Patienten, Medikamente

Ältere Patienten: Wenn Medikamente zur Gefahr werden

20.05.2026 - 07:13:16 | boerse-global.de

DGIM-Kongress thematisiert Sturzgefahr durch Multimedikation. ApoVWG-Gesetz sorgt für Milliarden-Debatte um Biosimilars.

Ältere Patienten: Wenn Medikamente zur Gefahr werden - Foto: über boerse-global.de
Ältere Patienten: Wenn Medikamente zur Gefahr werden - Foto: über boerse-global.de

Der demografische Wandel stellt Deutschlands Gesundheitssystem vor massive Herausforderungen. Immer mehr ältere Patienten leiden unter der gleichzeitigen Einnahme zahlreicher Medikamente – mit teils gefährlichen Folgen.

Anzeige

Über 180 Wirkstoffe stehen auf der Priscus-Liste – wahrscheinlich liegt einer davon auch in Ihrem Schrank. Der kostenlose PDF-Ratgeber zeigt sichere Alternativen, über die Sie mit Ihrem Arzt sprechen können. Gefährliche Medikamente im Alter erkennen

Auf dem 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) am Montag in Wiesbaden warnten Experten vor den Risiken der sogenannten Polypharmazie. Patienten über 75 Jahre nehmen im Schnitt fünf bis acht verschiedene Medikamente täglich ein. Die Folge: Jeder dritte über 65-Jährige stürzt mindestens einmal pro Jahr – bei den über 85-Jährigen ist es sogar jeder Zweite.

Milliarden-Sparpotenzial durch Pharmareform verschenkt?

Parallel zu den medizinischen Debatten steht die Politik unter Druck. Der Bundestag stimmt am Donnerstag über das Apothekenversorgungsweiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) ab. Der AOK-Bundesverband kritisierte die geplanten Änderungen scharf. Im Kern geht es um die Verschiebung exklusiver Rabattverträge für Biosimilars auf Juli 2028.

Nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) entgehen dem System dadurch jährliche Einsparungen von rund 2,33 Milliarden Euro. AOK-Vorstandsvorsitzende Dr. Carola Reimann sprach von einem „erheblichen Zugeständnis an die Pharmaindustrie". Der GKV-Spitzenverband soll bis Juni 2027 einen Bericht vorlegen.

Wenn Tabletten zum Sturzrisiko werden

Dr. Thea Laurentius von der Universität Oldenburg machte auf dem DGIM-Kongress auf den Zusammenhang zwischen Medikamenten und Stürzen aufmerksam. Bestimmte Wirkstoffe – sogenannte FRIDs (Fall-Risk-Increasing Drugs) – erhöhen das Sturzrisiko erheblich. Dazu gehören Betablocker, Opioide und Benzodiazepine. Besonders tückisch: Schlafmittel wirken gleichzeitig sedierend und muskelentspannend.

Die Lösung heißt „Deprescribing" – das kontrollierte Absetzen oder Reduzieren von Medikamenten. Laurentius empfiehlt ein schrittweises Vorgehen: „Viele ältere Patienten vertragen ein abruptes Absetzen nicht." Stattdessen sollten Dosen mehrfach halbiert werden.

Kalziumtabletten: Risiko fürs Herz?

Eine Studie der Universität Hongkong, veröffentlicht im Journal of the American Heart Association, sorgt für Diskussionen. Forscher untersuchten 35.000 Herzpatienten mit einem Durchschnittsalter von 77 Jahren. Ergebnis: Kalziumpräparate können das Risiko für einen erneuten Herzinfarkt oder Schlaganfall um etwa zehn Prozent erhöhen – besonders bei einer Dosierung von 1.000 mg täglich. Männer scheinen stärker betroffen zu sein. Die Kombination mit Vitamin D könnte die negativen Effekte jedoch abmildern.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) identifizierte zudem 269.000 Fälle von nicht-allergischem Juckreiz durch Medikamente. Auslöser sind unter anderem Antibiotika wie Amoxicillin, Opioide wie Tramadol sowie Paracetamol und Cholesterinsenker (Statine). Die Symptome traten oft erst Wochen nach Therapiebeginn auf.

Schlafdauer und biologisches Altern

Eine im Fachjournal Nature veröffentlichte Studie unter Leitung von Junhao Wen von der Columbia University zeigt: Die ideale Schlafdauer liegt zwischen 6,4 und 7,8 Stunden pro Nacht. Wer regelmäßig weniger als sechs oder mehr als acht Stunden schläft, beschleunigt die biologische Alterung von neun Organsystemen – darunter Herz, Gehirn und Immunsystem. Die Analyse basiert auf Daten von rund 500.000 Teilnehmern der UK Biobank.

Hörverlust: Das unterschätzte Demenz-Risiko

Weltweit leben 1,5 Milliarden Menschen mit Hörverlust, allein in Deutschland sind es zehn Millionen. Die Lancet-Kommission zu Demenz (2020) warnt: Unbehandelter Hörverlust kann das Demenzrisiko um das bis zu Fünffache erhöhen.

Anzeige

Unbehandelter Hörverlust gilt als größter vermeidbarer Risikofaktor für Demenz, doch gezieltes Training kann den Gedächtnisabbau laut Experten um bis zu 48 % verlangsamen. Dieser kostenlose Report zeigt Ihnen, wie Sie mit 7 einfachen Übungen für zuhause aktiv gegensteuern können. Gratis-Report zum Hörtraining anfordern

Neue Erkenntnisse gibt es auch zum Tinnitus. Forscher der Oregon Health and Science University entdeckten an Mäusen, dass erhöhte Serotoninspiegel im Nucleus cochlearis die Nervenaktivität verstärken können. Das erklärt, warum manche Patienten nach der Einnahme von serotoninsteigernden Antidepressiva (SSRIs) ein stärkeres Ohrensausen berichten. Eine Metaanalyse mit über zwei Millionen Teilnehmern aus dem Jahr 2025 belegt zudem: Diabetiker haben ein 18 Prozent höheres Risiko für Tinnitus.

Pflegekräfte fordern mehr Eigenständigkeit

Der Deutsche Pflegerat forderte am Montag einen „Perspektivwechsel" in der Gesundheitspolitik. Pflege- und Betreuungsberufe müssten als eigenständige, selbstbestimmte Akteure im System anerkannt werden. Nur so ließen sich die Herausforderungen des demografischen Wandels bewältigen.

Derzeit haben Patienten mit drei oder mehr Medikamenten einen gesetzlichen Anspruch auf einen Medikationsplan. Apotheken bieten zudem Medikationsanalysen an. Ob diese Maßnahmen ausreichen, bleibt fraglich. Die Experten sind sich einig: Der bloße Verordnungsnachweis bedeutet noch lange keine erfolgreiche Therapie.

So schätzen die Börsenprofis Aktien ein!

<b>So schätzen die Börsenprofis Aktien ein!</b>
Seit 2005 liefert der Börsenbrief trading-notes verlässliche Anlage-Empfehlungen – dreimal pro Woche, direkt ins Postfach. 100% kostenlos. 100% Expertenwissen. Trage einfach deine E-Mail Adresse ein und verpasse ab heute keine Top-Chance mehr. Jetzt abonnieren.
Für. Immer. Kostenlos.
de | wissenschaft | 69379374 |