmehr Inhalte, Motivation sowie individuelle und familiäre Faktoren in den Blick nehmen müssen.
Nicht die Stunden sind entscheidend, sondern was Ihr Kind dort tut: Interaktive Aktivitäten wie Gaming, Chatten und Surfen zeigten in den Daten die deutlichsten Zusammenhänge, passive Video-Nutzung kaum welche. Unser Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie Inhalte und Motivation in den Blick nehmen statt die Uhr — und wie Sie das Gespräch mit Ihrem Teenager führen, ohne dass es eskaliert. Checkliste Inhalte statt Stunden jetzt sichern
Zugleich verweist die Studie auf methodische Einschränkungen. Die Datengrundlage basierte auf Selbstauskünften der teilnehmenden Personen, zudem wurden Teile der Erhebungen vor der Ära moderner Smartphones und sozialer Medien durchgeführt.
Gefördert wurde die Untersuchung durch die Marianne and Marcus Wallenberg Foundation sowie die Swedish Brain Foundation (Hjärnfonden). Außerhalb dieser Studie erhielt Co-Autor Henrik Larsson Forschungsgelder, Honorare und Beratungsgebühren von pharmazeutischen Unternehmen.
