Steuerkanzleien: 75 Prozent fehlen Fachkräfte für Digitalisierung
28.05.2026 - 00:03:07 | boerse-global.deEine Analyse vom Mai 2026 zeigt: Knapp drei von vier Kanzleien und Rechtsberatungen fehlt es an qualifizierten Fachkräften. Der Engpass trifft auf eine Branche, die gleichzeitig mit der digitalen Transformation und strengen neuen Regularien kämpft.
Die Einführung der verpflichtenden E-Rechnung und schärfere Prüfstandards für digitale Betriebsprüfungen treiben den Bedarf an spezialisierten Experten in die Höhe. Unternehmen und öffentliche Einrichtungen stellen auf integrierte Finanzsysteme um – und brauchen dafür Personal, das sowohl klassische Buchhaltung als auch moderne Digitalprozesse beherrscht.
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Norddeutschland sucht Bilanzbuchhalter
Besonders deutlich zeigt sich der Fachkräftemangel auf dem regionalen Arbeitsmarkt. Im Umkreis von 30 Kilometern um Elmshorn waren Ende Mai 2026 über 50 offene Stellen für Bilanzbuchhalter ausgeschrieben. Die Bandbreite der Arbeitgeber reicht vom Wärmedienstleister WCG Wärme Contracting in Hamburg über die Deutsche Rentenversicherung Nord in Itzehoe bis zur NDG Beteiligungsgesellschaft in Norderstedt. Voraussetzung ist meist der IHK-Fachwirt oder eine gleichwertige Qualifikation.
Gehaltsspanne: Vom Einstieg bis zur Führungskraft
Auch in Österreich ist der Bedarf enorm. In Wien waren Ende Mai 55 Controller-Stellen ausgeschrieben – mit deutlichen Gehaltsunterschieden je nach Erfahrung:
- Berufseinsteiger: 3.000 bis 4.200 Euro brutto monatlich
- Erfahrene Fachkräfte: 4.500 bis 6.800 Euro
- Führungspositionen: ab 7.000 Euro, oft über 12.000 Euro
In Vorarlberg wurden 91 Büro-Stellen angeboten. Einsteiger verdienen dort zwischen 2.000 und 2.400 Euro brutto, Spezialisten und Manager ab 4.200 Euro aufwärts. Die Ausbildungswege sind vielfältig: von der dreijährigen Lehre an regionalen Berufsschulen bis zum fünfjährigen Aufbaulehrgang an Höheren Handelsschulen.
E-Rechnung wird Pflicht – strenger Zeitplan
Der Druck auf die Finanzabteilungen wächst durch gesetzliche Fristen. Die Kernpunkte der E-Rechnungspflicht in Deutschland:
- Seit 1. Januar 2025: Unternehmen müssen E-Rechnungen empfangen können
- Ab 1. Januar 2027: Ausstellungspflicht für Firmen mit über 800.000 Euro Jahresumsatz
- Ab 1. Januar 2028: Pflicht für alle Unternehmen
Die Digitalisierung verändert auch die öffentliche Verwaltung grundlegend. Die Berliner Bäderbetriebe – Betreiber von 67 Schwimmhallen – haben ihre Finanzsysteme auf SAP S/4HANA umgestellt. Das 2022 gestartete Projekt zielt auf schnellere Monatsabschlüsse und durchgängige Prozesse ab.
Ein besonders deutliches Signal: Die sächsische Finanzverwaltung stellt ab 2027 die Auslieferung von Papier-Steuerformularen an die Gemeinden ein. Der Grund: Rund 80 Prozent der Steuerzahler nutzen bereits das ELSTER-Portal.
Digitale Betriebsprüfung: Risiken für Nachzügler
Wer bei der Digitalisierung hinten liegt, geht ein hohes Risiko ein. Steuerberatungskanzleien aus Essen warnen: Verspätete oder fehlerhafte digitale Buchführung kann bei Betriebsprüfungen schwerwiegende Folgen haben. Verstöße gegen die Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung (GoB) erlauben dem Finanzamt, Besteuerungsgrundlagen zu schätzen oder Steuervergünstigungen zu streichen.
Seit 2020 müssen elektronische Kassensysteme zudem mit einer zertifizierten technischen Sicherheitseinrichtung (TSE) ausgestattet sein – eine weitere Hürde für viele Unternehmen.
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Neue Bildungsinitiativen gegen den Fachkräftemangel
Die Branche reagiert mit neuen Ausbildungsmodellen. Zum Wintersemester 2026/27 startet StudiumPlus in Wetzlar gemeinsam mit der Steuerberaterkammer Hessen einen dualen Bachelor-Studiengang „Steuern und Rechnungswesen“. Das Programm verbindet Steuerrecht und Betriebswirtschaft mit praktischer Ausbildung in Künstlicher Intelligenz. Rund 25 Prozent der Steuerberater setzen bereits KI in ihrem Arbeitsalltag ein.
Auch die Industrie sichert sich frühzeitig Nachwuchs. Unternehmen wie Kretzer Scheren, PUKY und STRABAG in der Region Solingen haben bereits Ausbildungsplätze für Industriekaufleute für die Jahre 2026 und 2027 ausgeschrieben – oft mit der Anforderung eines höheren Schulabschlusses.
Nachfolgekrise: 109.000 Betriebe suchen jährlich einen Nachfolger
Die Branche steuert auf eine Übernahmekrise zu. Nach Erhebungen der KfW und regionalen Studien aus Nordrhein-Westfalen suchen bis 2029 jährlich rund 109.000 kleine und mittelständische Unternehmen einen Nachfolger. Über die Hälfte der aktuellen Inhaber will ihren Betrieb innerhalb der nächsten fünf Jahre übergeben – doch 40 Prozent finden keine geeigneten Kandidaten.
Große Beratungshäuser reagieren mit Personaloffensiven. Mazars etwa hat in den vergangenen Jahren erfahrene Partner von Wettbewerbern in Düsseldorf und Stuttgart abgeworben, um die Steuer- und Unternehmensberatung zu stärken.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen: Doppelkrise belastet die Stimmung
Die Personalsuche findet vor dem Hintergrund einer angespannten Konjunktur statt. Der DIHK-Konjunkturbericht vom 26. Mai 2026 zeigt einen deutlichen Stimmungseinbruch: Der Index fiel von 95,9 auf 88,1 Punkte. 26 Prozent der befragten Unternehmen bewerten ihre Lage als schlecht, nur 23 Prozent als gut.
Die größten Risiken sehen 70 Prozent der Firmen in hohen Energie- und Rohstoffpreisen. Die Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft 2026 wurde von 1,0 auf 0,3 Prozent gesenkt. Auch die Exportaussichten trüben sich ein: Der ifo-Index fiel im Mai auf minus 5,5 Punkte.
Trotz der Abkühlung bleibt die Nachfrage nach Finanzspezialisten hoch. Unternehmen setzen in schwierigen Zeiten verstärkt auf effiziente Steuerplanung und Budgetkontrolle.
Ausblick: Der Druck bleibt bis Ende des Jahrzehnts
Die Finanz- und Steuerbranche wird bis mindestens Ende der 2020er Jahre unter Druck bleiben. Der unmittelbare Fokus liegt auf den E-Rechnungs-Meilensteinen 2027 und der weiteren Abkehr vom Papier. Die Entscheidung Sachsens, Papierformulare bis 2027 abzuschaffen, zeigt: Die Digitalisierung wird zur Pflicht, nicht zur Kür.
Der Wettbewerb um Talente wird sich weiter verschärfen. Auch andere Branchen – etwa die Luftfahrtindustrie – suchen Fachkräfte für administrative und finanzielle Positionen. Unternehmen, die moderne digitale Arbeitsumgebungen und klare Karrierewege bieten, haben die Nase vorn.
Doch mit einer alternden Belegschaft und immer komplexerem Steuerrecht – etwa den jüngsten Änderungen bei der Rentenbeitragsabsetzbarkeit und den Grundfreibeträgen – zeichnet sich ab: Der Mangel an qualifizierten Steuerexperten und Buchhaltern wird für die deutsche Wirtschaft ein zentrales Hindernis bleiben.
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