Artemisinin-Resistenzen: Nur 7,5 Prozent der Studien prüfen sie
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 06:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deFachpublikationen widmen sich verstärkt der pharmazeutischen Bedeutung von Naturstoffen wie Camptothecin und Artemisinin, die ihren Ursprung in traditionell genutzten Arzneipflanzen haben. Zahlreiche moderne Therapeutika basieren auf pflanzlichen Leitstrukturen.
Neben Artemisinin aus dem Einjährigen Beifuß (Artemisia annua), dessen Erforschung 2015 mit dem Nobelpreis gewürdigt wurde, zählen dazu unter anderem Morphin aus Papaver somniferum, Chinin aus Cinchona sowie die Vinca-Alkaloide Vincristin und Vinblastin aus Catharanthus roseus.
Camptothecin und Weiterentwicklungen in der Onkologie
Camptothecin (Summenformel C20H16N2O4, Molekulargewicht 348,34, Schmelzpunkt 264 bis 267 Grad Celsius) wurde 1966 von Monroe E. Wall entdeckt und 1969 in China aus der Rinde des Baumes Camptotheca acuminata isoliert. Das chinolinartige Alkaloid fungiert als Topoisomerase-I-Inhibitor. Es stabilisiert den Spaltungskomplex aus Topoisomerase I und DNA, was den programmierten Zelltod in Tumorzellen einleitet.
In reiner Form ist der Wirkstoff klinisch durch eine geringe Wasserlöslichkeit sowie ausgeprägte Nebenwirkungen limitiert. Halbsynthetische Derivate wie Topotecan und Irinotecan gehören jedoch zum Therapiestandard bei Lungen-, Eierstock- und Dickdarmkrebs.
Um die Verabreichung zu verbessern, stehen neuere Trägersysteme wie Liposomen, Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, Dendrimere und Mizellen im Fokus der Entwicklung.
Ein bedeutendes Zwischenprodukt ist das lichtempfindliche 7-Ethylcamptothecin (CAS 78287-27-1), das eine sorgfältige Handhabung verlangt und als Vorläufer für SN-38 dient – ein potenteres Analogon von Irinotecan, das direkt als Chemotherapeutikum eingesetzt wird.
Für die Gewinnung von Camptothecin stehen verschiedene Extraktionsmethoden zur Verfügung. Die alkalische Wasser-Extraktion ermöglicht eine Kostenreduktion von 5.000 bis 10.000 Yuan pro Kilogramm, verursacht jedoch eine hohe Abwasserbelastung.
Weitere Verfahren sind die überkritische CO2-Extraktion bei 30 bis 40 MPa und 30 bis 40 Grad Celsius, die Extraktion mit 95-prozentigem Ethanol bei 50 Grad Celsius sowie die Homogenat-Extraktion, die als schnellster und wirksamster Ansatz gilt.
Artemisinin zwischen Infektiologie und Tumorbiologie
Artemisinin und seine Derivate induzieren durch die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies die Apoptose in Krebszellen und hemmen Tumorwachstum sowie Metastasierung. Auch gegen Schistosomiasis und andere Wurminfektionen wird der Naturstoff untersucht. Außerhalb der Malariatherapie befinden sich die meisten Untersuchungen jedoch noch in frühen Phasen, weshalb weitere klinische Prüfungen zu Sicherheit und Wirksamkeit nötig sind.
Im Bereich der Malaria bleibt der Wirkstoff unverzichtbar. Für 2024 verzeichnete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geschätzt 282 Millionen Malariafälle und 610.000 Todesfälle; rund 94 Prozent der Fälle entfielen auf Afrika.
Der Review zu 252 Primärstudien zeigt: Naturstoffe dominieren die Malaria-Forschung mit 62,3 Prozent — doch nur 7,5 Prozent der Arbeiten testen überhaupt gegen Artemisinin-resistente Erreger. Unser kostenloser Leitfaden fasst die Datenlage zusammen und zeigt in drei Schritten, wie Sie Resistenz-Monitoring und Wirkstoffprüfung sauber aufsetzen. Leitfaden jetzt kostenlos anfordern
Seit 2005 empfiehlt die WHO Artemisinin-Kombinationstherapien als Erstlinienbehandlung bei Falciparum-Malaria. Nachdem 2007 erste Hinweise auf partielle Resistenzen an der Grenze zwischen Thailand und Kambodscha auftraten, rät die Organisation bei mehr als 10 Prozent Behandlungsversagen zum Wechsel der Erstlinientherapie.
Zur Eindämmung von Resistenzen rekrutiert in Südostasien eine Studie zu Dreifach-Kombinationstherapien, während Fachleute wie Maciej F. Boni vorschlagen, mehrere Kombinationen parallel in Gemeinschaften zu verteilen.
Datenlage, Qualitätsfragen und Regulierung
Ein systematischer Review in der Fachzeitschrift „Frontiers in Tropical Diseases“ durch Forschende der Marien Ngouabi University in der Republik Kongo untersuchte für den Zeitraum von Januar 2024 bis Juni 2026 insgesamt 252 Primärstudien zu Malaria-Wirkstoffen.
Naturstoffe dominierten das Forschungsfeld mit 157 Studien (62,3 Prozent), gefolgt von 49 Arbeiten zu synthetischen (19,4 Prozent) und 46 zu halbsynthetischen oder hybriden Wirkstoffen (18,3 Prozent).
Die Gattung Artemisia stellte die meistuntersuchte Pflanzengruppe dar. Unter den Einzelmolekülen zeigte ein THIP-Derivat eine IC50 von 8,7 Nanomolar gegen die asexuelle Blutphase des Erregers, wenngleich In-vivo- und pharmakokinetische Daten noch fehlen.
Die Übersichtsarbeit deckte jedoch methodische Einschränkungen auf. Von 96 computergestützten Studien (38 Prozent der Gesamtzahl) wiesen lediglich 39 (40,6 Prozent) eine biochemische Bestätigung auf, 35,4 Prozent eine externe Validierung und 14,6 Prozent eine Negativkontrolle.
Nur 7,5 Prozent prüften die Wirksamkeit gegen Artemisinin-resistente oder Kelch13-mutierte Parasiten, während 3,6 Prozent Resistenzen gegen Kombinationspartner untersuchten. Die methodische Qualität der Malaria-Wirkstoffstudien wurde zu 24,2 Prozent (61 Studien) als hoch, zu 58,7 Prozent (148 Studien) als mittel und zu 17,1 Prozent (43 Studien) als niedrig klassifiziert.
Afrika stellt rund ein Viertel der weltweiten Pflanzenbiodiversität. Laut WHO nutzt die Mehrheit der Bevölkerung in vielen afrikanischen Staaten traditionelle Medizin in der Grundversorgung. In Ghana wird beispielsweise die Pflanze Cryptolepis sanguinolenta erforscht.
Von 96 computergestützten Studien hatten nur 39 eine biochemische Bestätigung, 35,4 Prozent eine externe Validierung und 14,6 Prozent eine Negativkontrolle. Wenn Ihre Wirkstoff-Kandidaten belastbar sein sollen, entscheidet die Methodik. Der Leitfaden zeigt Ihnen die Prüfschritte, an denen Naturstoff-Studien am häufigsten scheitern. Prüfschritte jetzt nachlesen
Experten weisen bei pflanzlichen Anwendungen auf Risiken durch Toxizität, Fehldosierungen, Kontaminationen, Produktverfälschungen sowie Wechselwirkungen hin, wie sie auch von Johanniskraut bekannt sind.
In Europa begleitet der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur die Qualitätsanforderungen. Das Gremium erstellt wissenschaftliche Monographien zu pflanzlichen Stoffen sowie Leitlinien für die Herstellung pflanzlicher Arzneimittel und erfasst die laufenden Vorhaben in einer behördlichen Prioritätenliste.
