Arbeitszeit-Entwurf Juni: Elf-Stunden-Ruhezeit könnte entfallen
23.06.2026 - 04:42:34 | boerse-global.de
Der Referentenentwurf vom Juni 2026 sorgt für hitzige Debatten zwischen Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik.
Die Pläne sehen eine Abkehr vom starren Acht-Stunden-Tag vor. Stattdessen sollen Tarifvertragsparteien künftig eine wöchentliche Höchstarbeitszeit vereinbaren können. Auch die gesetzliche Ruhezeit von elf Stunden könnte entfallen – wenn der Tarifvertrag den Gesundheitsschutz der Beschäftigten regelt.
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Mittelstand fühlt sich abgehängt
Die geplante Flexibilisierung gilt nur für tarifgebundene Betriebe. Genau das sorgt für scharfe Kritik. Bayerns Tourismusministerin Michaela Kaniber weist darauf hin, dass viele familiengeführte Gastronomiebetriebe nicht tarifgebunden sind. „Die können von den neuen Freiheiten nicht profitieren", so Kaniber. Sie fordert eine allgemeine Umstellung auf Wochenarbeitszeitmodelle.
Auch die Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen spricht von „Stückwerk". Die Beschränkung auf tarifgebundene Firmen sei schlicht unzureichend.
Elektronische Zeiterfassung: Mehr Bürokratie?
Der Entwurf verpflichtet Betriebe zur elektronischen Arbeitszeiterfassung – grundsätzlich am selben Tag. Ausnahmen gibt es nur für Firmen mit bis zu zehn Beschäftigten. Der DEHOGA Bundesverband und die BDA laufen Sturm: Sie befürchten einen Bürokratie-Boom und das Ende der Vertrauensarbeitszeit.
BDA-Präsident Rainer Dulger fordert den Rückzug des gesamten Entwurfs. Die Bauwirtschaft warnt zudem: Starre Vorgaben zur Zeiterfassung passen nicht zu Baustellen, wo Arbeitsabläufe vom Wetter abhängen.
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Gewerkschaften warnen vor Entgrenzung
DGB-Chefin Yasmin Fahimi sieht Risiken für die Beschäftigten. „Die Arbeit darf nicht entgrenzt werden", warnt sie. Eine DGB-Umfrage untermauert die Skepsis: 72 Prozent der Befragten wollen maximal acht Stunden täglich arbeiten.
Die Zahlen zu unbezahlten Überstunden sind alarmierend: 2024 leisteten Arbeitnehmer in Deutschland rund 638 Millionen Überstunden ohne Vergütung. Genau hier setzen die Kritiker der Reform an.
Industrie fordert längere Arbeitszeiten
Auf der anderen Seite stehen Forderungen nach einer Ausweitung der Arbeitszeit. Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller hält eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche für zumutbar. Die hohen Arbeitskosten im internationalen Vergleich machten dies notwendig.
Eine YouGov-Umfrage zeigt ein gespaltenes Bild: 38 Prozent der Befragten befürworten eine wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit. Die Mehrheit bleibt skeptisch.
Koalition uneins – Showdown im Juli
In der schwarz-roten Koalition unter Kanzler Friedrich Merz knirscht es gewaltig. Arbeitsministerin Bas verteidigt ihren Entwurf. Teile der Union lehnen ihn ab – vor allem die enge Bindung an Tarifverträge und die befürchtete Bürokratiebelastung.
Am 22. Juni trafen sich Gewerkschaften, Wirtschaftsverbände und Kanzleramtschef Thorsten Frei. Neben der Arbeitszeit standen auch Sozialversicherung und Bürokratieabbau auf der Agenda. Die Regierung will grundlegende Reformen noch vor der Sommerpause durchdrücken.
Der Koalitionsausschuss am 1. Juli gilt als entscheidender Termin. Die Gewerkschaften drohen bereits mit Protesten – nicht nur gegen die Arbeitszeitpläne, sondern auch gegen mögliche Kürzungen in anderen Sozialbereichen.
