Adipositas-Debatte: Medikamente allein reichen nicht
24.05.2026 - 20:30:21 | boerse-global.deEMA empfiehlt orales Wegovy – doch Mediziner warnen
Am 22. Mai gab die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) grünes Licht für eine orale Version des Abnehm-Medikaments Wegovy. Ein Meilenstein für die Pharmaindustrie. Doch parallel mehren sich die Warnungen von Experten: Wer die Therapie abbricht, nimmt schnell wieder zu.
Eine aktuelle Auswertung des British Medical Journal (BMJ) zeigt: Patienten legen nach dem Absetzen von GLP-1-Präparaten wie Ozempic oder Wegovy monatlich rund 400 Gramm zu. Nach anderthalb bis zwei Jahren ist das Ausgangsgewicht oft wieder erreicht.
„Adipositas ist eine chronische Krankheit“, betont Endokrinologin Lucie Favre vom Universitätsspital Lausanne (CHUV). Ein Rückfall nach Therapieende sei daher wahrscheinlich.
Muskelverlust beschleunigt die Gewichtszunahme
Besonders problematisch: Die Medikamente kosten nicht nur Fett, sondern auch Muskeln. Analysen vom 22. Mai zeigen: Über 70 Wochen verlieren Patienten mehr als zehn Prozent ihrer fettfreien Masse. Das entspricht physiologisch einem Alterungsprozess von etwa 20 Jahren.
Bei zwei Dritteln der Betroffenen entfallen knapp 35 Prozent des gesamten Gewichtsverlusts auf Muskelgewebe. Die Folge: Der Grundumsatz sinkt massiv. Wer später wieder normal isst, nimmt umso schneller zu.
Experte Uwe Knop rät daher zu eiweißreicher Ernährung und konsequentem Krafttraining. Nur so lasse sich die Muskulatur während der Diät schützen.
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Der Körper tickt anders – Stoffwechseltypen im Fokus
Warum nehmen manche Menschen schneller zu als andere? Forscher des National Institutes of Health (NIH) in Arizona unterscheiden zwischen „sparsamen Typen“ und „Verschwendertypen“. Erstere speichern Energie besonders effizient – ein evolutionärer Vorteil, der heute schnell zur Gewichtszunahme führt.
Verschwendertypen dagegen haben mehr braunes Fettgewebe. Dieses kann Energie direkt in Wärme umwandeln und so den Kalorienverbrauch steigern. Die Menge an braunem Fett ist teils genetisch bedingt, lässt sich aber etwa durch Kälteexposition beeinflussen.
Die Recommendation der Fachleute: unverarbeitete, mediterrane Kost. Auch der Zeitpunkt der Mahlzeiten spielt eine Rolle. Frühstücken und frühes Abendessen können die Fettverbrennung ankurbeln.
Fasten verändert den Körper – aber nicht sofort
Eine am 23. Mai in „Nature Metabolism“ veröffentlichte Studie der Queen Mary University untersuchte siebentägiges Wasserfasten bei zwölf gesunden Probanden. Das Ergebnis: Signifikante biologische Veränderungen treten erst nach etwa drei Tagen ein. Die Teilnehmer verloren im Schnitt 5,7 Kilogramm – der Fettverlust blieb auch nach Wiederaufnahme der Nahrung bestehen.
Mediziner warnen jedoch: Extremfasten ohne ärztliche Aufsicht birgt Risiken wie Dehydrierung, Elektrolytstörungen und Muskelabbau.
Kakao, Kaffee und Co.: Was die Forschung noch entdeckt hat
Nicht nur der Verzicht, auch bestimmte Lebensmittel rücken in den Fokus. Forscher der Kyushu University in Japan identifizierten Procyanidin C1 (PC1) – ein Wirkstoff in Kakao, Zimt und Weintrauben – der die kognitiven Fähigkeiten verbessern kann.
Und Kaffee? Eine Studie der Tufts University legt nahe: Zwei bis drei Tassen täglich senken das Risiko für einen vorzeitigen Tod um 15 bis 17 Prozent. Voraussetzung: kein Zucker, keine Sahne.
Pestizide im Tee: Foodwatch deckt auf
Während die Wissenschaft Fortschritte macht, sieht sich der Verbraucher mit altbekannten Problemen konfrontiert. Foodwatch testete 64 Produkte – 43 enthielten Rückstände von in der EU nicht zugelassenen Pestiziden. Betroffen sind sowohl Discounter-Eigenmarken wie Lidl und Aldi als auch Markenhersteller wie Teekanne oder Meßmer.
Besonders krass: Ein Chili-Mix einer Supermarktkette enthielt 22 verschiedene Pestizide. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht zwar keine akute Gesundheitsgefahr – ein strukturelles Problem bleibt die Belastung aber.
Gefälschte Werbung mit Promi-Ärzten
Die Stiftung Warentest warnt zudem vor einer neuen Betrugswelle. Mit KI-generierten Deepfakes und gefälschten Zitaten von Medizinern wie Dr. Eckart von Hirschhausen werden Wundermittel gegen Diabetes, Arthrose oder zum Abnehmen beworben.
Das Österreichische Institut für Angewandte Telekommunikation beobachtet eine zunehmende Professionalisierung der Täuschungen. Basis ist oft schlichter Identitätsdiebstahl.
Adipositas als lebenslange Managementaufgabe
Die Botschaft der aktuellen Forschung ist klar: Gewichtskontrolle ist eine komplexe Interaktion zwischen Biologie, Chemie und Verhalten. Kurzfristige Diäten bringen selten dauerhaften Erfolg.
Besonders Frauen ab 40 stehen vor spezifischen Herausforderungen. Die hormonelle Umstellung in der Perimenopause verlangsamt den Stoffwechsel. Fitnessexpertin Daniela Dworzak rät zu einer gezielten Kombination aus Kohlenhydraten und Proteinen nach dem Sport – das senkt das Stresshormon Cortisol und fördert die Regeneration.
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Politisch zeichnen sich Veränderungen ab: Das Bundeskabinett plant für 2028 eine Zuckersteuer auf Erfrischungsgetränke. Ob das reicht, um die Rahmenbedingungen für gesündere Ernährung zu verbessern, bleibt abzuwarten.
Was kommt als Nächstes?
Am 9. Juni 2026 thematisieren Fachvorträge in Villingen-Schwenningen die Grundlagen moderner Ernährung. Die NDR-Sendung „Visite“ stellt bis 2027 digitale Informationen zur Nährstoffversorgung bei Hitze bereit.
Die große Frage bleibt: Werden die neuen oralen GLP-1-Präparate die Therapietreue verbessern? Oder bleiben Muskelverlust und Jo-Jo-Effekt die größten Hürden im Kampf gegen Adipositas?
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