Steuersystem: Kabinett beschließt Entlastung für Durchschnittsverdiener
Veröffentlicht am: 29.07.2026 um 18:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die schwarz-rote Koalition legt nach: Das Kabinett brachte am 29. Juli weitreichende Reformen des Steuersystems und des Erneuerbare-Energien-Gesetzes auf den Weg. Ziel ist eine Entlastung mittlerer Einkommen bei gleichzeitiger Haushaltskonsolidierung.
Entlastung für Durchschnittsverdiener ab 2027
Kernstück des Pakets ist die Anpassung des Einkommensteuertarifs. Der Grundfreibetrag steigt bis 2028 auf 12.900 Euro, das Kindergeld auf monatlich 272 Euro. Auch der Arbeitnehmerpauschbetrag erhöht sich auf 1.430 Euro.
Die volle Wirkung soll das Gesetz ab 2028 entfalten. Finanziert wird die Entlastung durch eine Verschärfung bei Spitzenverdienern: Der Spitzensteuersatz von 42 Prozent greift künftig bereits ab 70.600 Euro. Die Reichensteuer steigt auf 45 Prozent ab 250.000 Euro und auf 47 Prozent ab 280.000 Euro.
Weniger Bonus für Handwerker, höhere Mini-Job-Steuer
Der Handwerkerbonus sinkt von 20 auf 15 Prozent. Die Pauschsteuer für Mini-Jobs steigt von 2 auf 5 Prozent. Besonders teuer wird es für Steuersünder: Die Verzugszinsen auf Steuernachzahlungen verdoppeln sich ab 2027 von 1,8 auf 3,6 Prozent pro Jahr.
EEG-Novelle: Abschied von der festen Einspeisevergütung
Die Kosten der Energiewende steigen – für 2027 prognostiziert die Regierung rund 16,5 Milliarden Euro. Wirtschaftsministerin Reiche will bis 2030 einen Ökostrom-Anteil von 80 Prozent erreichen, aber die Förderkosten senken.
Die wichtigste Neuerung: Kleine Solaranlagen unter 25 Kilowatt Leistung erhalten ab 2027 keine feste Einspeisevergütung mehr. Sie müssen ihren Strom künftig direkt vermarkten. Eine degressive Übergangszahlung über 36 Monate und ein Bonus von 1,5 Cent pro Kilowattstunde für 48 Monate sollen den Umstieg abfedern.
Bestehende Anlagen und Balkonkraftwerke unter 2 Kilowatt sind von der Regelung ausgenommen.
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Schärfere Strafen für Steuerhinterziehung
Die Regierung legt zudem einen Aktionsplan gegen Steuerkriminalität vor. Die strafbefreiende Selbstanzeige soll abgeschafft werden – übrig bleibt nur eine Strafmilderung. Besonders schwere Steuerhinterziehung wird künftig als Verbrechen eingestuft, mit einer Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr. Für Unternehmen drohen Geldbußen von bis zu 40 Millionen Euro.
Flankiert wird das durch ein KI-gestütztes Datenanalysezentrum zur Betrugserkennung, verlängerte Aufbewahrungsfristen für Steuerunterlagen (15 Jahre) und eine generelle Registrierkassenpflicht.
Arbeitsrecht: Längere Befristung, Ende der Telefon-Krankschreibung
Befristete Arbeitsverträge sollen künftig bis zu 48 Monate möglich sein. Gleichzeitig wird die telefonische Krankschreibung aus der Pandemie-Zeit wieder abgeschafft – ein Punkt, den vor allem die Kassenärztlichen Vereinigungen kritisieren.
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Wirtschaft warnt vor verlorenem Jahrzehnt
Die Reformen kommen in schwierigem Fahrwasser. Die Bundesregierung senkte ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 0,5 Prozent, für 2027 auf 0,9 Prozent. Arbeitgeberpräsident Dulger warnt vor einem verlorenen Jahrzehnt – das letzte Jahr mit nennenswertem Wachstum war 2019.
Nach Angaben der Wirtschaftsverbände belastet Bürokratie die Unternehmen jährlich mit rund 146 Milliarden Euro. Dulger kritisiert zudem die hohen Sozialausgaben: 2025 flossen rund 1,4 Billionen Euro in den Sozialstaat.
BDI-Hauptgeschäftsführerin Gönner fordert über das aktuelle Paket hinausgehende Entlastungen bei Energie- und Infrastrukturkosten. Sonst drohe eine Abwanderung von Investitionen ins Ausland. Kanzler Merz müsse nun die langfristige Wirkung der Reformen erklären.
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