Aspirin senkt Blutdruck nicht: Charité-Experte warnt vor Mythos
Veröffentlicht am: 19.08.2026 um 20:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der sorglose Griff zu freiverkäuflichen Schmerzmitteln birgt mehr Risiken, als viele Anwender annehmen. Ein Charité-Experte, Markus van der Giet, weist darauf hin, dass Aspirin entgegen einer verbreiteten Annahme den Blutdruck nicht senkt – bei regelmäßiger Einnahme könne der Wert sogar leicht ansteigen.
Diese Beobachtung reiht sich in eine wachsende Zahl von Hinweisen ein, die zeigen, wie unsachgemäßer Umgang mit Medikamenten der Selbstmedikation und Polymedikation zu ernsthaften gesundheitlichen Folgen führen kann.
Aspirin: Kein Mittel gegen Bluthochdruck
Laut van der Giet ist Aspirin nur nach einem bereits erlittenen Herzinfarkt oder Schlaganfall als Schutzmaßnahme sinnvoll – entsprechend der ESC-Leitlinie. Wer das Mittel dennoch präventiv oder in der Annahme einnimmt, es senke den Blutdruck, gehe unnötige Risiken ein: Zu den Nebenwirkungen zählen Magenprobleme und Blutungen.
Die Empfehlung des Experten lautet daher, Aspirin nicht leichtfertig als Allzweckmittel zu betrachten, sondern seine Anwendung auf die anerkannte Indikation zu beschränken.
Paracetamol: Steigende Zahl an Leberschäden
Auch bei Paracetamol mehren sich Warnsignale. Eine Auswertung der University of Virginia zeigt, dass US-Giftnotrufe wegen Leberschäden durch Medikamente zwischen 2004 und 2024 von 10,9 auf 52,9 Fälle pro Million Menschen gestiegen sind. Paracetamol-Übergebrauch gilt dabei als häufiger Auslöser, Frauen sind überdurchschnittlich betroffen.
Ein Apotheker erklärt den Mechanismus: Bei Überdosierung entsteht das toxische Abbauprodukt NAPQI, das die Leber schädigen kann. Als sichere Grenzwerte gelten eine Einzeldosis von 10 mg/kg Körpergewicht und eine Tagesdosis von maximal 60 mg/kg.
Wie ernst die Konsequenzen sein können, zeigte ein Fall in Würzburg: Ein 23-Jähriger flüchtete nach einer vermutlich durch eine TikTok-Challenge ausgelösten Paracetamol-Überdosis aus der Klinik, wurde später gefunden und behandelt. Eine solche Überdosis kann laut Polizeiangaben innerhalb von zwei Tagen zu Leberversagen führen.
Anwendungsfehler und Kontrollmechanismen in der Apotheke
Nicht jede Gefahr entsteht durch bewussten Missbrauch. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker meldete sechs Anwendungsfehler bei dem Krebsmedikament Everolimus Biocon: Eine Trockenmittel-Tablette im Blister wurde mit dem eigentlichen Wirkstoff verwechselt, in zwei Fällen kam es tatsächlich zur Einnahme.
Kritisiert wurden die englische Kennzeichnung „DO NOT EAT“, zu kleine Schrift und ein missverständliches Scheren-Piktogramm. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte prüft inzwischen mögliche Maßnahmen, während der Hersteller das Risiko als gering einstuft.
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Dass Beratung in der Apotheke entscheidend zur Fehlervermeidung beiträgt, zeigte ein unangekündigter Testkauf der Apothekerkammer in der Hamburger Elefanten-Apotheke: Die Apothekerin Tessa Richter erkannte die Testkäuferin nicht, beriet jedoch korrekt und verwies bei fünf betroffenen Nägeln an einen Arzt. Die Inhaberin Annette Seckmann-Linck lobte die Leistung und bezeichnete sie als eine glatte 1 mit Sternchen.
Risiken beim Online-Kauf
Auch der Vertriebsweg spielt eine Rolle. Bei Ebay bot ein privater Verkäufer das rezeptfreie Schmerzmittel Dolormin extra (Ibuprofen 400 mg) an – 2x50 Tabletten für 22 Euro. Der Verkauf wurde trotz Meldung abgewickelt, eine Beschwerde ging beim Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit Potsdam ein.
Parallel warnen die US-Arzneimittelbehörde FDA und die österreichische Behörde BASG vor online gehandelten „Research-Peptiden“ wie BPC-157, GHK-Cu, MOTS-c und Melanotan II, die nicht als Arzneimittel zugelassen sind und für die Sicherheitsdaten fehlen.
Wechselwirkungen bei Vorerkrankungen
Auch scheinbar harmlose Nahrungsergänzungsmittel können problematisch sein. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung warnt vor Präparaten mit Cholin oder Mariendistel (Silychristin) bei Schilddrüsenpatienten, da Silychristin den Schilddrüsenhormon-Transporter MCT8 hemmen kann.
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Strukturelle Antworten: Medikationspläne und PRISCUS-Liste
Um solchen Risiken systematisch zu begegnen, haben Patienten mit mindestens drei verordneten Medikamenten laut dem Deutschen Gesundheitsportal Anspruch auf einen Medikationsplan; ab fünf Medikamenten bieten Apotheken eine erweiterte, kostenlose Medikationsberatung an. Der elektronische Medikationsplan soll bundesweit im Dezember 2026 starten.
Ergänzend listet die PRISCUS-Liste 2.0 insgesamt 188 kritische Medikamente für ältere Menschen auf – am häufigsten betrifft dies Protonenpumpenhemmer, die länger als acht Wochen eingenommen werden. Der NAKO-Studie zufolge erhalten mehr als 25 Prozent der 60- bis 74-Jährigen mindestens ein solches potenziell inadäquates Medikament.
In der Gesamtschau verdeutlichen diese Beobachtungen, dass sowohl der unreflektierte Eigengebrauch rezeptfreier Präparate als auch strukturelle Schwächen bei Kennzeichnung und Vertrieb zu vermeidbaren gesundheitlichen Risiken beitragen können.
