Alzheimer-Genetik: Studie findet 127 Risikoregionen und 48 neue Genabschnitte
Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 12:05 Uhr | Redaktion boerse-global.deEine Ende Oktober 2026 im Fachjournal Nature veröffentlichte internationale Untersuchung liefert neue Einblicke in die genetischen Grundlagen der Alzheimer-Krankheit.
Unter der Leitung von Danielle Posthuma von der Vrije Universiteit Amsterdam sowie der Ko-Leitung von Ole Andreassen von der Universität Oslo identifizierte das Forschungsnetzwerk Psychiatric Genomics Consortium insgesamt 127 DNA-Regionen, die mit dem Risiko für Alzheimer assoziiert sind.
Darunter befinden sich 48 bisher unbekannte Genabschnitte. Die Wissenschaftler verdoppelten damit die Zahl der bislang bekannten Risikoloci und verdreifachten die Schätzung der Heritabilität im Vergleich zum früheren Stand.
Umfassende Datenbasis und verdoppelte Risikomarker
An der Analyse beteiligte sich ein weltweites Team aus 30 Forschungsgruppen. Die zugrunde liegende Datenbasis umfasste rund 2,8 Millionen Menschen. Darin enthalten waren Daten von 109.479 Alzheimer-Fällen sowie 74.141 sogenannten Proxy-Fällen, bei denen eine Erkrankung der Eltern dokumentiert war.
Dem standen 2.131.799 Kontrollpersonen und 499.708 Proxy-Kontrollen gegenüber. Die Universität Exeter trug Daten aus der PROTECT-Studie bei, für die Speichelproben im häuslichen Umfeld gesammelt worden waren. Die Tohoku Medical Megabank steuerte rund 60.000 Datensätze bei.
In einer multianzestralen Auswertung ermittelten die Autoren 118 Risikoregionen, während neun weitere Loci in abstammungsspezifischen Analysen zutage traten.
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Durch eine genauere Einbeziehung der Genvarianten APOE beziehungsweise APOE-?4 hob das Team den rechnerischen Anteil häufiger genetischer Varianten an den Risikounterschieden auf etwa 16 Prozent an, nachdem frühere Schätzungen bei rund 5 Prozent gelegen hatten. Personen im obersten Zehntel des ermittelten Risikoscores wiesen ein etwa siebenfach höheres Erkrankungsrisiko auf als jene im untersten Zehntel.
Zelluläre Mechanismen von Mikroglia bis Neuronen
Auf zellulärer Ebene verorteten die Forscher das stärkste Signal in den Mikroglia-Zellen des Gehirns, wo Gene hochreguliert sind, die unter anderem Prozesse wie die Phagozytose steuern.
Zudem zeigte sich eine genetische Anreicherung in Neuronen mit reduzierter Expression. Dies betraf GABAerge und glutamaterge Nervenzellen sowie drei vulnerable Neuronengruppen mit den Bezeichnungen Sncg, Sst und L6 IT Car3. Als weitere involvierte biologische Mechanismen wurden die Amyloid-Verarbeitung, die Nervenzellreparatur, die Aktivierung von Astrozyten sowie der Erhalt von Myelin identifiziert.
Die Ergebnisse bieten konkrete Ansatzpunkte für die medizinische Forschung. Dem Bericht zufolge interagieren 17 der neuen Genorte mit bereits zugelassenen Wirkstoffen. Das Gen QPCT steht in Verbindung mit Veränderungen von Amyloid-?, während SYK und AXL in der Untersuchung als mögliche therapeutische Zielstrukturen genannt werden.
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Methodische Grenzen und klinische Einordnung
Trotz des Umfangs verwiesen die Studienautoren auf deutliche methodische Limitationen. Mehr als 90 Prozent der analysierten Datensätze stammten von Menschen europäischer Abstammung, was die Übertragbarkeit der genetischen Risikoprognosen auf andere Populationen einschränkt.
Die beschriebenen statistischen Assoziationen belegen zudem keine Kausalität, und die zugrunde liegende Ursächlichkeit der Mechanismen bleibt ungeklärt. Der ermittelte Anteil von 16 Prozent gilt auf Bevölkerungsebene und beschreibt kein individuelles Erkrankungsrisiko.
Die Autoren betonten, dass aus der Arbeit unmittelbar weder ein neuer Test noch eine veränderte Therapieform hervorgehe; ein Gentest liefere keine finale Diagnose. Auch der Neurologe Kleinschnitz hielt fest, dass sich durch die Studienergebnisse kurzfristig keine Änderungen für Diagnose oder Behandlung ergeben.
Angesichts von Prognosen, nach denen bis zum Jahr 2050 weltweit mehr als 150 Millionen Menschen von Demenzerkrankungen betroffen sein dürften, dient die Erfassung der biologischen Zielstrukturen vor allem der künftigen Wirkstoffentwicklung.
