Tarifkonflikt Backindustrie: 40-Stunden-Streik bei Ditsch beendet
Veröffentlicht: 12.07.2026 um 17:53 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Ein mehrtägiger Warnstreik bei einem führenden Backwarenhersteller und Forderungen nach schnellerer Angleichung der Ostlöhne an das Westniveau bestimmen die Lage. In Sachsen-Anhalt wird derzeit für rund 3.000 Beschäftigte in 15 Betrieben verhandelt – die Differenzen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften sind weiterhin erheblich.
Streikwellen in der Backindustrie
Seit dem Nachmittag des 10. Juli legte die Großbäckerei Ditsch in Oranienbaum die Arbeit nieder. Der 40-stündige Warnstreik endete heute. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) reagierte damit auf ein aus ihrer Sicht unzureichendes Angebot der Arbeitgeber.
Rund 88 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder hatten einen Vorschlag abgelehnt, der eine Lohnerhöhung von 12 Prozent über drei Jahre vorsah. Die NGG fordert eine konsequente Angleichung der Ostlöhne an das Westniveau. Derzeit verdienen Beschäftigte in der Region teilweise bis zu einem Drittel weniger als ihre Kollegen im Westen.
Das Unternehmen Ditsch erhöhte die Tariflöhne zum 1. Juni freiwillig um 3,5 Prozent. Doch die Gewerkschaft pocht auf eine verbindliche tarifliche Lösung. Die Arbeitgeberseite strebt eine vollständige Angleichung erst über acht Jahre an. Die nächste Verhandlungsrunde ist für den 15. Juli angesetzt.
Forderungen nach politischer Unterstützung
Die wirtschaftliche Situation der Branche wird auch auf politischer Ebene diskutiert. Der SPD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Armin Willingmann, drängte heute auf ein verbessertes Angebot der Arbeitgeber. Er verwies auf die Lohnlücke von bis zu 30 Prozent im Vergleich zum Westen – sie müsse dringend geschlossen werden, um den Standort attraktiv zu halten.
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Willingmann äußerte zudem die Sorge, dass ein Erstarken extremer politischer Ränder in Sachsen-Anhalt zum Standortnachteil werden könnte. Dies schrecke potenzielle Bewerber für Professuren und Fachkräfte ab.
Die Branche zeigt aktuell eine stagnierende Entwicklung: Die deutsche Ernährungsindustrie erwirtschaftete 2025 zwar einen Umsatz von 240,8 Milliarden Euro, verzeichnete preisbereinigt aber kein reales Wachstum. Während das Exportgeschäft leicht zulegte, war der Inlandsumsatz rückläufig.
Fachkräftemangel belastet die Gastronomie
Parallel zu den Konflikten in der Produktion stehen auch in der Gastronomie wichtige Tarifentscheidungen an. Im Oberbergischen Kreis fordert die NGG eine Lohnerhöhung von 6 Prozent für rund 3.400 Beschäftigte. Als Argument dient unter anderem die gesenkte Umsatzsteuer für die Gastronomie – seit Januar 2026 liegt sie wieder bei 7 statt 19 Prozent.
Die Personalsituation bleibt angespannt. Laut Gewerkschaft sind in der Region zahlreiche Stellen und Ausbildungsplätze unbesetzt. Ein fehlendes Angebot des Arbeitgeberverbandes Dehoga NRW führte zuletzt zu Kritik. Die nächste Verhandlungsrunde ist für den 16. Juli geplant.
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Perspektiven der Lohn- und Beschäftigungspolitik
Über die aktuelle Tarifrunde hinaus rücken strukturelle Fragen der Entlohnung in den Fokus. Eine Analyse des ÖGB auf Basis des Mikrozensus 2024 zeigt das wirtschaftliche Potenzial einer Schließung des Gender-Pay-Gaps. Eine vollständige Beseitigung der unbereinigten Lohnlücke von 16 Prozent würde zusätzliche Steuern und Sozialbeiträge von 9 Milliarden Euro generieren. Zudem ist die EU-Entgelttransparenzrichtlinie noch nicht fristgerecht umgesetzt – die Frist lief am 7. Juni ab.
Auch die Bundesregierung plant Anpassungen im Arbeitsrecht. Ein Koalitionspapier von Anfang Juli sieht vor, ab dem 1. Januar 2027 steuerliche Anreize für schnelle Jobwechsel nach einer Abfindung zu schaffen. Zudem sollen sachgrundlose Befristungen bis Ende 2030 für bis zu 48 Monate ermöglicht werden. Experten eines Wirtschaftsforschungsinstituts äußerten sich kritisch zu diesen Plänen. Steuerfreie Zuschläge für Sonn- und Feiertagsarbeit sollen bis zu 75 Euro pro Stunde beibehalten werden.
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