Schifffahrt, Ethanol-Motoren

Schifffahrt: Erste Ethanol-Motoren senken Emissionen um 90%

26.05.2026 - 06:26:20 | boerse-global.de

Die Schifffahrt treibt ihre Dekarbonisierung voran: Erste Ethanol-Großmotoren bestellt, neue Wasserstoff-Projekte und Milliardenforderungen für Häfen.

Schifffahrt: Erste Ethanol-Motoren senken Emissionen um 90% - Foto: über boerse-global.de
Schifffahrt: Erste Ethanol-Motoren senken Emissionen um 90% - Foto: über boerse-global.de

Von der ersten Bestellung ethanolbetriebener Großmotoren bis zum Ausbau grüner Logistikprogramme – die Branche verlässt die Pilotphase.

Erste Ethanol-Motoren für Massengutfrachter bestellt

Einen Paukenschlag lieferte der Schweizer Motorenhersteller WinGD: Das Unternehmen erhielt den weltweit ersten Auftrag für ethanolbetriebene Hauptmotoren für große Hochseeschiffe. Geliefert werden zwei Sechszylindermotoren des Typs 6X82DF-M/E für sogenannte Newcastlemax-Erzfrachter. Die Schiffe mit einer Tragfähigkeit von 325.000 Tonnen entstehen auf der chinesischen Werft Beihai Shipbuilding für die Reederei Shandong Shipping und werden vom Bergbaukonzern Vale gechartert.

Der Clou: Ethanol kann den Treibhausgasausstoß im Vergleich zu Schweröl um rund 90 Prozent senken. Die Auslieferung der Motoren ist für Anfang 2029 geplant.

Bereits Anfang Mai hatte die Reederei X-Press Feeders im Rotterdamer Hafen einen Ethanol-Methanol-Mix getestet. Das Containerschiff „Eco-Levant" bunkerte unter kontrollierten Bedingungen eine Mischung aus zehn Prozent Ethanol und 90 Prozent Methanol.

Grünes Methanol und Wasserstoff aus Indien

Auch die Produktionsseite kommt in Fahrt. Der indische Stahlriese JSW Steel unterzeichnete am Montag eine Absichtserklärung mit Bharatia und Carbon Iceland International für ein grünes Methanol-Projekt im indischen Raigad (Bundesstaat Maharashtra). Die Anlage soll jährlich 300.000 Tonnen des alternativen Kraftstoffs produzieren – gewonnen aus CO?-Emissionen des JSW-Werks und grünem Wasserstoff. Das Unternehmen will seinen CO?-Ausstoß bis 2030 um 42 Prozent senken und bis 2050 klimaneutral sein.

Parallel dazu baut Kawasaki Heavy Industries mit dem Logistiker EcoLog eine Lieferkette für Flüssigwasserstoff (LH?) auf. Ziel ist der Transport nach Amsterdam. Das geplante EcoLog-Terminal ist zunächst für 200.000 Tonnen LH? und 1,8 Millionen Tonnen CO? pro Jahr ausgelegt – mit Option auf Verdreifachung.

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EU-Klimazölle: Streit um Wettbewerbsnachteile

Doch während die Technik voranschreitet, brodelt es im regulatorischen Unterbau. Am 19. Mai forderten Vertreter der Kanarischen Inseln, französischer Überseegebiete und portugiesischer Regionen von der EU mehr Flexibilität beim Emissionshandel (ETS) für die Schifffahrt. Seit 2024 werden Emissionen auf innereuropäischen Routen zu 100 Prozent bepreist, auf Strecken in Drittstaaten zu 50 Prozent.

Die betroffenen Regionen beklagen einen Wettbewerbsnachteil gegenüber Häfen außerhalb der EU wie Tanger in Marokko. Für die Kanaren, die 85 Prozent ihrer Güter per Schiff erhalten, ist die CO?-Steuer besonders schmerzhaft. Sie fordern eine Sonderbehandlung als „ultraperiphere Regionen" bei der anstehenden ETS-Revision im Juli.

Milliarden für deutsche Häfen gefordert

Auch in Deutschland wird der Finanzbedarf deutlich. Der maritime Koordinator der Bundesregierung, Christoph Ploß, plädierte am Montag für die Aufnahme von Häfen und Wasserstraßen in den geplanten 300-Milliarden-Euro-Infrastrukturfonds. Eine Umfrage der Hafenbetreiber (ZDS) beziffert den Investitionsstau auf rund 15 Milliarden Euro. Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) meldet zudem einen erheblichen Nachholbedarf bei Schleusen und Schiffshebewerken.

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Landstrom für Kreuzfahrtschiffe und Frachter

Die Häfen rüsten bereits auf. In La Spezia (Italien) vergab die Hafenbehörde den ersten Auftrag für ein 41-Millionen-Euro-Landstromprojekt. Ein Konsortium um Guastamacchia Spa baut eine 110-kV-Hochspannungsinfrastruktur, um drei Liegeplätze mit „Cold Ironing" zu versorgen – also der Stromversorgung vom Land aus.

AIDA Cruises gab bei seiner 30-Jahr-Feier in Berlin bekannt, dass die Flotte 2026 voraussichtlich über 600 Landstrom-Anläufe absolvieren wird. Das Unternehmen investiert derzeit 700 Millionen Euro in das Modernisierungsprogramm „AIDA Evolution" und bestellte zwei Neubauten für 2030 und 2031.

Auch die Frachtschifffahrt zieht nach: Die chinesische Werft ZPMC lieferte am 20. Mai das erste von vier 38.000-Tonnen-Mehrzweck-Schwerlastschiffen für Chipolbrok aus. Die 182 Meter langen Schiffe sind mit einem 1.000-kW-Batteriesystem ausgestattet – für emissionsfreien Hafenbetrieb.

„Book-and-Claim" wird zum Standard

Ein wachsender Trend: Zertifikatehandel ohne physische Umstellung. Die Reederei Hapag-Lloyd und der Logistiker Scan Global Logistics (SGL) weiteten ihre Partnerschaft aus. Kunden von SGL können über Hapag-Lloyds „Ship Green"-Lösung verbriefte Emissionsminderungen für ihre Scope-3-Berichterstattung geltend machen – ohne ihre Lieferketten umzustellen. Dieses Massenbilanz-Verfahren wird zum Standardinstrument für Unternehmen mit Klimazielen.

Ausblick: Entscheidender Sommer für die Branche

Die Weichen sind gestellt: Die Auslieferung der WinGD-Ethanolmotoren 2029 wird erste verlässliche Daten zur Großserientauglichkeit liefern. Kreuzfahrt- und Schwerlastsegmente planen ab 2030 mit der nächsten Batterie- und Landstrom-Generation.

Der entscheidende Moment aber kommt früher: Die EU-ETS-Revision im Juli wird zeigen, ob die Regulierung den Wettbewerbsnachteilen europäischer Häfen Rechnung trägt – oder den eingeschlagenen Klimakurs unbeirrt fortsetzt. Für Konzerne wie JSW Steel und Vale steht viel auf dem Spiel: Der Erfolg dieser Initiativen entscheidet mit über die Klimaneutralität Mitte des Jahrhunderts.

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