Alzheimer-Forschung: 192 Studien testen 158 neue Wirkstoffe
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 12:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Alzheimer-Forschung verzeichnet eine deutliche Verschiebung ihrer Schwerpunkte. Während über Jahrzehnte vorwiegend die Linderung von Symptomen im Fokus stand, konzentrieren sich aktuelle wissenschaftliche Bemühungen zunehmend auf Behandlungsansätze, die den Krankheitsverlauf grundlegend verändern oder die Demenz langfristig stoppen könnten. Weltweit werden derzeit 192 klinische Studien durchgeführt, die insgesamt 158 verschiedene Moleküle auf ihre Wirksamkeit untersuchen.
Antikörper-Therapien im klinischen Einsatz
Einen wesentlichen Fortschritt markieren die sogenannten Anti-Amyloid-Antikörper Lecanemab und Donanemab. In der Europäischen Union erfolgte die Zulassung für Lecanemab im April 2025, gefolgt von Donanemab im September 2025. Diese Medikamente zielen darauf ab, Plaque-Ablagerungen im Gehirn zu bekämpfen.
In Österreich sind beide Präparate bereits seit dem Jahr 2025 verfügbar. Fachleute weisen jedoch darauf hin, dass diese Therapien nur in einem frühen Krankheitsstadium wirksam sind. Schätzungen zufolge kommen lediglich etwa 5 bis 10 Prozent aller Betroffenen für diese Behandlungen in Frage.
Die ökonomische und regulatorische Bewertung dieser neuen Therapien fällt international unterschiedlich aus. In Spanien lehnte das Gesundheitsministerium am 15. Juli 2026 die Aufnahme von Lecanemab und Donanemab in die Finanzierung durch die öffentlichen Krankenkassen ab.
Dort könnten laut der SEN rund 4 Prozent der Patienten von den Medikamenten profitieren. Ein Cochrane-Review aus dem Mai, der 17 Studien auswertete, dämpfte zudem die Erwartungen an die klinische Signifikanz: Die Effekte auf die Alltagsfähigkeiten wurden darin als bestenfalls klein bezeichnet.
In der praktischen Anwendung berichten Mediziner hingegen von beobachtbaren Fortschritten. Dr. Jürgen Herzog, ärztlicher Direktor an der Schön Klinik München Schwabing, erklärte, dass Patienten unter einer neuen Medikation aktiver würden und besser am Alltag teilnähmen.
Eine Heilung sei zwar nicht möglich, doch könne das selbstständige Leben um einige Monate verzögert werden. In Brasilien, wo Donanemab seit April 2025 zugelassen ist, liegen die Kosten für eine monatliche Behandlung bei bis zu 24.000 Real, während Lecanemab monatliche Kosten von rund 11.000 Real (inklusive Steuern) verursacht.
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Diagnostik und neue molekulare Zielstrukturen
Parallel zur Medikamentenentwicklung hat sich die Früherkennung verbessert. In Österreich ist seit September 2024 der erste Alzheimer-Bluttest verfügbar; weitere Tests wurden im Juli 2025 und Mai 2026 zugelassen.
Diese Verfahren messen Amyloid-Beta sowie phosphoryliertes Tau-Protein und können eine Erkrankung bis zu 15 Jahre vor dem Auftreten erster Symptome nachweisen. Ein negatives Testergebnis bedeutet laut Experten eine Wahrscheinlichkeit von etwa 97 Prozent, in den nächsten Jahren keine demenzielle Entwicklung zu zeigen.
In der Grundlagenforschung rücken neue Proteine in den Fokus. Eine im September 2026 veröffentlichte Studie unter der Leitung der Universität Miguel Hernández Elche identifizierte das Protein Meprin-? als potenziellen Indikator. Die aktive Form dieses Proteins ist im Gehirn und im Liquor von Patienten in fortgeschrittenen Krankheitsstadien erhöht.
Zudem untersuchen Forscher computergestützt rund 43.212 Meeresnaturstoffe auf ihre Eignung als Gamma-Sekretase-Modulatoren, wobei erste synthetische Modelle vielversprechende Ergebnisse in Bezug auf die Überwindung der Blut-Hirn-Schranke zeigten.
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Prävention und genetische Risikofaktoren
Die Bedeutung der Prävention wird durch Daten der Lancet-Kommission aus dem Jahr 2024 unterstrichen. Demnach könnten 14 modifizierbare Risikofaktoren bis zu 45 Prozent der Demenzfälle weltweit verhindern oder verzögern. Zu den beeinflussbaren Faktoren zählen unter anderem Bewegung, Herz-Kreislauf-Gesundheit, Ernährung und soziale Kontakte.
Wissenschaftler der Med Uni Graz konnten zudem Zusammenhänge zwischen Neurofilamenten und der Gehirnalterung belegen. Auch der Einfluss der Genetik bleibt ein zentrales Thema. Eine Analyse der Columbia University zeigt, dass die Genvariante APOE ?4, die das Risiko für Alzheimer erhöht, bei Menschen ab 70 Jahren zunehmend seltener wird.
In einer australischen Langzeitstudie wurde zudem beobachtet, dass eine westliche Ernährung bei Trägern dieses Gens mit einem schnelleren Nachlassen der Aufmerksamkeit korreliert, während dieser Zusammenhang bei Nicht-Trägern nicht statistisch signifikant belegbar war.
