Smartphone-Nacken: Mehr als sechs Stunden Nutzung erhöhen das Schmerzrisiko
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 14:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deAnlässlich des Tages der Rückengesundheit warnt die Physiotherapeutin Assoc. Prof. Dr. Meltem Kaya von der Atlas University vor den gesundheitlichen Folgen von langem Sitzen, intensiver Handy- und Computernutzung sowie mangelnder Aktivität.
Ergonomische Hilfsmittel allein reichen nach ihrer Einschätzung nicht aus, um den Bewegungsapparat dauerhaft zu entlasten. Statt krampfhaft nach einer vermeintlich perfekten Haltung zu suchen, sollten Beschäftigte ihre Sitzposition möglichst häufig variieren und alle 30 bis 60 Minuten aufstehen, die Schultern bewegen und sich leicht dehnen.
Dynamik am Arbeitsplatz statt perfekter Sitzposition
Die Annahme, es gebe eine optimale Sitzposition für einen gesamten Arbeitstag, gilt in der Physiotherapie zunehmend als überholt. Fachleute wie Barbora Kinclová betonen, dass Muskeln bei dauerhaft sitzender Tätigkeit über zu lange Zeiträume in einer Position verharren, schlechter durchblutet werden und Gelenke zu wenig Bewegungsreize erhalten. Erste Beschwerden können je nach Veranlagung bereits nach einer halben Stunde auftreten.
Auch Dr. Maxim Ugnivenko sieht nicht das Sitzen an sich, sondern die anhaltende Bewegungslosigkeit als eigentliche Ursache für Schmerzen im Rücken- und Nackenbereich. Er rät dazu, alle 30 bis 45 Minuten die Haltung zu verändern und stündlich für zwei bis drei Minuten aufzustehen.
Kurze Übungen am Schreibtisch – wie Kopfdrehungen, das Zusammenziehen der Schulterblätter oder das Strecken der Brustwirbelsäule – wirken Entlastung entgegen. Die Ergonomie-Beraterin Susanne Weber verweist auf die sogenannte 60-30-10-Regel: Beschäftigte sollten 60 Prozent der Arbeitszeit sitzen, 30 Prozent stehen und 10 Prozent in Bewegung verbringen.
Hohe Lasten durch Smartphone-Nutzung
Besondere Probleme bereitet das ständige Absenken des Kopfes beim Blick auf mobile Endgeräte. Wie Dr. Ashish Agrawal von den CK Birla Hospitals in Jaipur erläutert, schätzen biomechanische Modelle die Belastung der Halswirbelsäule bei einer Nackenbeugung von etwa 60 Grad auf rund 27 Kilogramm.
Der New Yorker Wirbelsäulenchirurg Dr. K. Daniel Liu beziffert den Kraftaufwand der Nackenmuskulatur bei einem Neigungswinkel von 45 Grad auf umgerechnet 23 Kilogramm, bei 60 Grad ebenfalls auf 27 Kilogramm. Laut Prof. Bernd Kladny (DGOU/DGOOC) wirkt bei vorgeneigtem Kopf eine Last von bis zu 20 Kilogramm auf die Nackenmuskulatur.
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Eine Auswertung im Fachjournal Archives of Physical Medicine and Rehabilitation über die Jahre 2000 bis 2024 belegt den Zusammenhang: Eine Smartphone-Nutzung von mehr als sechs Stunden täglich ist mit einer 2,78-fach höheren Wahrscheinlichkeit für Nackenschmerzen verbunden. Häufiges Nackenvorbeugen erhöht das Risiko um das 2,66-Fache, das Sitzen auf Stühlen ohne Rückenlehne um das 2,82-Fache.
Dr. Avinash KS vom SS Narayana Health Superspeciality Centre betont im Rahmen des World Spine Day 2026 allerdings, dass ein sogenannter Text Neck vor allem durch wiederholte Fehlhaltungen ohne Unterbrechung entstehe und nicht automatisch zu dauerhaften Schäden an Bandscheiben oder Knochen führe.
Bewegungsempfehlungen und Belastungen im Homeoffice
Die Verbreitung flexibler Arbeitsmodelle verschärft die Problematik vielerorts. Dirk Hinck vom Vorstand der Aktion Gesunder Rücken (AGR) verwies darauf, dass rund ein Viertel aller Beschäftigten zumindest teilweise im Homeoffice tätig ist; im Dienstleistungssektor lag der Anteil nach ifo-Daten im August 2026 bei 35,1 Prozent.
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Einer DGUV-Studie zufolge klagen über 40 Prozent der Befragten bei Bildschirmarbeit über Nacken- oder Rückenbeschwerden; 15 Prozent entwickelten im Homeoffice neue Probleme, bei 19 Prozent verschlimmerten sich bestehende Leiden.
Bei bereits aufgetretenen Schmerzen halten Experten Schonung für den falschen Weg. Meltem Kaya hebt hervor, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Erwachsenen mindestens 150 bis 300 Minuten moderate Ausdaueraktivität pro Woche sowie Muskelkräftigung an mindestens zwei Tagen empfiehlt.
Bei Beschwerden sei ein individualisiertes Training wirksamer als Passivität. Dauern Schmerzen länger an, treten Taubheitsgefühle oder Schwächen in den Gliedmaßen auf, sollte in jedem Fall eine ärztliche Abklärung erfolgen.
