ADHS-Diagnosen: Hessen verzeichnet 24% Anstieg bei Kindern
Veröffentlicht am: 07.09.2026 um 16:17 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das gleichzeitige Auftreten von Typ-1-Diabetes und einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) stellt Familien und das Gesundheitssystem vor komplexe Aufgaben.
Aktuelle Experteneinschätzungen und Datenanalysen verdeutlichen, dass etwa 5 % der jungen Patientinnen und Patienten mit Diabetes zusätzlich von ADHS betroffen sind. Dabei bleibt die neurologische Entwicklungsstörung bei Kindern mit Diabetes oft unerkannt, was erhebliche Auswirkungen auf die Stoffwechseleinstellung haben kann.
Risiken für die Stoffwechselkontrolle und den Behandlungsalltag
Die Kombination beider Diagnosen erhöht laut Expertinnen das Risiko für instabile Blutzuckerwerte. Insbesondere zeigt sich eine Tendenz zu schlechteren Langzeitblutzuckerwerten (HbA1c) sowie eine gesteigerte Gefahr für Unterzuckerungen.
Die für das Diabetesmanagement notwendige Selbstorganisation, wie das regelmäßige Messen der Werte und das Berechnen von Insulindosen, kollidiert häufig mit den ADHS-Kern-Symptomen Impulsivität und Unaufmerksamkeit.
Um den Alltag für betroffene Familien zu erleichtern, empfehlen Fachleute spezifische Strategien. Dazu gehört die Strukturierung von Abläufen durch visuelle Hilfen oder technische Unterstützungssysteme. Eine frühzeitige Identifikation der ADHS-Symptomatik wird als essenziell erachtet, um die Diabetestherapie entsprechend anzupassen und die psychische Belastung der Betroffenen zu reduzieren.
Notwendigkeit einer differenzierten medizinischen Abklärung
Ein zentraler Aspekt in der klinischen Bewertung ist die Abgrenzung von ADHS zu anderen gesundheitlichen Problemen. Experten weisen darauf hin, dass Symptome, die einer ADHS ähneln, auch durch organische oder psychische Ursachen hervorgerufen werden können. Neben Diabetes selbst kommen hierfür Schilddrüsenerkrankungen, Eisenmangel, Schlafstörungen oder Depressionen in Betracht.
Die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Kindern steigt – allein in Hessen um 24 Prozent. Doch viele Symptome können auch andere Ursachen haben. Holen Sie sich jetzt den kostenlosen Ratgeber mit Checkliste zur Früherkennung und Strategien für den Alltag. Jetzt kostenlosen Ratgeber anfordern
In diesem Zusammenhang wird auf einen Review von Joseph Sadek aus dem Jahr 2023 verwiesen. Die Untersuchung unterstreicht die Notwendigkeit einer gründlichen medizinischen Abklärung, bevor eine ADHS-Diagnose endgültig gestellt wird. Eine fehlerhafte Einordnung könnte dazu führen, dass behandelbare Grunderkrankungen übersehen werden, während die eigentliche Ursache der Verhaltensauffälligkeiten unbehandelt bleibt.
Regionale Trends und steigende Diagnosezahlen
Am Beispiel Hessens zeigen Daten der DAK-Gesundheit eine deutliche Zunahme der ADHS-Diagnosen. Im Jahr 2024 stieg die Zahl der Neudiagnosen bei Kindern und Jugendlichen in diesem Bundesland um 24 % gegenüber dem Vorjahr. Damit wurden erstmals etwa 15.400 betroffene junge Menschen registriert. Dieser Anstieg liegt signifikant über dem bundesweiten Durchschnitt, der mit 16 % beziffert wird.
Die Auswertung der Krankenkasse differenziert zudem nach Geschlecht und Alter:
- Bei Mädchen in Hessen wurde ein Anstieg der Diagnosen um +32 % verzeichnet.
- Bei Jungen betrug das Plus 20 %, wobei sie in absoluten Zahlen mit 10.200 Diagnosen (gegenüber 5.200 bei Mädchen) weiterhin häufiger betroffen sind.
- Die am stärksten betroffene Altersgruppe sind Kinder zwischen 5 und 9 Jahren.
Insgesamt befinden sich in Hessen 4,8 % der 3- bis 17-Jährigen aufgrund einer ADHS-Diagnose in Behandlung.
Systemische Hürden in der Versorgung
Steckt hinter der Unaufmerksamkeit Ihres Kindes vielleicht Diabetes, Schilddrüsenprobleme oder Schlafstörungen? Bevor Sie eine ADHS-Diagnose akzeptieren, sollten Sie alle Möglichkeiten abklären lassen. Unser Leitfaden zeigt, wie Sie die richtige Diagnose sicherstellen. Leitfaden zur ADHS-Abklärung jetzt sichern
Trotz des steigenden Bedarfs an Diagnostik und Therapie bestehen international erhebliche Engpässe in der Versorgung. Berichte über den staatlichen britischen Gesundheitsdienst NHS zeigen, dass Wartezeiten für eine ADHS-Abklärung dort bis zu 7 Jahre betragen können.
Solche Verzögerungen erschweren insbesondere für Kinder mit einer bestehenden chronischen Erkrankung wie Typ-1-Diabetes den Zugang zu einer integrierten Versorgung, die beide Krankheitsbilder gleichermaßen berücksichtigt.
