Patienten, Medikamente

Ältere Patienten: 55% nehmen dauerhaft 3+ Medikamente

05.06.2026 - 12:12:19 | boerse-global.de

Die ABDA will Apotheken zur zentralen Gesundheitsanlaufstelle ausbauen. Neue Gesetze und Honorare treiben den Wandel voran.

Apotheken als erste Anlaufstelle: Neue Pläne der ABDA
Patienten - Eine Apothekerin berät einen älteren Patienten in einer modernen Apotheke, Symbol für erweiterte Primärversorgungsleistungen. 05.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Angesichts einer alternden Gesellschaft und mehr chronischer Erkrankungen wollen die Apotheken künftig weit mehr als nur Medikamente abgeben. Die Standesvertretung ABDA hat konkrete Pläne vorgelegt.

56 Prozent der Deutschen haben geringe Gesundheitskompetenz

Die Zahlen zeigen: Der Bedarf ist da. Laut einem aktuellen Positionspapier der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) verfügen 56 Prozent der Bevölkerung über eine geringe Gesundheitskompetenz. Besonders betroffen: ältere Patienten. Rund 55 Prozent der über 70-Jährigen nehmen dauerhaft drei oder mehr Medikamente ein. Insgesamt leben 54 Prozent der Menschen mit chronischen Erkrankungen.

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Die Apotheken haben bereits vorgelegt. Im Jahr 2025 wurden bundesweit fast eine Million pharmazeutische Dienstleistungen abgerechnet. Rund 300.000 Fälle entfielen auf erweiterte Medikationsberatungen bei Polymedikation. Auch bei Impfungen legten die Apotheken zu: In der Grippesaison 2025/2026 führten sie rund 220.000 Impfungen durch – fast doppelt so viele wie in der Vorsaison.

Apotheke als erste Anlaufstelle – auch digital

Ein Strategiepapier des ABDA-Gesamtvorstands vom April 2026 sieht vor: Apotheken sollen zur ersten Anlaufstelle im Gesundheitssystem werden. Der Schlüssel dazu ist die Verknüpfung mit digitalen Angeboten. Konkret sollen Apotheken nach einer digitalen Ersteinschätzung als Ansprechpartner fungieren oder assistierte Telemedizin anbieten.

Das geforderte Leistungsspektrum ist umfangreich:
- Pharmazeutische Nachbetreuung nach Krankenhausaufenthalten inklusive Medikationsabgleich innerhalb von 48 bis 72 Stunden
- Ausbau von Präventionsangeboten bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Raucherentwöhnung
- Erweiterte Einbindung in die Substitutionstherapie – bereits 2025 unterstützten rund 25 Prozent der Apotheken diese Behandlung

Die Kapazitäten sind da. Im Bereich Nordrhein mit seinen rund 1.900 Apotheken versorgt eine Betriebsstätte rechnerisch etwa 5.135 Menschen. Die Berufsverbände an Rhein und Ruhr signalisierten Anfang Juni ihre Bereitschaft, mehr Verantwortung zu übernehmen.

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Neues Gesetz erweitert Kompetenzen – und das Honorar

Die rechtliche Grundlage steht. Der Bundestag verabschiedete im Mai 2026 das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG). Ab 2027 sind neue Leistungen vorgesehen: Beratungen mit Messungen von Risikofaktoren für Diabetes oder Herz-Kreislauf-Leiden. Zudem sollen Apotheken bestimmte rezeptpflichtige Arzneimittel für Chroniker oder bei akuten, unkomplizierten Erkrankungen unter bestimmten Bedingungen auch ohne ärztliches Rezept abgeben dürfen.

Auch bei der Bezahlung tut sich was. Das Fixum für rezeptpflichtige Medikamente steigt in zwei Stufen: im Juli 2026 auf 9,00 Euro und ab Januar 2027 auf 9,50 Euro. ABDA-Präsident Thomas Preis nannte die Erhöhung notwendig für die Stärkung der Strukturen. Gleichzeitig verwies er auf die sinkende Zahl der Betriebsstätten. Im März 2026 gab es bundesweit noch 16.541 Apotheken – den niedrigsten Stand seit 1977.

Ärzteschaft zeigt sich skeptisch

Die Pläne stoßen auf Widerstand. Bundesärztekammerpräsident Dr. Klaus Reinhardt betonte im Juni: Ärztliche Tätigkeiten gehörten nicht in die Apotheke. Auch der Hausärzteverband kritisierte die Gesundheitspolitik und kündigte Proteste gegen geplante Sparmaßnahmen in der vertragsärztlichen Versorgung an.

Während die Bundesapothekerkammer die Apotheke als unverzichtbare Schnittstelle sieht, warnen Kritiker aus den gesetzlichen Krankenversicherungen vor den Kosten. Die Mehrkosten durch die Honorarerhöhung werden auf rund 875 Millionen Euro jährlich geschätzt. Die Diskussion um die Balance zwischen Entlastung der Hausärzte und Wahrung ärztlicher Vorbehaltsaufgaben wird die Branche 2026 weiter beschäftigen.

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