ADHS ab 50: Studie findet bis zu vierfach erhöhtes Demenzrisiko
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 10:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deErwachsene ab einem Alter von 50 Jahren mit einer Diagnose des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndroms weisen ein deutlich erhöhtes Risiko auf, an einer leichten kognitiven Beeinträchtigung oder Demenz zu erkranken. Dies belegt eine Untersuchung der University of Pittsburgh, die am 7. Oktober 2026 im Fachjournal JAMA Psychiatry veröffentlicht wurde.
Die Analyse zeigt ein bis zu vierfach gesteigertes Erkrankungsrisiko auf und liefert wichtige Einblicke in die Zusammenhänge zwischen neurologischen Entwicklungsstörungen und altersbedingtem kognitivem Verfall.
Große Kohorte liefert statistische Basis
Für die Untersuchung griffen die Forschenden der University of Pittsburgh auf Datensätze des US-amerikanischen Forschungsprogramms All of Us zurück. In die Analyse flossen die Angaben von 187.341 Teilnehmern ein, die mindestens 50 Jahre alt waren. Das mittlere Alter lag bei 56,41 Jahren, der Frauenanteil betrug 57 Prozent.
Der Erhebungszeitraum der Kohorte erstreckte sich von Mai 2018 bis Oktober 2023, während die erfassten elektronischen Krankenakten bis in den Januar 1985 zurückreichten. Die mittlere Nachbeobachtungszeit belief sich auf 10,26 Jahre.
Innerhalb dieser Stichprobe lag bei 3.026 Personen (1,6 Prozent) eine ADHS-Diagnose vor. Von diesen Betroffenen entwickelten 203 Personen (6,7 Prozent) eine leichte kognitive Störung oder Demenz. In der Vergleichsgruppe ohne ADHS-Befund waren es 6.259 Teilnehmer, was einem Anteil von 3,4 Prozent entsprach.
Mehrfach erhöhtes Risiko und genetische Einflüsse
In der primären Auswertung ermittelte das Team um Hauptautor Tharik Pascual für Personen mit ADHS ein adjustiertes Hazard Ratio (HR) von 4,60 (95 %-Konfidenzintervall 3,99–5,29) für das Auftreten kognitiver Beeinträchtigungen.
Auch nach Berücksichtigung weiterer Einflussfaktoren blieb der Zusammenhang bestehen:
- Nach Adjustierung für körperliche Begleiterkrankungen lag das HR bei 4,04.
- Bei Einbezug psychiatrischer Komorbiditäten ergab sich ein HR von 3,19 (95 %-KI 2,76–3,68).
- Wurden Bildung, Rauchstatus und die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen berücksichtigt, betrug das HR 3,08.
- In einem gematchten Modell lag der Wert bei 2,26.
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Eine getrennte Betrachtung der Verlaufsformen zeigte für leichte kognitive Störungen ein HR von 3,83 und für Demenzerkrankungen ein HR von 3,07. Zudem überprüften die Forschenden genetische Daten. Ein Vergleich zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Quintil des polygenen Risiko-Scores für ADHS ergab ein HR von 1,35 (95 %-KI 1,25–1,46), was einem Risikozuwachs von 35 Prozent entspricht.
Hauptautor Tharik Pascual verwies darauf, dass dieses übereinstimmende Muster aus Krankenakten und genetischen Profilen den beobachteten Befund stütze. Wurde ein Mindestabstand von acht Jahren zwischen den Diagnosen vorausgesetzt, verblieb das HR bei 1,44; bei einem Intervall von neun Jahren betrug es 1,28, verfehlte dabei jedoch die statistische Signifikanz.
Folgen für Lebensqualität und Versorgung
Die Kombination aus kognitivem Störung und ADHS ging laut der Erhebung mit spürbaren Einbußen im Alltag einher. Betroffene litten häufiger unter einer schlechteren psychischen Gesundheit (Odds Ratio 1,69; 95 %-KI 1,18–2,39), einer reduzierten Lebensqualität (OR 1,66; 95 %-KI 1,14–2,39) sowie einer geringeren sozialen Zufriedenheit (OR 2,39; 95 %-KI 1,69–3,37).
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Gleichzeitig stieg die Belastung des Gesundheitssystems. Die Inzidenzrate für die allgemeine Inanspruchnahme medizinischer Leistungen lag bei einem Verhältnis (IRR) von 1,2 (95 %-KI 1,09–1,34), für ambulante Termine bei 1,34 (95 %-KI 1,15–1,56).
Betroffene mit Demenz nahmen 20 Prozent mehr ambulante Versorgung in Anspruch. Bei einem höheren polygenen Risikoscore erhöhte sich zudem die Rate an Notaufnahmebesuchen (IRR 1,42; 95 %-KI 1,15–1,75).
Bereits eine frühere Studie aus dem Jahr 2023 in der Fachzeitschrift JAMA Network Open hatte eine Assoziation zwischen ADHS im Erwachsenenalter und einem höheren Demenzrisiko festgestellt.
Die Autoren der University of Pittsburgh betonen jedoch Einschränkungen: Die Ergebnisse liefern keinen Kausalnachweis und erlauben keine Rückschlüsse auf die Wirkung von ADHS-Therapien. Zudem sei denkbar, dass späte ADHS-Diagnosen teilweise bereits frühe Symptome einer Demenz widerspiegeln.
