Westbalkan, Nachbesserung

Westbalkan fordert Nachbesserung beim EU-CO2-Zoll

06.05.2026 - 03:30:50 | boerse-global.de

Fünf Energieminister kritisieren CBAM wegen drastischer Exporteinbrüche und fordern gezielte Anpassungen der Verordnung.

Westbalkan fordert Nachbesserung beim EU-CO2-Zoll - Foto: über boerse-global.de
Westbalkan fordert Nachbesserung beim EU-CO2-Zoll - Foto: über boerse-global.de

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Eine Allianz von Energieministern aus dem Westbalkan hat die Europä Union offiziell aufgefordert, ihren CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) nachzubessern. Grund ist ein drastischer Einbruch der Stromexporte der Region in den ersten Monaten des Jahres 2026. Angeführt von Montenegro drängt die Gruppe auf gezielte Gesetzesänderungen, um zu verhindern, dass die CO2-Abgabe die Integration der regionalen Energiemärkte und die grüne Transformation untergräbt.

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Exportrückgang um 25 Prozent

Der Übergang von der reinen Berichtspflicht zur finanziellen Belastung durch CBAM hat die Stromhandelsströme in Südosteuropa massiv verändert. Seit dem 1. Januar 2026 müssen Importeure von Strom, Stahl und Zement CO2-Zertifikate erwerben. Die Folgen sind dramatisch: Einem aktuellen Bericht des Sekretariats der Energiegemeinschaft zufolge brachen die grenzüberschreitenden Stromexporte aus dem Westbalkan in die EU im ersten Quartal 2026 um rund 25 Prozent ein – im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Der Preisunterschied für Day-Ahead-Strom zwischen der EU und dem Westbalkan habe sich auf das Zwei- bis Dreifache des Niveaus von vor einem Jahr ausgeweitet, heißt es in dem Bericht. Die Folge: Hochpreisige EU-Märkte können nicht mehr auf günstigeren Strom aus der Region zugreifen, während die Balkan-Produzenten ihre Überschüsse nicht mehr loswerden. Besonders hart trifft es die staatlichen Versorger. Montenegros Elektroprivreda Crne Gore verzeichnete allein im ersten Quartal 2026 einen Rückgang der Exporterlöse um 13 Millionen Euro – direkte Folge der CBAM-bedingten Preisaufschläge.

Wenn die CO2-Abgabe den Strompreis übersteigt

Obwohl die Region von günstigen Wetterbedingungen und starker Wasserkraftproduktion profitiert, sinkt die Nachfrage aus der EU. Importeure müssen die zusätzlichen CO2-Zertifikate einpreisen. Für kohleabhängige Exporteure wie Bosnien und Herzegowina wird der Handel dadurch nahezu unrentabel. Bei einem Emissionsfaktor von 1,148 Tonnen CO2 pro Megawattstunde und CO2-Preisen um 75 Euro ergibt sich ein Aufschlag von rund 86 Euro pro Megawattstunde – der oft über dem Marktpreis des Stroms selbst liegt.

Die Hürde der Marktkopplung

Das Hauptproblem: Die aktuelle CBAM-Verordnung macht eine Ausnahme für Strom möglich, doch dafür müssen die Länder ihre Strommärkte vollständig mit der EU koppeln und bis 2030 ein nationales CO2-Bepreisungssystem einführen, das dem EU-Emissionshandel (ETS) gleichwertig ist. In einem gemeinsamen Brief an den Industrieausschuss des Europaparlaments fordern die Minister „begrenzte, aber gezielte Nachbesserungen" an der Verordnung (EU) 2023/956.

Montenegros Energieminister Admir Šahmanovi? betont, dass die sofortige Anwendung der CBAM-Aufschläge eine „politische Schieflage" erzeuge. Die Minister kritisieren, dass der Mechanismus sämtliche Stromimporte aus der Region als CO2-intensiv einstuft – unabhängig davon, ob der Strom aus erneuerbaren Quellen oder Kohle stammt. Diese mangelnde Differenzierung bestraft selbst Länder wie Albanien, die über einen überwiegend grünen Energiemix verfügen.

Ein Positionspapier aus dem Westbalkan fordert zudem, die mögliche Ausnahmeregelung über das Jahr 2030 hinaus zu verlängern. Die starren Fristen für die Marktkopplung würden die technischen und regulatorischen Herausforderungen beim Anschluss der Nicht-EU-Netze an die europäischen Stromhandelssysteme SDAC und SIDC nicht angemessen berücksichtigen.

Eigene CO2-Preise als Ausweg

Um die Belastung abzufedern und Einnahmen zurückzuholen, die sonst in den EU-Haushalt fließen würden, haben mehrere Westbalkan-Staaten eigene CO2-Bepreisungen auf den Weg gebracht. Serbien führte Anfang 2026 eine CO2-Steuer von 4 Euro pro Tonne Treibhausgas ein – für dieselben Produktkategorien, die CBAM umfasst. Belgrad plant zudem die Einführung eines eigenen Emissionshandelssystems nach EU-Vorbild.

Montenegro betreibt bereits seit 2020 ein eigenes Emissionshandelssystem mit einem CO2-Preis von rund 24 Euro pro Tonne. Doch das liegt immer noch deutlich unter dem EU-ETS-Preis, der als Maßstab für die CBAM-Zertifikate dient. Die Energiegemeinschaft stellt klar: Die Lücke zwischen regionalen und EU-CO2-Preisen bleibt eine enorme Wettbewerbsbelastung für die heimische Industrie.

Besonders betroffen ist der Industriesektor jenseits der Stromerzeugung. In Bosnien und Herzegowina könnten die Preise für Aluminium, Eisen und Stahl – immerhin 15 Prozent des Handels mit der EU – um bis zu 20 Prozent steigen. Ein Engpass bleibt zudem der Mangel an akkreditierten Emissionsprüfern in der Region. Viele Unternehmen müssen auf von der EU berechnete „Standardwerte" zurückgreifen, die oft höher ausfallen als die tatsächlichen Emissionen.

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Zwischen Klimazielen und wirtschaftlicher Stabilität

Die aktuelle Spannung zwischen dem Westbalkan und der EU-Kommission offenbart eine grundlegende Herausforderung der europäischen Klimadiplomatie: Wie lassen sich Klimastandards exportieren, ohne die Wirtschaft benachbarter Partner zu destabilisieren? CBAM sollte eigentlich „Carbon Leakage" verhindern – also die Abwanderung von Industrie in Länder mit laxeren Regeln. Im Westbalkan wirkt der Mechanismus jedoch zunehmend als Belastungsprobe für die Energiesicherheit.

Ökonomen warnen: Der Verlust von Exporterlösen könnte genau jene Versorger austrocknen, die den Umbau von Kohle auf erneuerbare Energien finanzieren sollen. Ohne die Einnahmen aus Stromverkäufen an die EU drohe den Regierungen der Region der politische Rückhalt für einen gerechten Wandel zu schwinden – besonders in kohleabhängigen Regionen wie dem Tuzla-Becken in Bosnien oder dem Kolubara-Distrikt in Serbien.

Der Vereinfachungsvorschlag der EU-Kommission vom 26. Februar 2026, der kleinere Importeure durch eine „De-minimis"-Regel entlasten soll, hilft den großen Energie- und Industrieunternehmen kaum weiter. Diese aber bilden das Rückgrat der Exportwirtschaft des Westbalkans.

Ausblick: Entscheidende Wochen

Die kommenden Wochen werden richtungsweisend sein. Der Industrieausschuss des Europaparlaments will den Brief der Minister noch vor Ende Mai prüfen. Die Energiegemeinschaft hat zugesagt, die Marktverzerrungen weiterhin vierteljährlich zu überwachen.

Bleibt die EU beim 2030-Ziel für die vollständige ETS-Gleichwertigkeit hart, müssen die Westbalkan-Staaten ihre regulatorischen Reformen drastisch beschleunigen – oder einen weiteren Verlust ihrer Exportwettbewerbsfähigkeit hinnehmen. Gewährt Brüssel hingegen begrenzte Flexibilität oder spezielle „grüne Korridore" für Ökostrom, könnten die Handelsströme wieder in Fluss kommen und der Region den finanziellen Spielraum verschaffen, den sie für die Energiewende benötigt. Eines ist klar: Der „CBAM-Schock" von 2026 hat die CO2-Bepreisung endgültig ins Zentrum der wirtschaftlichen und politischen Agenda des Westbalkans gerückt.

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