Atemarbeit, Studie

Atemarbeit: Studie misst 45,5 Prozent weniger Blutfluss im Gehirn

Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 07:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine MRT-Studie dokumentiert weniger Blutfluss im Gehirn; die Intensität des Erlebens hing eher mit veränderter Netzwerkkommunikation zusammen.
Ein leerer, klinischer Untersuchungsraum mit einem medizinischen Untersuchungstisch in ruhigem, gedämpftem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Intensive Atemtechniken können veränderte Bewusstseinszustände hervorrufen, die in ihrer subjektiven Wirkung an psychedelische Substanzen erinnern. Eine wissenschaftliche Untersuchung unter Leitung von Dr. Christian Schmitz vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim liefert nun Einblicke in die neurobiologischen Mechanismen dieses Phänomens.

Die gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit und der MIND Foundation Berlin durchgeführte Untersuchung wurde am 11. Oktober 2026 auf dem Kongress des European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) in München vorgestellt.

Deutlicher Rückgang des zerebralen Blutflusses

Im Rahmen der Untersuchung führten 30 gesunde Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 45 Jahren, die bereits Erfahrung mit Atemarbeit mitbrachten, zirkuläres Atmen und Hyperventilation während einer Magnetresonanztomographie (MRT) durch.

Die Messungen ergaben, dass der Blutfluss in der grauen Hirnsubstanz bei Spitzenintensität um 45,5 Prozent gegenüber dem Ausgangswert sank. Im Mittel reduzierte sich der Durchfluss von 16,24 auf 9,81 ml/100 g/min. Zugleich verzeichneten die Forschenden einen Anstieg der Herz- und Atemfrequenz.

Physiologisch führt der durch die Hyperventilation bedingte Abfall des Kohlendioxidgehalts (CO?) im Blut zu einer Verengung der Hirngefäße, was wiederum die Durchblutung drosselt. Diese beobachtete Reduktion übertrifft herkömmliche klinische Hyperventilationsprotokolle deutlich. Sie bleibt jedoch unterhalb der kritischen Schwelle von 50 bis 60 Prozent, ab der eine unzureichende Sauerstoffversorgung beschrieben wurde, nähert sich dieser Grenze allerdings an. Eine Absenkung allein belegt nach Angaben der Fachleute noch keine Gewebeschädigung.

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Subjektive Erlebnisse und neuronale Netzwerke

Die Teilnehmenden bewerteten die Intensität ihres Erlebens im Durchschnitt mit 3,47 von 4 möglichen Punkten. Zu den geschilderten Effekten zählten Gefühle der Einheit, veränderte Wahrnehmungen, lebhafte innere Bilder sowie ein reduziertes Selbstgefühl und aufgelöste Ich-Grenzen.

Die subjektiven Erfahrungen wurden als vergleichbar mit mittleren bis hohen Dosen von Psilocybin oder LSD beschrieben, wenngleich visuelle Effekte weniger stark ausgeprägt waren. Ein identischer Rezeptor- oder Wirkungsmechanismus wie bei diesen Substanzen ist damit jedoch nicht belegt.

Die Daten zeigten zudem, dass die Abnahme des Blutflusses für sich genommen weder Halluzinationen hervorruft noch direkt mit den subjektiven Bewertungen korrelierte. Die Autoren deuten die sogenannte Hypoperfusion vielmehr als einen permissiven physiologischen Zustand, der Raum für Veränderungen in der Kommunikation zwischen Hirnnetzwerken schafft.

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Eine signifikante Gesamtveränderung der funktionellen Konnektivität im sogenannten Default Mode Network (DMN) zeigte sich zwar nicht, allerdings ergaben sich bei Personen mit intensiveren Zuständen methodenabhängige Hinweise auf stärkere DMN-Veränderungen.

Die Intensität des Erlebens lasse sich eher durch eine veränderte Kommunikation in diesem Netzwerk als durch die reine Durchblutungsminderung erklären.

Grenzen der Aussagekraft und therapeutisches Potenzial

Die Aussagekraft der Resultate unterliegt methodischen Einschränkungen. Das Kollektiv umfasste lediglich 30 Personen, die allesamt Vorerfahrung mit Breathwork aufwiesen, und die Studie verfügte über keine Kontrollgruppe. Ein Nachweis für eine konkrete Therapiewirkung wurde nicht erbracht, weshalb die Ergebnisse als vorläufig gelten. Zudem lassen sich die Befunde nicht auf Methoden wie Pranayama oder langsames Atmen übertragen.

Angesichts möglicher Nebenwirkungen wie Schwindel, Ohnmacht oder Erstickungsgefühlen plädiert Guy Fincham von der Brighton and Sussex Medical School dafür, derartige Übungen mit starken Durchblutungsänderungen nur unter Aufsicht zu praktizieren. Fincham fordert zudem randomisierte kontrollierte Studien mit unerfahrenen Probanden.

Gleichwohl sehen die Forschenden in den Ergebnissen einen wichtigen Beitrag zur Neurobiologie nicht-medikamentöser Bewusstseinsveränderungen. Zu einer Untersuchung der Radboud-Universität hieß es in Berichten, dass längere intensive Atemübungen die bereichsübergreifende Kommunikation im Gehirn anregen und Neuroimaging-Aufnahmen verstärkte dynamische Verbindungen zwischen Hirnregionen belegen.

Als mögliche künftige Anwendungsfelder für Atemtherapien gelten Depressionen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), wofür Fachleute jedoch weitere klinische Studien als notwendig erachten.

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