Arbeitnehmer, Umfrage

62 Prozent der Arbeitnehmer fühlen sich ausgebrannt

11.05.2026 - 08:26:28 | boerse-global.de

Eine Umfrage zeigt alarmierende Burnout-Raten bei Arbeitnehmern. KI-Tools und fehlende Prävention verschärfen die psychische Belastung.

62 Prozent der Arbeitnehmer fühlen sich ausgebrannt - Foto: über boerse-global.de
62 Prozent der Arbeitnehmer fühlen sich ausgebrannt - Foto: über boerse-global.de

Eine Umfrage des Personaldienstleisters Robert Half zeigt: 62 Prozent der befragten Arbeitnehmer in Kanada geben an, sich ausgebrannt zu fühlen. Ende 2024 lag dieser Wert noch bei 47 Prozent. Rund 31 Prozent der Teilnehmer empfinden ihre Erschöpfung als intensiver als noch vor zwölf Monaten.

Als Hauptursache nennen 40 Prozent der Befragten eine zu hohe Arbeitsbelastung. 27 Prozent leiden unter fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten. Besonders alarmierend: Nur 5 Prozent der Manager haben überhaupt die Kapazitäten, um sich um Burnout-Prävention in ihren Teams zu kümmern.

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KI-Tools verschärfen das Problem

Neue Technologien treiben die Erschöpfung zusätzlich an. Die Arbeitspsychologin Nicole Deci warnt: KI-Tools wie ChatGPT erhöhen das Risiko der Selbstüberforderung. „Weil die Werkzeuge jederzeit verfügbar sind, sinkt die Hemmschwelle, berufliche Aufgaben auch in der Pause zu erledigen“, erklärt Deci.

Die Folge: chronische Erschöpfung und ein weiteres Verschwimmen der Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit. Der Sozialwissenschaftler Christian Kellermann ergänzt, dass KI zudem die Gefahr des De-Skillings berge – der Verlust kritischer Urteilsfähigkeit belaste die mentale Gesundheit indirekt weiter.

Sonntagsangst raubt den Schlaf

Viele Deutsche kommen nach dem Wochenende nicht erholt zur Arbeit. Grund ist das Phänomen der „Sunday Scaries“ – die Angst vor der bevorstehenden Arbeitswoche. Eine Studie der American Academy of Sleep Medicine aus dem Jahr 2022 belegt: 79 Prozent der Menschen können sonntags schwerer einschlafen. Besonders betroffen sind die Generation Z und Millennials.

Psychologe Florian Becker führt die Sonntagsangst auf ein schlechtes Arbeitsklima oder übermäßigen Perfektionismus zurück. Sein Rat: Perspektivwechsel und aktive Konfrontation mit den Stressoren statt Vermeidung.

Die Schlafforscherin Dr. Brigitte Holzinger betont die enge Wechselwirkung zwischen Psyche und Schlaf. „Depressionen führen häufig zu Schlafstörungen, die wiederum die psychische Instabilität verstärken“, erklärt sie. Bei traumatischen Belastungen wie PTBS zeigen sich oft unterbrochener Schlaf und Albträume. Holzinger setzt auf gezieltes Schlafcoaching – das sei in vielen Fällen wirksamer als Medikamente.

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Bewegung senkt Angstwerte

Ausdauersport bietet wissenschaftlich belegte Hilfe gegen Stress. Eine Studie der Nanjing University, veröffentlicht im Fachjournal „Physiology & Behavior“ Anfang 2026, untersuchte den Effekt von moderatem Laufen auf Studierende mit hoher Prüfungsangst.

Das Ergebnis: Eine 30-minütige Laufeinheit senkte die Angstwerte signifikant. Gleichzeitig verbesserten sich Reaktionszeit und Hemmkontrolle. EEG-Messungen zeigten eine effizientere Konfliktüberwachung und gesteigerte Aufmerksamkeit. Biochemisch erklären die Forscher den Effekt durch die Ausschüttung von Dopamin, Norepinephrin und Serotonin.

Atemtechniken für den Flow-Zustand

Neben Bewegung rücken mentale Techniken in den Fokus. Die Fußball-Nationaltrainerin Nora Häuptle beschreibt drei Atemtechniken, die den sogenannten Flow-Zustand erreichen sollen:

  • Vier Sekunden einatmen, acht Sekunden ausatmen – über zwei Minuten beruhigt das die Herzfrequenz
  • Tiefe Bauchatmung, dreimal hintereinander
  • Gehen mit angehaltenem Atem über 20 Schritte

Voraussetzung für die Übungen ist laut Häuptle eine gute Gesundheit.

Kritisch sehen Experten hingegen die „Military Sleep Method“. Die Technik verspricht Einschlafen innerhalb von zwei Minuten durch progressive Muskelentspannung. Dieter Petereit hält das für unrealistisch: „Die normale Einschlafzeit liegt zwischen 10 und 20 Minuten. Wer regelmäßig in weniger als fünf Minuten einschläft, leidet oft an erheblichem Schlafmangel.“ Die Methode könne durch unrealistische Ziele sogar zusätzlichen Leistungsdruck erzeugen.

Prävention wird zum Geschäftsmodell

Im Juni startet das vierwöchige Programm „Bürofit“ der Fitnesstrainerin Alexandra Grauvogl. Über regelmäßige Newsletter erhalten Teilnehmer Tipps zu Training, Ernährung und Stressabbau. Das Ziel: gesunde Routinen direkt in den Berufsalltag integrieren.

Parallel dazu etabliert sich im Tourismus der Trend der „Calmcation“. Der Reiseansatz setzt auf Erholung in der Natur, digitale Auszeiten und Wellness in städtischen Umgebungen. Beispiele sind Parks in Edinburgh oder Paris sowie Saunalandschaften in Helsinki oder Oslo. Bewusstes „Slow Living“ soll den Ausgleich zum hektischen Arbeitsleben schaffen.

Psychische Gesundheit wird zum Wirtschaftsfaktor

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Wenn über 60 Prozent der Arbeitnehmer Burnout-Symptome zeigen und Führungskräfte kaum eingreifen können, drohen massive Produktivitätsverluste. Der Druck durch KI-Tools zeigt, dass technologischer Fortschritt ohne begleitende Konzepte kontraproduktiv wirkt.

Unternehmen müssen die Erholung ihrer Mitarbeiter als Teil der Wertschöpfungskette begreifen. Psychologische Unterstützung und Coaching werden zunehmend zur notwendigen Investition – nicht nur zur netten Zusatzleistung.

Was kommt als Nächstes?

Für die kommenden Monate ist mit einer weiteren Professionalisierung des betrieblichen Gesundheitsmanagements zu rechnen. Programme wie „Bürofit“ markieren den Trend zu digitalen, flexibel nutzbaren Präventionsangeboten.

Die Forschung zu Kurzinterventionen – wie den von der Nanjing University untersuchten Sporteinheiten – wird an Bedeutung gewinnen. Die Debatte um den Einfluss von KI auf die psychische Gesundheit steht erst am Anfang. Klare Richtlinien für die Nutzung von Kommunikationstools in Pausen- und Freizeitphasen werden entscheidend sein.

Langfristig könnten Achtsamkeitstechniken und bewusste Regenerationsphasen – etwa im Sinne des Calmcation-Trends – zu festen Bestandteilen moderner Arbeitskulturen werden.

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