Achtsamkeitsfalle: Warum Meditation bei 6 bis 14 Prozent Nebenwirkungen hat
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 07:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deAchtsamkeitsübungen und Meditation gelten seit Jahren als universelle Werkzeuge zur Stressbewältigung. Doch die zunehmende Kommerzialisierung und unkritische Verbreitung rufen vermehrt differenzierte Stimmen auf den Plan.
Anhand neuerer Veröffentlichungen, darunter das Buch „Achtsam geht die Welt zugrunde“ der Autorin Kathrin Fischer, rückt die sogenannte Achtsamkeitsfalle in den Fokus. Fischer thematisiert in Medienberichten, dass individuelle Entspannungstechniken zunehmend dafür instrumentalisiert werden, strukturelle Schieflagen auf Einzelpersonen abzuwälzen.
Strukturelle Ursachen statt individueller Selbstoptimierung
Nach Einschätzung von Fischer betrifft dieser Druck insbesondere Frauen, da gesellschaftliche Rollenmuster ihnen häufig mehr emotionale Fürsorgearbeit zuweisen und sie parallel Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung sowie organisatorische Lasten schultern.
Zwar könne eine achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) akute Burnout-Symptome kurzfristig dämpfen, die eigentlichen Ursachen blieben jedoch oft unangetastet. Wenn Organisationen Überlastung, Mobbing oder Defizite in der Führung nicht aufarbeiten, verleite die Rückkehr an unveränderte Arbeitsplätze die Betroffenen dazu, das Scheitern bei sich selbst zu suchen.
Ein vergleichbares Muster sieht Fischer im öffentlichen Raum: Wenn etwa Zugverspätungen als willkommene Meditationszeit deklariert würden, lenke dies von den politischen und infrastrukturellen Ursachen der Mängel ab.
Auch im Bildungsbereich wird die Debatte geführt. In der Sendung „Die Schule brennt“ des SWR-Kultur-Podcasts unterstrich die Autorin Selma Polat-Menke („Herzbeschirmt“, 2023), dass ein achtsamer Unterrichtsstil wesentlicher sei als das bloße Unterrichten von Achtsamkeit. Zwar könnten entsprechende Übungen Lernprozesse unterstützen, sie würden in der Praxis jedoch nicht selten missverstanden.
Mögliche Risiken und psychische Nebenwirkungen
Dass Meditation nicht ausnahmslos positiv wirkt, greift auch Journalistin Wiebke Hollersen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf. Die Praxis verfehle mitunter ihr Ziel der Stressreduktion und könne im Einzelfall Schlafstörungen oder Psychosen begünstigen.
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Auf wissenschaftlicher Ebene untersuchten Britton et al. (2021) in einer Studie mit 96 Teilnehmenden einer achtwöchigen achtsamkeitsbasierten kognitiven Therapie die Kehrseiten: Bei rund 6 bis 14 Prozent der Probanden traten länger anhaltende negative Begleiterscheinungen auf, vor allem im Zusammenhang mit Übererregung und Dissoziation.
Auch das US-amerikanische National Center for Complementary and Integrative Health verweist darauf, dass Meditation mit negativen Erfahrungen wie Angstgefühlen oder Niedergeschlagenheit einhergehen kann.
Um solchen Effekten vorzubeugen, setzen traditionsreiche Zentren auf feste Hürden. Am Benediktushof bei Würzburg ist die Teilnahme an einem mehrtägigen Sesshin (drei bis fünf Tage intensive Zen-Meditation) nur nach einem Vorbereitungskurs möglich.
Während die Zazen-Einheiten dort 25 Minuten am Stück dauern, wird im Einführungskurs zunächst mit 15 Minuten erprobt, ob Teilnehmende sechs Stunden tägliches Stillsitzen bewältigen können.
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Der buddhistische Lehrer Anam Thubten Rinpoche betonte gegenüber „Buddhistdoor Global“, die Ursache für Probleme liege selten in der Meditation selbst, sondern primär in mangelhafter Anleitung. Ein im Fachjournal „Mindfulness“ veröffentlichter Scoping-Review verglich diesbezüglich 120 wissenschaftliche Arbeiten zu Unterschieden zwischen moderner und buddhistischer Achtsamkeit.
Missverständnisse der Praxis und konkrete Hinweise
Ratgeber weisen darauf hin, dass Phänomene wie Unruhe, Herzklopfen oder plötzliches Weinen während der Meditation vorkommen können und nicht per se bedeuten, dass die Ausführung fehlerhaft ist.
Als Definition gilt das absichtliche, nicht wertende Wahrnehmen des aktuellen Moments, wobei das Erkennen von abschweifenden Gedanken und das Zurückführen der Aufmerksamkeit im Mittelpunkt stehen. Weitverbreitete Irrtümer bestehen darin, das Bewusstsein komplett leeren zu wollen, Entspannung zu erzwingen oder Praxiszeiten penibel an Serien-Tagen zu messen.
Bei akuter innerer Anspannung raten Experten zu Anpassungen: Kürzere Einheiten, geöffnete Augen und die Konzentration auf äußere Sinneseindrücke statt auf Atmung oder Körper können entlasten. Treten Panik oder schwere emotionale Reaktionen auf, sollte die Übung abgebrochen und professionelle Unterstützung eingeholt werden. Für den Einstieg gelten fünf Minuten täglich oder vier bis fünf wöchentliche Einheiten von fünf bis 15 Minuten als Richtwert.
Dass Achtsamkeit allein nicht zwingend die Lebenszufriedenheit steigert, zeigte eine Untersuchung von Rebecca Cheung und Elsa Lau (2021) an 133 Praktizierenden: Der direkte Zusammenhang war statistisch nicht signifikant, sobald vermittelnde Prozesse berücksichtigt wurden.
Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2026 über mehr als 20 randomisierte kontrollierte Studien mit 4.805 Teilnehmenden belegte hingegen, dass Interventionen zur bewussten Wahrnehmung und zum Auskosten positiver Erlebnisse (Savoring) einen signifikanten Effekt mittlerer Stärke auf das Wohlbefinden entfalten.
