Arbeitswelt im Umbruch: Junge fordern Feierabend, Industrie drängt auf 40 Stunden
Veröffentlicht am: 12.07.2026 um 02:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Während die Industrie eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche fordert, kämpfen Beschäftigte in der Tech-Branche mit Erschöpfung und setzen auf neue Arbeitszeitmodelle.
Wenn der Feierabend zur Illusion wird
Ein Vorfall im Juli 2026 zeigt die Realität in manchen Startups: Ein Angestellter wurde als unprofessionell eingestuft, weil er nach einem 13-Stunden-Tag einen nächtlichen Anruf verpasst hatte. Solche Fälle entfachen regelmäßig Debatten über psychische Belastung und die Grenzen der Erreichbarkeit.
Der Fairwork-Bericht 2026 untermauert die Kritik. Die Studie von Wissenschaftszentrum Berlin und Universität Oxford bewertete die Arbeitsbedingungen bei Lieferdiensten. Flink schnitt mit 7 von 10 Punkten ab. Uber, Uber Eats, Lieferando, Wolt und Bolt erhielten dagegen 0 Punkte. Besonders bei Lieferando habe sich die Lage durch Subunternehmen seit Frühjahr 2025 verschlechtert. Die Forscher empfehlen eine Direktanstellung als Standard.
Industrie drängt auf längere Arbeitszeiten
Ganz anders die Forderungen aus der Wirtschaft. Angesichts hoher Produktionskosten und der Krise in der Automobilbranche plädieren Experten für die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer forderte im Juli ein Ende der 35-Stunden-Woche bei Volkswagen ohne Lohnausgleich. Sein Argument: ein Absatzrückgang von neun Prozent im zweiten Quartal.
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Bei Mercedes-Benz eskalierte der Konflikt. Das Unternehmen will die Arbeitszeit für rund 90.000 Beschäftigte von 35 auf 40 Stunden erhöhen und Homeoffice einschränken. Tausende Mitarbeiter protestierten am 3. Juli. Die IG Metall wies die Pläne zurück.
Ein Kompromiss zeichnet sich beim Zulieferer Aumovio ab: Seit dem 1. Juli gilt dort eine 38-Stunden-Woche ohne Lohnkürzung. In der Metall- und Elektroindustrie ist die 35-Stunden-Woche seit 1995 Standard.
Junge Generation stellt Prioritäten neu
Der demografische Wandel verändert die Einstellung zur Arbeit grundlegend. Eine niederländische Umfrage unter 5.500 Teilnehmern zeigt: 44 Prozent der 18- bis 35-Jährigen wollen nur vertraglich vereinbarte Stunden leisten. Bei den 46- bis 67-Jährigen sind es nur 22 Prozent. Fast die Hälfte der Jüngeren übernimmt ausschließlich Aufgaben aus der Stellenbeschreibung.
Trotzdem stieg die Erwerbsbeteiligung der 20- bis 24-Jährigen in Deutschland zwischen 2015 und 2023 auf 79,5 Prozent.
Einige Unternehmen reagieren mit Flexibilität. Die italienische Veronesi Group ermöglicht über 1.000 Mitarbeitern freie Wahl von Arbeitsbeginn und -ende bei einer 39-Stunden-Woche. In den Sommermonaten gibt es freie Freitagnachmittage.
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Wenn der Job krank macht
Der Druck hat personelle Konsequenzen. Fidji Simo, Managerin bei OpenAI, gab im Juli ihre Vollzeitposition auf. Sie wechselt in eine Teilzeitberatung – nachdem sie sich bereits im April aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen hatte.
Auch Gerichte beschäftigen sich mit Arbeitsbedingungen. Das Berliner Arbeitsgericht urteilte am 26. März im Fall eines studentischen Mitarbeiters der SPD-Abgeordneten Maja Wallstein. Der Kläger hatte in neun Monaten 160 Überstunden angehäuft. Das Gericht stellte ein Fehlverhalten fest: Die Belastung war mit der vereinbarten 15-Stunden-Woche nicht vereinbar.
Der Wandel zeigt sich auch in der Startup-Szene. Beeinflusst durch internationale Trends verzichten Gründer zunehmend auf Alkohol bei Netzwerk-Events. Der Alkoholkonsum in Deutschland sank zwischen 2015 und 2025 um rund zehn Prozent. Nur noch 61 Prozent der Generation Z trinken regelmäßig.
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