Bayreuther Urteil: 30.000 Euro Zwangsgeld wegen fehlender Teilhabe
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 04:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein Tag der offenen Tür im „Service Wohnen am Dom“ am Untermarkt in Freiberg hat vor Augen geführt, wie sich Angebote für ältere Menschen derzeit ausdifferenzieren. Besucher konnten dort das sogenannte Bunte Wohnzimmer, die Tagespflege mit einer Mitsingparty des Ensembles „Unbeschwert“, Apartments unterschiedlicher Größe sowie eine Dachterrasse besichtigen.
Träger der Einrichtung ist der AWO-Kreisverband Mittelsachsen. Das Angebot richtet sich sowohl an eigenständig lebende Ältere als auch an Menschen mit Pflegegrad, in allen Größenordnungen und Wohnformen seien nach Angaben des Verbands noch Plätze frei. Interessierte können sich telefonisch unter 03731 795 700 bei Martina Hegewald informieren.
Der Freiberger Termin steht exemplarisch für einen bundesweiten Trend: Kommunen, Wohlfahrtsverbände und private Initiativen erproben derzeit unterschiedliche Modelle, um älteren Menschen sowohl Selbstständigkeit als auch soziale Anbindung zu ermöglichen.
Bewegung, Wettbewerb und Nachbarschaftshilfe als Bausteine der Teilhabe
Wie stark Bewegung und Geselligkeit als Gegenmittel gegen Vereinsamung im Alter gelten, zeigte ein Seniorenolympiade-Finale, bei dem Bewohner aus acht Wohn- und Pflegezentren eine Woche lang bei sportlichen und geselligen Aktivitäten gegeneinander antraten.
Zum Finale kamen sechs Einrichtungen aus dem Norden in der Residenz Leoni in Kelmis zusammen, zwei Heime aus dem Süden waren per Videoschalte zugeschaltet. Auch niedrigschwellige Formate spielen eine Rolle: In Jena-Ost singen Nachbarn für Senioren im Diakonie-Seniorenzentrum Gertrud Schäfer in Wenigenjena – trotz anfänglicher Berührungsängste.
Münster setzt auf strukturelle Altersfreundlichkeit
Systematischer geht die Stadt Münster vor, die 2022 dem WHO-Netzwerk „Age-friendly City“ beigetreten ist. Nach Angaben von Daniela Noack, Altenhilfeplanerin im Sozialamt Münster, sind etwas mehr als 25 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt, das entspricht mehr als 81.000 Menschen.
Der Fokus liegt zunächst auf sozialer Teilhabe und Engagement: Die Stadt passt Förderrichtlinien für Begegnungsangebote an und hat einen Qualitätszirkel für altengerechte, inklusive Quartierszentren eingerichtet.
Grundlage ist eine repräsentative Bürgerbefragung, bei der 5.000 Menschen über 60 angeschrieben wurden und eine Rückläuferquote von 48 Prozent erzielt wurde, erhoben mit dem Fragebogen AFCCQ. Ergänzend wurde ein Beirat Altersfreundliche Stadt Münster eingerichtet, begleitet von zwölf Arbeitskreisen unter dem Titel „Älter werden in…“.
Selbstständigkeit auch bei psychischer Erkrankung
Der AWO-Bezirksverband Braunschweig eröffnete am Inselwall einen zusätzlichen Standort seines Sozialpsychiatrischen Zentrums. Dort leben psychisch erkrankte Menschen in Wohngemeinschaften mit jeweils zwei bis drei Personen; Ziel ist mehr Selbstständigkeit und die Vorbereitung auf ein Leben außerhalb einer Einrichtung.
Betreuung ist auch digital über Tablets möglich, die Unterstützung umfasst Tagesstruktur, Arbeit, Beschäftigung, Freizeit, Wohnraumführung und Zusammenleben.
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Bewohner haben Mitsprache bei Angeboten und Raumgestaltung. Bei der Eröffnung waren Oberbürgermeister Thorsten Kornblum und Staatssekretärin Christine Arbogast aus dem Sozialministerium anwesend. AWO-Vorstandsvorsitzender Rifat Fersahoglu-Weber warnte, die Eingliederungshilfe sei massiv von Kürzungen bedroht.
Dass Teilhabe auch rechtlich einklagbar ist, zeigt ein Fall vor dem Verwaltungsgericht Bayreuth. Bewohner einer Wohngruppe hatten diese laut Personalangaben seit mehr als zwei Jahren nicht verlassen, auch nicht für Spaziergänge.
Zwar seien Pflege und Ernährung gut gewesen, doch habe Personalmangel zu verspätetem oder ausbleibendem Besuch von Werkstatt oder Förderstätte geführt. Das Gericht bestätigte ein Zwangsgeld von 30.000 Euro und stellte klar, dass Förderung auch Wohngruppen umfasst; das bayerische Pflege- und Wohnqualitätsgesetz verlangt in Artikel 3 Eingliederung und selbstbestimmte Teilhabe.
Gemeinschaftliches Wohnen und lokale Netzwerke
In Dortmund findet am Sonntag, den 27. September 2026, von 10:30 bis 16:30 Uhr der achte Tag der offenen Wohnprojekte statt. Acht Initiativen im Stadtgebiet öffnen ihre Türen, Schwerpunkte sind inklusives Zusammenleben und die Umnutzung historischer Bestandsgebäude – freie Wohnungen zur Vermietung gibt es am Veranstaltungstag jedoch nicht.
Zum Programm zählen unter anderem Führungen und Vorträge zu Finanzierung und Inklusion bei „Wohnen im Ort“ in Hombruch, ein Nachmittagsprogramm von „MOSAIK – Leben in Vielfalt“ in Eving, Rundgänge und eine Ausstellung am „Hof Korte“ in Marten sowie ein Fachvortrag zur Konversion bei „WIR aufm Revier“ in Hörde.
Weitere Projekte wie „WIR am Phoenixsee“, „WIR am Viadukt“, „WIR auf Phoenix“ und der Beginenhof Dortmund bieten Erzählcafés und Rundgänge an. Die städtische Koordinierungsstelle Gemeinschaftliche Wohnformen informiert am Beginenhof von 14:30 bis 16:30 Uhr über künftige Baugrundstücke; der Eintritt ist kostenfrei.
Auf lokaler Ebene entstehen zudem regelmäßige Treffpunkte: In Neustadt an der Waldnaab startet am Mittwoch, den 30. September 2026, ein Seniorentreff unter dem Titel „In bester Gesellschaft“, der danach jeden Mittwoch von 14 bis 16 Uhr für Menschen ab 60 Jahren ohne Anmeldung offensteht, Kaffee und Kuchen kosten 4,99 Euro.
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In Ense wurden im Rahmen des Projekts „Miteinander aktiv 60plus“ binnen sechs Monaten zwölf neue Seniorengruppen gegründet; die Auftaktveranstaltung hatte knapp einen Monat nach Vorstellung über 100 Senioren zusammengebracht. Das erste Herbstfest im Lindenhof in Niederense war bis auf den letzten Platz gefüllt.
Zu den Gruppen zählen ein monatliches Wandern über sieben bis zehn Kilometer, gemütliches E-Bike-Fahren alle zwei Wochen und eine wöchentliche Walking-Bewegungsgruppe – organisiert als loses Zusammenkommen ohne Vereinsstruktur, weitere Gruppen sind laut Projektbeschreibung möglich.
Politische Debatten und Forschungsprojekte zur Zukunft der Pflege
Auch auf politischer Ebene wird das Thema diskutiert: Bei einer Jahrestagung des DGB-Arbeitskreises Senior:innenpolitik in Mannheim ging es um moderne Seniorenpolitik, Pflege, Barrierefreiheit und Teilhabe. Heike Baehrens, Vorsitzende des Landesseniorenrates Baden-Württemberg, nahm per Videoschalte teil.
Wissenschaftlich begleitet werden zwei Forschungsprojekte des Diakonie-Zentrums Pirmasens, die Pflege und selbstbestimmtes Wohnen in der Südwestpfalz untersuchen.
Das Projekt „Lebensraum“ unter Leitung von Angelina Ecker setzt auf kleine, gut vernetzte Pflegeteams in Dörfern und ein Baukastensystem aus Tagespflege, ambulanter Pflege, Alltagshilfe, Quartiersmanagement, Beratung und innovativen Wohnformen, mit Versorgung unter anderem in Ludwigswinkel, Schönau und Hermersbergerhof.
Das Projekt „Heimvorteil“ unter Hanna Steiner erprobt, wie digitale Hilfen menschliche Pflege ergänzen können; getestet wird dies durch eine ökumenische Sozialstation.
Beide Projekte werden mit jeweils 300.000 Euro pro Jahr vom Land Rheinland-Pfalz und den Pflegekassen gefördert und von der Hochschule Ludwigshafen wissenschaftlich begleitet; Ergebnisse werden bis Ende 2027 erwartet. Stefan Höhn, theologischer Vorstand der Diakonie, verwies darauf, dass bis Mitte der 2030er Jahre in Deutschland Hunderttausende Pflegekräfte fehlen werden.
Wie sich eigenständiges Wohnen mit Gemeinschaftsangeboten und flexibler Hilfe kombinieren lässt, beschreibt ein 79-jähriger Bewohner der Seniorenwohnanlage „Alte Brauerei“ in Schwerin. Er habe sich bewusst für den Umzug entschieden, um wieder aktiver zu werden, und nutze Bewegungsrunden, Ausflüge und Spaziergänge, während bei steigendem Pflegebedarf flexible Unterstützung bereitstehe. Besichtigungstermine vermittelt Luisa Isselhorst unter der Telefonnummer 0385 48938724.
Weitere Debatten sind bereits terminiert: Die Friedrich-Ebert-Stiftung lädt für Sonnabend, den 10. Oktober 2026, von 10 bis 15:30 Uhr in den Multifunktionsraum auf dem Lokschuppen-Areal in Pasewalk zur Diskussion „Lebenswert älter werden in Vorpommern und der Uckermark“ ein.
Themen sind Pflege und Gesundheitsversorgung, weite Wege, fehlende Mobilität, Einsamkeit und gesellschaftliche Teilhabe. Impulse geben Mirabella Lietzau, Leiterin Pflege bei der Volkssolidarität Nord-Ost, zu Gesundheitsversorgung und häuslicher Pflege sowie Anette Möllmann, Vorsitzende des Seniorenbeirats Neuenkirchen, zum Thema Teilhabe.
Ziel der Veranstaltung ist der Aufbau eines Netzwerks über den Termin hinaus; Teilnahme, Getränke und Verpflegung sind kostenlos, eine Anmeldung ist bis zum 5. Oktober 2026 per E-Mail möglich.
Die Vielzahl der Initiativen – von quartiersnahen Wohnprojekten über digital unterstützte Pflege bis hin zu politischen Netzwerktreffen – zeigt, dass soziale Teilhabe im Alter zunehmend als Zusammenspiel aus baulichen, sozialen und rechtlichen Rahmenbedingungen verstanden wird.
