Aphantasie, Forscher

Aphantasie: Forscher widerlegen Mythos der inneren Bilder

Veröffentlicht: 09.07.2026 um 22:44 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Neue Forschung aus Estland widerlegt die Annahme, dass mentale Visualisierung für abstrakte Konzepte nötig ist. Logik und Sprache sind separate Systeme.

Aphantasie-Studie: Abstraktes Denken ohne innere Bilder möglich
Aphantasie - Abstrakte Darstellung von Denkprozessen und geometrischen Formen, die konzeptuelles Verständnis ohne mentale Bilder betont. 09.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Eine aktuelle Studie aus Estland widerlegt diese Annahme jetzt grundlegend.

Forscher der Universität Tartu haben Menschen mit Aphantasie untersucht – also Personen, die keine mentalen Bilder vor ihrem inneren Auge erzeugen können. Das Ergebnis: Sie verstehen abstrakte Konzepte wie Geometrie, Mathematik oder moralische Fragen genauso präzise wie Menschen mit starkem Visualisierungsvermögen.

Die im Juli 2026 in Neuropsychologia veröffentlichte Studie stellt damit eine zentrale These des Philosophen David Hume infrage. Der Denker des 18. Jahrhunderts war überzeugt: Abstraktes Denken basiert zwingend auf mentalen Bildern. Die Daten zeigen das Gegenteil.

Logik und Sprache: Zwei getrennte Systeme

Etwa 4 bis 5 Prozent der Weltbevölkerung sind von Aphantasie betroffen. Sie greifen oft auf ein räumliches Gespür zurück, das ohne sensorischen Reichtum auskommt – und lösen komplexe Probleme trotzdem fehlerfrei.

Parallel dazu liefert das MIT eine weitere Überraschung. Eine im Juli 2026 in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichte Studie zeigt: Patienten mit schweren Sprachstörungen können weiterhin logische Aufgaben bewältigen.

Gehirnscans offenbarten: Die Sprachzentren werden bei rein logischen Operationen gar nicht aktiviert. Während das „Multiple-Demand-Netzwerk“ im Gehirn bei induktivem Denken eine Rolle spielt, läuft deduktives logisches Schließen weitgehend unabhängig von Sprache ab.

Die Kombination beider Studien zeichnet ein neues Bild: Kernkompetenzen wie Logik und Abstraktion sind eigenständige kognitive Systeme. Sie brauchen weder Sprache noch innere Bilder.

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Genetik bestätigt: Kognitive Vielfalt ist normal

Eine großangelegte GWAS-Studie in Nature Communications (2026) identifizierte 78 genetische Regionen, die mit kristallisiertem Wissen verbunden sind – also Faktenwissen aus Erfahrung.

Die Untersuchung zeigt: Verschiedene Intelligenzformen korrelieren unterschiedlich mit neuropsychiatrischen Profilen. Bei Schizophrenie oder bipolarer Störung finden sich oft niedrigere fluide Fähigkeiten bei höherem kristallisiertem Wissen. Bei Autismus zeigt sich dagegen eine hohe Stabilität in der Gedächtnisbildung.

Für Betroffene von Aphantasie bedeutet das: Ihre Art zu denken ist keine Behinderung, sondern eine Variante menschlicher Kognition. Sie nutzen im Alltag räumliche statt bildhafter Erinnerungen. Das kann den Abruf persönlicher, episodischer Erinnerungen erschweren – die allgemeine Leistungsfähigkeit bei komplexen Aufgaben bleibt aber unberührt.

Imagination: Mehr als nur Bilder

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Bleibt die Frage: Ist Vorstellungskraft jetzt überflüssig? Nein – sie ist ein zentrales Werkzeug, besonders für Planung, Kreativität und die mentale Simulation von Entscheidungen. In Verbindung mit dem „Default Mode Network“ des Gehirns ermöglicht sie es, Szenarien vorab durchzuspielen.

Die Forschung zur Aphantasie liefert hier den entscheidenden Hinweis: „Vorstellung“ geht weit über das Visuelle hinaus. Sie umfasst auch rein strukturelle, räumliche oder begriffliche Ebenen. Der menschliche Geist ist flexibler, als Philosophen ihn sich jemals ausgemalt haben.

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