Bewegung gegen Schmerzen: Auswertung mit 220.000 Teilnehmenden zeigt Wirkung
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 16:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Einbindung von Sport- und Bewegungstherapien in die Behandlung chronisch kranker Kinder und Jugendlicher gewinnt zunehmend an klinischer Bedeutung. Im Fokus steht dabei gegenwärtig die sogenannte BEPPO-Studie, die die Umsetzbarkeit solcher Therapiemaßnahmen im Klinikalltag an 13 kinderonkologischen Zentren untersucht.
Da Bewegungsprogramme derzeit noch kein fester Bestandteil der Regelversorgung in der pädiatrischen Onkologie sind und Erstattungen meist nur in Ausnahmefällen erfolgen, zielt das Projekt auf eine langfristige Verankerung in den medizinischen Leitlinien ab.
Struktur und Förderung der BEPPO-Studie
Das Forschungsprojekt wird unter der Konsortialführung des Uniklinikums Essen und der Uniklinik Köln durchgeführt. Die Projektleitung liegt bei Miriam Götte (Universitätsmedizin Essen) und Freerk Baumann (Uniklinik Köln).
Seit Oktober 2025 fördert der Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) das Vorhaben mit einer Summe von rund 7,3 Millionen Euro über einen Zeitraum von 3,5 Jahren. Zu den Partnern des Konsortiums gehören zudem die Krankenkassen AOK Rheinland/Hamburg, Barmer, DAK-Gesundheit und die Techniker Krankenkasse (TK).
Für die Studie ist die Teilnahme von 346 Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 3 und 18 Jahren vorgesehen. Die Interventionsgruppe durchläuft unmittelbar nach der Diagnosestellung ein sechsmonatiges Bewegungsprogramm, das stationäre, ambulante sowie digitale Einheiten für das Training zu Hause umfasst.
Ergänzt wird die Intervention durch vier spezielle Bewegungsberatungen für die Familien der Betroffenen. Die Ergebnisse werden mit der standortspezifischen Regelversorgung verglichen, um die Effektivität des strukturierten Programms zu bewerten.
Forderungen nach inklusiven Sportstrukturen
Parallel zu den klinischen Forschungsbestrebungen rücken gesellschaftliche Rahmenbedingungen für junge Patienten in den Fokus. Mehrere Organisationen, darunter die Deutsche Sportjugend (dsj), die Deutsche Behindertensportjugend (DBSJ), die Deutsche Gehörlosensportjugend (DGJS) und die Special Olympics Deutschland Jugend (SOD Jugend), haben in einer gemeinsamen Positionierung eine gleichberechtigte Teilhabe gefordert. Grundlage hierfür bilden die UN-Kinderrechtskonvention sowie die UN-Behindertenrechtskonvention.
Die Verbände fordern unter anderem barrierefreie Sportstätten, eine bedarfsgerechte Finanzierung sowie verbindliche Qualitätsstandards in der Ganztagsbetreuung.
In einem Austausch mit dem Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel, wurde die Notwendigkeit inklusiver Strukturen unterstrichen, um Kindern mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen den Zugang zu sportlicher Aktivität zu erleichtern.
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Evidenz zur Wirksamkeit bei Schmerz und chronischen Erkrankungen
Die Relevanz von Bewegung als therapeutisches Instrument wird durch aktuelle Forschungsergebnisse gestützt. Eine im September 2026 veröffentlichte Auswertung der Universität Adelaide, die Daten von über 220.000 Teilnehmenden aus 157 systematischen Übersichtsarbeiten berücksichtigte, belegt die Wirksamkeit bei der Schmerzlinderung.
Den Ergebnissen zufolge sank das Schmerzempfinden im Mittel um 1,1 Punkte auf einer Skala von 0 bis 10. Dies entspreche einer deutlich größeren Linderung, als sie für gängige Schmerzmedikamente in separaten Studien zu chronischen Schmerzen verzeichnet wurde.
Auffallend war dabei, dass Programme mit geringer Intensität und einem Umfang von weniger als 120 Minuten pro Woche eine stärkere Wirkung zeigten als intensivere Langzeitprogramme.
Auch im Bereich der rheumatoiden Arthritis, an der in Deutschland etwa 700.000 Menschen leiden, wird die Bedeutung von Bewegung unterstrichen. Fachleute empfehlen neben der medikamentösen Therapie mit Wirkstoffen wie Methotrexat oder Biologika regelmäßig unterstützende Aktivitäten wie Aquafitness, Nordic Walking oder Yoga.
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Neue Ansätze in der Rehabilitation und Ausbildung
In der praktischen Anwendung zeigen sich zudem spezialisierte Konzepte für verschiedene Krankheitsbilder. In Wien wird beispielsweise die Methode Neurotango als Tanztherapie für Patienten mit Parkinson oder Demenz eingesetzt, um das Gangbild und das Gleichgewicht zu verbessern. Im Bereich der Kardiologie trainiert das Projekt „Young Heart Champions“ an der Deutschen Sporthochschule Köln Kinder mit angeborenen Herzfehlern.
Um die Bewegungsförderung bereits im frühen Kindesalter oder im Freizeitbereich zu stärken, entstehen neue Qualifizierungsangebote. Die Universität Innsbruck entwickelte gemeinsam mit den Original Kinderhotels Europa die Weiterbildung zum „Kinder-Bewegungscoach“.
In drei Modulen werden Hotel-Mitarbeitende geschult, um altersgerechte Bewegungsangebote für Drei- bis Zehnjährige zu gestalten. Hintergrund ist eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wonach mehr als 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen weltweit die empfohlenen Aktivitätswerte nicht erreichen.
