Bewegung und Teilhabe: Studie verbindet beides mit 7,2 Jahren mehr geistiger Fitness
Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 09:43 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Regelmäßige körperliche Aktivität und gezieltes Training gelten in der medizinischen Forschung sowie in der kommunalen Praxis als zentrale Bausteine, um die geistige Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter zu bewahren und das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen zu senken.
Zahlreiche aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen und praxisorientierte Initiativen belegen die enge Wechselwirkung zwischen körperlicher Fitness, gezielten kognitiven Übungen und der Gehirngesundheit.
Kohortenstudien belegen präventive Effekte von Bewegung und Teilhabe
Eine im Fachjournal Alzheimer's & Dementia publizierte Untersuchung eines Forschungsteams um Li Xiangwei von der Shanghai Jiao Tong University liefert umfangreiche Daten zum Zusammenhang von Aktivität und geistigem Abbau. Die Analyse stützt sich auf 54.217 kognitiv unbeeinträchtigte Teilnehmerinnen und Teilnehmer ab 50 Jahren aus vier Kohorten.
Im Vergleich zur Gruppe mit niedriger Bewegung und geringer sozialer Teilhabe (Gruppe LL) wiesen Personen mit hoher Bewegung und geringer Teilhabe (HL) ein reduziertes Risiko für kognitive Beeinträchtigungen auf (Hazard Ratio, HR 0,80; 95% CI 0,73–0,88).
Ähnliche Werte zeigten sich für die Gruppe mit niedriger Bewegung und hoher Teilhabe (LH; HR 0,79; 95% CI 0,66–0,95). Zwischen den Gruppen HL und LH bestand kein statistischer Unterschied (HR 1,01; 95% CI 0,89–1,16).
Die besten Ergebnisse erzielte die Gruppe mit hoher Bewegung und hoher Teilhabe (HH; HR 0,70; 95% CI 0,61–0,81 gegenüber LL). Gegenüber der reinen Bewegungsgruppe (HL) lag die Hazard Ratio bei 0,87 (95% CI 0,79–0,96), gegenüber der Gruppe mit alleiniger hoher Teilhabe (LH) bei 0,89 (95% CI 0,84–0,93).
Die kognitiv beeinträchtigungsfreie Lebenserwartung ab 50 Jahren betrug in der LL-Gruppe 17,5 Jahre, in der HL-Gruppe 23,2 Jahre, in der LH-Gruppe 20,1 Jahre und in der kombinierten HH-Gruppe 24,7 Jahre. Dies entspricht einem Zuwachs von 7,2 Jahren für die Gruppe mit kombiniert hoher Aktivität und Teilhabe gegenüber der inaktiven Kontrollgruppe. Die Autoren weisen darauf hin, dass es sich um Beobachtungsdaten handelt und keine Kausalität abgeleitet werden kann.
Zusätzliche Daten des Forschungsprogramms All of Us, die in Scientific Reports veröffentlicht wurden, bestätigen die Zusammenhänge im Alltag. Anhand von Daten von 3.093 Personen zwischen 18 und 93 Jahren, die zwischen 2009 und 2023 mittels Fitness-Trackern erfasst wurden, untersuchten Forscher den Zusammenhang mit verschiedenen kognitiven Leistungstests.
Eingeteilt in drei Schrittcluster – Cluster A mit durchschnittlich 5.108 Schritten, B mit 8.875 Schritten und C mit 14.161 Schritten – schnitten die aktiveren Cluster B und C signifikant besser ab als Cluster A. Pro 1.000 zusätzlichen Schritten stiegen die Testergebnisse im Grad-CPT-Test um 0,31 Punkte und im Flanker-Test um 0,26 Punkte.
Zugleich war ein höherer systolischer Blutdruck negativ mit dem DD-Task-Score assoziiert; dieser Blutdruckwert erklärte 4,8 Prozent des Zusammenhangs zwischen Bewegung und DD-Task-Leistung. Auch hier blieben die Effektstärken klein, Kausalbelege liegen nicht vor.
Verlangsamter Verlauf bei neurodegenerativen Erkrankungen
Dass körperliche Aktivität auch bei bestehenden neurologischen Diagnosen eine Rolle spielen kann, verdeutlicht eine am 7. Oktober 2026 vorgestellte Kooperationsstudie der Universität Cincinnati und der Katholischen Universität Korea im Fachblatt Neurology.
Unter Beteiligung von Erstautor Dong-Woo Ryu wurden 294 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Parkinson-Erkrankung (Durchschnittsalter 66,4 beziehungsweise 66 Jahre, rund 33 Prozent Frauen) nachverfolgt, die zwischen Januar 2019 und Februar 2025 rekrutiert worden waren.
Die kognitive Nachbeobachtung lief bis zu fünf Jahre, die motorische bis zu sieben Jahre. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lebten im Jahr 2019 weltweit über 8,5 Millionen Menschen mit Parkinson.
In der Studie zeigten sich eine höhere Gesamtaktivitätszeit (TPT), ein höheres Gesamtaktivitätsvolumen (TPV) sowie intensive Aktivitätszeit (VPT) mit einem langsameren kognitiven und motorischen Rückgang assoziiert.
Die jährliche Veränderung auf der kognitiven MoCA-Skala (0 bis 30 Punkte) lag bei maximal 4 Stunden Aktivität pro Woche bei minus 0,478 Punkten, bei 4 bis 8 Stunden bei minus 0,090 Punkten und bei über 8 Stunden bei minus 0,007 Punkten.
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Bei der motorischen Erfassung mittels MDS-UPDRS-III (0 bis 132 Punkte, Ausgangswert im Schnitt 23) verschlechterten sich Patienten mit geringer Aktivität um 0,143 Punkte pro Jahr, während sich aktivere Gruppen um minus 0,225 beziehungsweise minus 0,783 Punkte verbesserten.
Der adjustierte Unterschied zwischen der höchsten und niedrigsten Aktivitätsgruppe lag bei 0,470 Punkten pro Jahr kognitiv und minus 0,926 Punkten pro Jahr motorisch.
Die Zusammenhänge bestanden auch nach Adjustierung für Alter, Geschlecht, Krankheitsdauer und eine 10-Jahres-Aktivität fort. Wurde die Gesamtaktivitätszeit berücksichtigt, war intensive Aktivität nicht mehr unabhängig assoziiert. Als Limitation stuften die Wissenschaftler die Erfassung der Bewegung über Selbsteinschätzungen ein; Ursache-Wirkungs-Schlüsse lassen sich aus der Beobachtungsstudie nicht ziehen.
Neurobiologische Mechanismen und Hirnalter
Welche Prozesse im Gehirn ablaufen, verdeutlichen Grundlagen- und Interventionsstudien. Eine am 13. Oktober 2026 bekannt gewordene tierexperimentelle Untersuchung der Atlantischen Universität Florida und des CINVESTAV in Mexiko zeigte, dass regelmäßiges Lauftraining bei jungen und mittelalten Mäusen adulte neuronale Verbindungen im Hippocampus aufrechterhielt.
Die Bewegung steigerte die Neubildung von Neuronen, verbesserte die Integration präsynaptischer Zellen und förderte die Fähigkeit zur Reizunterscheidung (Pattern Separation). Zwar heilt Bewegung neurodegenerative Leiden wie Alzheimer nicht, kann das Auftreten aber verzögern und den Schweregrad abmildern.
In einer 12-monatigen klinischen Studie mit 130 Erwachsenen im Alter von 26 bis 58 Jahren, publiziert im Journal of Sport and Health Science, absolvierten Probanden wöchentlich rund 150 Minuten moderate bis intensive Aktivität nach Empfehlungen der WHO. Bei ihnen ermittelte eine MRT-Biomarker-Analyse ein biologisches Hirnalter, das durchschnittlich 0,6 Jahre unter dem chronologischen Alter lag.
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In der Kontrollgruppe war das Gehirn im Schnitt rund 0,35 Jahre älter als das kalendarische Alter, was einem Gruppenunterschied von etwa einem Jahr entsprach. Der zugrundeliegende Mechanismus blieb ungeklärt, da Fitness- oder Blutdruckveränderungen den Effekt nicht erklärten; Langzeitfolgen wurden nicht erfasst.
Bereits eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2017 von Cammisuli et al. im Archivio Italiano di Biologia (DOI: 10.12871/000398292017126) dokumentierte für aerobes Training moderate kognitive Verbesserungen bei Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI), unter anderem beim logischen Gedächtnis und bei der Aufmerksamkeit. Ein Nachweis, dass aerobes Training das Fortschreiten einer MCI zur manifesten Demenz verhindert, liegt jedoch nicht vor.
Experten betonen Beeinflussbarkeit von Risikofaktoren
Mediziner heben das präventive Potenzial hervor. Der Neurowissenschaftler Emrah Düzel verweist darauf, dass nahezu die Hälfte aller Demenzfälle durch modifizierbare Faktoren mitbestimmt sei.
Neben Bewegung und Muskelkraft zählten dazu unter anderem Blutdruck- und Cholesterinwerte, der Verzicht auf Nikotin, reduzierter Alkoholkonsum sowie kognitive Herausforderungen wie die Navigation ohne Mobiltelefon. Auch bei familiärer Vorbelastung ließen sich Risiken senken.
Der Neurologe Gilles Allali hebt hervor, dass das menschliche Gehirn auch im höheren Alter anpassungsfähig bleibe; bereits durch regelmäßiges Gehen lasse sich eine messbare Optimierung der Gehirnfunktion feststellen.
Am 14. Oktober 2026 erläuterte der Neurologe Jonathan Graff-Radford von der Mayo Clinic in Jacksonville das Konzept der kognitiven Reserve. Diese beschreibt das Vermögen des Gehirns, Denkleistung und Gedächtnis trotz pathologischer Veränderungen aufrechtzuerhalten. Zwar verhindert sie demenzspezifische Hirnveränderungen nicht, kann jedoch den Symptombeginn hinauszögern.
Ergänzend ergab eine Kohortenstudie der Mayo Clinic mit über 10.000 Erwachsenen ab 70 Jahren, dass geistig stimulierende Freizeitbeschäftigungen wie Kurse, Schreiben, Kartenspielen oder Kreuzworträtsel mit einem über zehn Jahre reduzierten Demenzrisiko einhergingen.
Ebenso spielen ausreichend Schlaf, Bewegung, die Behandlung von Stoffwechsel- und Gefäßerkrankungen sowie jährliche Hör- und Sehtests eine Rolle, da unbehandelte sensorische Defizite das Demenzrisiko steigern.
Lokale Programme setzen auf kombinierte Trainingsmethoden
Die Erkenntnisse fließen zunehmend in kommunale Angebote ein. In Südkorea startete das Gesundheitszentrum Sangdang in Cheongju ein einmonatiges Programm im Yongam-Sozialwohlfahrtszentrum für zwölf Seniorinnen und Senioren mit leichter kognitiver Beeinträchtigung. Das sogenannte Dual-Task-Training kombiniert Bewegungs- mit Kognitionseinheiten.
Dreimal pro Woche stehen Aktivitäten an: zwei Einheiten „GOGO-Kognitionstraining“ verbinden körperliche Übungen mit Sprach-, Konzentrations- und Gedächtnisaufgaben, ergänzt durch feinmotorische Handwerksarbeiten. Zentrumsleiterin Bang Yeong-ran kündigte an, das Angebot künftig weiter auszubauen.
An der Cardiff Metropolitan University leiten Zsofia Szekeres und George Jennings das Projekt MIMA (Movement Inspired by Martial Arts), das Techniken aus dem Kampfsport für ältere Menschen ab 50 Jahren adaptiert. Unterstützt durch Netzwerke wie das National Lottery Community Fund Netzwerk SPIN-D+ sowie regionale Partner werden Handbücher und Videos erarbeitet, um niedrigschwellige Zugänge zur Demenzprävention zu schaffen.
Auch im deutschsprachigen Raum etablieren sich entsprechende Formate. Der TV Friedrichstal 1899 e.V. im baden-württembergischen Stutensee bietet mit „Kopf & Körper in Bewegung“ ein kostenfreies Angebot in der Vereinshalle an, das Mobilisation und Koordination mit Denkaufgaben verknüpft (Termine am 17. Oktober, 21. November und 12. Dezember 2026).
Das Happy Tri-Team Gundelsheim veranstaltet am 21. Oktober 2026 den Vortrag „Diabetes, Demenz und Bewegung – die unsichtbare Verbindung“ über den Einfluss von Blutzucker und Bewegung auf das Gehirn.
In Österreich lädt die Demenzservicestelle Ried unter der Leitung von Birgit Amsz für den 2. November Betroffene zu einem kostenlosen MAS-Ressourcentraining nach Schärding ein. Im bayerischen Tittmoning stellte Margit Hauer im Rahmen der Reihe „Dahoam bleiben“ am 14. Oktober 2026 einen Kurs für Gedächtnistraining ab 55 Jahren vor.
Zuvor hatte im burgenländischen Bad Tatzmannsdorf vom 25. September bis 2. Oktober 2026 das erste Body & Mind Festival stattgefunden, bei dem Experten wie Dr. Slaven Stekovic und Dr. Manuela Macedonia die Verknüpfung von Bewegung, Langlebigkeit und Gehirngesundheit thematisierten.
