Bewegung fürs Gehirn: Schon 75 Minuten pro Woche zeigen messbare Effekte
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 19:04 Uhr | Redaktion boerse-global.deAm 3. November 2026 haben kanadische Psychiater, darunter Dr. Carl Zhou von der Universität Ottawa, in einem Fachbeitrag gefordert, körperliche Aktivität als strukturierte und individuelle Behandlung für die Gehirngesundheit ärztlich zu verordnen. Bewegung dürfe in der medizinischen Versorgung nicht länger als bloße Lifestyle-Empfehlung verbleiben, sondern müsse wie eine klinische Intervention gezielt eingesetzt und begleitet werden.
Gezielte Dosierung statt allgemeiner Ratschläge
Nach den Vorstellungen der Fachärzte muss ein entsprechendes Rezept präzise Kriterien festlegen. Eine vollwertige Verordnung solle Angaben zu Art, Häufigkeit, Intensität und Dauer der körperlichen Betätigung enthalten sowie Vorgaben zur Sicherheit und eine koordinierte Nachsorge umfassen.
Den Psychiatern zufolge stellen sich messbare Vorteile für die Gehirngesundheit bereits bei einem Trainingsumfang ein, der bei rund der Hälfte der gängigen Gesundheitsziele liegt: Bereits etwa 75 Minuten moderater Aktivität pro Woche genügen demnach, um spürbare Effekte zu erzielen. Im Vergleich dazu empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Erwachsenen eine wöchentliche Bewegungszeit von 150 bis 300 Minuten in moderater Intensität.
Datenbasis und methodische Grenzen
Die Argumentation der Fachmediziner stützt sich vorrangig auf Erkenntnisse aus Beobachtungsstudien. Ein starker Fokus der bisherigen Untersuchungen lag zudem auf Personen mit Schizophrenie.
Bezüglich der Effekte auf die Kognition schränken die Autoren ein, dass die vorliegenden Ergebnisse bislang auf wenigen, kleineren Studien beruhen. Dennoch heben sie hervor, dass eine individualisierte Trainingssteuerung das therapeutische Potenzial von Bewegung im Praxisalltag deutlich verlässlicher ausschöpfen könne.
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Personalisierte Prävention im klinischen Test
Dass strukturierte und auf das Individuum zugeschnittene Maßnahmen einen messbaren Mehrwert gegenüber reiner Wissensvermittlung erbringen, illustrieren auch internationale Modellvorhaben.
Im Rahmen des Pilotprogramms BEAT-AD, getragen von CUHK Medizin und der Charles K. Kao Foundation, wurden über 1.500 ältere Erwachsene betreut. Bei 831 kognitiv unauffälligen Teilnehmenden war zuvor mittels KI-gestützter Netzhautbildgebung bei rund 21 Prozent ein positives Screening-Ergebnis festgestellt worden.
Die Auswertung der Einjahresdaten von 532 Probanden ergab, dass sich der sogenannte Brain Health Score bei einem personalisierten Management um 1,3 Punkte verbesserte, während in der Kontrollgruppe mit reiner Aufklärung lediglich ein Plus von 0,2 Punkten verzeichnet wurde. Die kognitiven Werte der personalisiert betreuten Gruppe näherten sich dem Niveau von Personen an, die etwa drei Jahre jünger waren.
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Wachsende Relevanz bei neurodegenerativen Erkrankungen
Internationale Erkenntnisse verdeutlichen, dass die gezielte Beeinflussung von 14 modifizierbaren Risikofaktoren fast die Hälfte aller Demenzfälle weltweit verhindern oder hinauszögern kann. Angesichts steigender Fallzahlen gewinnt dieser präventive Ansatz stetig an Bedeutung.
In Hongkong beispielsweise wird laut Projektionen mit einer Zunahme der Demenzfälle von etwa 180.000 im Jahr 2026 auf rund 240.000 im Jahr 2036 gerechnet, wobei Alzheimer rund 70 Prozent der Fälle ausmacht.
Vor diesem Hintergrund startet dort im Januar 2027 in Kooperation mit dem Hong Kong Sheng Kung Hui Welfare Council das Folgeprogramm BEAT AD@WTS. Es soll über eine Laufzeit von zwei Jahren 2.700 älteren Erwachsenen im Distrikt Wong Tai Sin kostenlose Gehirngesundheitschecks sowie strukturierte Präventionsmaßnahmen zugänglich machen.
Mehr zum Thema bei Frankfurter Rundschau: „Sport fürs Gehirn: Psychiater fordern Bewegung als neue Therapie“
