Apothekenreform: Bundestag erweitert Befugnisse ab Juli
04.06.2026 - 02:03:07 | boerse-global.deDer Trend soll Hausärzte entlasten und den Zugang zur Gesundheitsversorgung verbessern.
Bundestag beschließt weitreichende Apothekenreform
Am 3. Juni 2026 verabschiedete der Bundestag eine umfassende Reform des Apothekenwesens. Unter Gesundheitsministerin Nina Warken erhalten Apotheker künftig mehr Eigenständigkeit: Sie dürfen das Impfangebot ausbauen, neue klinische Dienstleistungen anbieten und in bestimmten akuten Fällen verschreibungspflichtige Medikamente ohne vorherigen Arztbesuch abgeben.
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Am selben Tag genehmigte das Bundeskabinett eine schrittweise Erhöhung des Fixums für verschreibungspflichtige Arzneimittel. Die Vergütung steigt im Juli 2026 auf neun Euro und im Januar 2027 auf 9,50 Euro. Die ABDA (Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände) begrüßte die Erhöhung, äußerte jedoch Bedenken wegen der geplanten Anhebung des Pflichtrabatts, den Apotheken an die Krankenkassen zahlen müssen.
Die ABDA legte zudem ein Positionspapier vor, das Apotheken als erste Anlaufstelle im Gesundheitssystem etablieren soll. Geplant sind unter anderem ein erweitertes Medikationsmanagement, venöse Blutentnahmen und Point-of-Care-Tests. Bereits 2025 erbrachten deutsche Apotheken fast eine Million klinische Leistungen, darunter 220.000 Grippeschutzimpfungen in der Saison 2025/2026.
Neuseeland startet Finanzierung für Behandlung ohne Rezept
Seit dem 2. Juni 2026 können neuseeländische Apotheken häufige Erkrankungen ohne ärztliches Rezept behandeln – und das staatlich finanziert. Ein jährlicher Fonds von umgerechnet rund 2,8 Millionen Euro deckt Behandlungen von Harnwegsinfektionen, Bindehautentzündungen, Krätze und Kinderfieber ab. Gesundheitsminister Simeon Brown verspricht sich davon kürzere Wartezeiten und geringere Kosten für die Patienten.
Die Regierung denkt bereits über weitere Ausweitungen nach. Vorschläge von Associate Health Minister David Seymour sehen vor, dass Apotheker künftig auch Langzeitmedikamente verwalten und Hautveränderungen beurteilen dürfen. Die Ärzteschaft zeigt sich skeptisch: Das Royal New Zealand College of General Practitioners warnt vor zersplitterter Versorgung und erhöhtem Risiko von Fehldiagnosen. Stattdessen solle das Geld lieber in die Stärkung der Hausarztpraxen fließen.
Australische Studien belegen Wirksamkeit von Apotheker-Leistungen
Die Ausweitung der Apothekenbefugnisse stützt sich auf aktuelle klinische Daten aus Australien. Die Universität Newcastle veröffentlichte Anfang dieser Woche die Abschlussberichte ihrer PATH-UTI- und PATH-OC-Studien. Demnach ist die Behandlung von Harnwegsinfektionen und die Wiederholungsverschreibung oraler Kontrazeptiva durch Apotheker sicher und wirksam. An der UTI-Studie nahmen über 17.000 Frauen teil: Die Symptome klangen in 79,4 Prozent der Fälle binnen sieben Tagen ab, die Protokolleinhaltung lag bei 99,7 Prozent.
Der Apothekerverband Pharmacy Guild of Australia sieht sich bestätigt. Der Ärzteverband AMA in New South Wales hingegen bemängelt das Fehlen verpflichtender Urintests in der Studie – die Ergebnisse könnten komplexe Fälle nicht vollständig abbilden.
England setzt auf Integration der Apotheker
Der englische Apothekenvertrag für 2026/2027, bekanntgegeben am 29. Mai 2026, sieht eine Aufstockung der Mittel um umgerechnet rund 400 Millionen Euro vor. Das Gesamtbudget beträgt knapp 4,3 Milliarden Euro. Kernstück ist die Integration des Independent Prescribing in das Pharmacy-First-Programm ab Herbst 2026. Apotheken erhalten Startzahlungen und laufende Infrastrukturförderung. Gesundheitsminister Stephen Kinnock bezeichnete den Sektor als „massive ungenutzte Ressource“ für Prävention und Impfkampagnen.
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Personalknappheit und Finanzierungsfragen bleiben Hürden
Mit den wachsenden Aufgaben verändern sich auch die Anforderungen an das Apothekenpersonal. Der Bundesverband der Pharmazeutisch-technischen Angestellten (BVpta) fordert höhere Qualifikationsstandards und schlägt eine neue Stufe „Pharmacy Assistance“ vor. Hintergrund ist ein Vorschlag der Reform, der PTA mit entsprechender Weiterbildung unter bestimmten Bedingungen die Leitung einer Apotheke erlauben würde – ein Vorstoß, den die Landesapothekerkammern als Risiko für die Versorgungsqualität kritisieren.
Die finanzielle Nachhaltigkeit bleibt ein Problem. Trotz der neuen Mittel in Großbritannien weist Community Pharmacy England darauf hin, dass viele Apotheken weiterhin Finanzierungslücken haben. Auch in Deutschland warnt die Brandenburgische Landesapothekerkammer: Der aktuelle Reformentwurf enthalte nicht genügend finanzielle Unterstützung, um die gestiegenen sozialen und betrieblichen Verpflichtungen für inhabergeführte Apotheken auszugleichen.
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