Barrierefreies Wohnen: Nur 5,6 Prozent der Menschen ab 65 leben passend
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 08:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Mehrere deutsche Kliniken erweitern derzeit ihr Angebot für ältere Patienten mit komplexen Krankheitsbildern. Gleichzeitig zeigen aktuelle Berichte, dass es abseits der stationären Versorgung an barrierefreiem und altersgerechtem Wohnraum mangelt. Der Ausbau geriatrischer Strukturen trifft damit auf strukturelle Defizite in anderen Bereichen der Altersvorsorge.
Neue geriatrische Stationen in Mönchengladbach und Chemnitz
Die Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach eröffnen zum 1. Oktober eine Geriatrie auf der bislang unfallchirurgisch, pneumologisch und neurologisch genutzten interdisziplinären Station H3. Die ärztliche Leitung übernimmt ab Oktober Chefarzt Jörg Konrad Mellies.
Zunächst sollen vor allem Patienten behandelt werden, die bereits im Klinikum in Behandlung waren. Mit dem neuen Angebot verfügt Mönchengladbach über drei Akutkrankenhäuser mit geriatrischer Station, neben Maria Hilf auch das Krankenhaus Neuwerk und die Städtischen Kliniken.
Auch die Zeisigwaldkliniken Bethanien in Chemnitz nehmen zum 1. Oktober eine geriatrische Station in Betrieb, zunächst mit 10 Betten als Teil der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie, Kardiologie und Geriatrie. Behandelt werden sollen Patienten über 70 Jahre mit mehreren sich gegenseitig beeinflussenden akuten und chronischen Erkrankungen sowie eingeschränkter Selbständigkeit.
Das Angebot verbindet Akutversorgung mit Reha-Elementen wie Physio- und Ergotherapie, Logopädie, Psychologie und Sozialdienst. Die ärztliche Leitung liegt bei Chefarzt Dr. Albrecht Ohse, sein Stellvertreter ist Oberarzt Thomas Lehmann. Die Klinik verfügt insgesamt über 300 Betten und versorgt jährlich rund 15.000 vollstationäre sowie rund 22.000 ambulante Patienten.
Aufklärung und Ausbau anderer Standorte
Ergänzend zu den neuen Stationen setzen Kliniken auf Information: Das Kreiskrankenhaus St. Ingbert lud zu einem Vortrag zur geriatrischen Rehabilitation, bei dem Chefärztin Christine Klasen und Kathrin Hoyer, Leitung der Therapiebereiche, Themen wie Akutgeriatrie, stationäre und mobile Reha sowie Sturzprophylaxe vorstellten.
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Auch bauliche Erweiterungen sind im Gange: Die Rehaklinik Bad Wurzach der Waldburg-Zeil Kliniken feierte im Juli 2026 den Spatenstich für einen Erweiterungsbau, der bis Herbst 2027 fertiggestellt werden soll. Die 1968 gegründete Klinik deckt heute die Fachbereiche Orthopädie, Neurologie und Geriatrie ab; der Bedarf in der neurologischen und geriatrischen Rehabilitation wachse laut Klinikangaben seit Jahren deutlich.
An der Universität Bonn wurde zudem die wissenschaftliche Seite gestärkt: Prof. Dr. Andreas H. Jacobs hat eine W3-Professur für Altersmedizin mit Schwerpunkt Onkogeriatrie angenommen, angesiedelt am Centrum für Integrierte Onkologie des Universitätsklinikums Bonn. Jacobs leitet seit 2012 die Geriatrie an den Johanniter-Kliniken Bonn.
Wohnraum bleibt der wunde Punkt
Während die klinische Versorgung ausgebaut wird, zeigt das Deutsche Alterssurvey des DZA für das Jahr 2023 ein anderes Bild: Nur 5,6 Prozent der Menschen ab 65 Jahren leben in einer weitgehend barrierefreien Wohnung – mit stufenlosem Zugang zu Wohnung und Zimmern, barrierefreiem Zugang zu Sanitärräumen und bodengleicher Dusche. 94,4 Prozent erfüllen diese Kriterien nicht oder nicht vollständig.
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Das Wohnumfeld selbst – Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Apotheken, ÖPNV – wird von den Befragten mehrheitlich als ausreichend versorgt bewertet. Allerdings fühlten sich 35,5 Prozent der Menschen ab 65 Jahren nach Einbruch der Dunkelheit auf der Straße unsicher, besonders betroffen waren Frauen, armutsgefährdete Personen und Menschen mit funktionalen Einschränkungen.
Verschärft wird die Lage durch finanzielle Engpässe bei der Förderung: Das KfW-Zuschussprogramm „Altersgerecht Umbauen – Barrierereduzierung“ (455-B) hatte seine für 2026 bereitgestellten 50 Millionen Euro bereits am 30. Juli aufgebraucht.
Der Verbraucherschutzverband Wohnen im Eigentum und weitere Organisationen, darunter BAGSO und SoVD, fordern in einem gemeinsamen Verbändebrief einen Neustart des Programms und ausreichend Mittel im Bundeshaushalt 2027. Nach Angaben des Verbands fehlen in Deutschland rund 2,5 Millionen barrierefreie Wohnungen, während rund 7,8 Millionen Menschen mit Schwerbehinderung leben.
Auch das Berliner Sozialgipfelbündnis, dem unter anderem der VdK Berlin-Brandenburg und der Berliner Mieterverein angehören, fordert mehr dauerhaft bezahlbaren und barrierefreien Wohnraum. Zu den Forderungen zählen ein öffentliches Kataster für barrierefreie und rollstuhlgerechte Wohnungen sowie die Abschaffung der Rückbauverpflichtung für selbst geschaffene Barrierefreiheit.
Angebot und Nachfrage driften auseinander
Die Wohnwetterkarte 2026 von Projektentwickler BPD und Analysehaus bulwiengesa, die rund 11.000 Städte und Gemeinden ausgewertet hat, beziffert den rechnerischen Wohnungsbedarf auf rund 288.000 Wohnungen pro Jahr – 2025 wurden bundesweit jedoch nur rund 203.000 Wohnungen fertiggestellt.
Der über Jahre entstandene Wohnraummangel lasse sich damit nicht ausgleichen, so die Studie. Die Nachfrage konzentriert sich demnach zunehmend auf Metropolregionen und große Verkehrsachsen.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Ausbau geriatrischer Klinikangebote als eine von mehreren notwendigen Antworten auf die alternde Bevölkerung – während die Frage, wo und wie ältere Menschen nach einer Behandlung selbstbestimmt wohnen können, vielerorts ungelöst bleibt.
