Ukraine-Krieg: Stahlproduktion sinkt im August um 57 Prozent
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 11:47 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSRussland nimmt im Krieg gegen die Ukraine nach Einschätzung des Ökonomen Robert Kirchner zunehmend zentrale Bereiche der ukrainischen Wirtschaft ins Visier. Es gehe nicht mehr nur um einzelne Häfen, Kraftwerke oder Lager, sondern um einen umfassenden Wirtschaftskrieg, sagte der Ukrainekenner des Beratungsunternehmens Berlin Economics dem „Spiegel“.
Ziel dürfte es sein, die Bevölkerung zu zermürben und die ukrainische Wirtschaft massiv zu schwächen. Während Russland das erste Ziel in den vergangenen Jahren nicht erreicht habe, nähmen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Ukraine tatsächlich zu.
Wachstum hängt stark von Militärproduktion ab
Experten rechnen nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 1,1 Prozent. Kirchner warnte, das Wachstum dürfte geringer ausfallen und werde vor allem durch die starke Militärproduktion getragen.
Die jüngsten russischen Angriffswellen richteten sich demnach unter anderem gegen Lagerhäuser, Medikamenten-Depots, Supermärkte und Stahlwerke. Besonders häufig wurde das Stahlwerk Zaporizhstal im Südosten der Ukraine getroffen.
Stahlproduktion bricht deutlich ein
Die Anlagen von Zaporizhstal wurden seit Mitte August vier Mal gezielt angegriffen, zuletzt am 17. September. Bereits im August sank die Stahlproduktion der Ukraine deshalb um mehr als 57 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.
Die Angriffe treffen damit einen Wirtschaftszweig, der für industrielle Wertschöpfung, Exporte und Beschäftigung von Bedeutung ist. Zugleich erschweren beschädigte Produktions- und Logistikstrukturen die Versorgung und den Wiederaufbau.
Angriffe auf wirtschaftliche Infrastruktur wirken in einem lang andauernden Krieg über die unmittelbaren Schäden hinaus. Werden Lagerhäuser, Medikamenten-Depots, Supermärkte, Häfen, Kraftwerke und Stahlwerke wiederholt getroffen, kann dies Lieferketten unterbrechen, die Versorgung verteuern und die Reparaturfähigkeit der betroffenen Regionen schwächen.
Die Stahlindustrie hat für die Ukraine eine besondere Bedeutung. Sie gehört zu den exportorientierten Industriezweigen und ist zugleich eng mit Energieversorgung, Bahntransport, Häfen und Maschinenbau verbunden. Ein Einbruch der Produktion trifft deshalb nicht nur einzelne Werke, sondern kann auch Zulieferer, Beschäftigte und Deviseneinnahmen belasten. Die wiederholten Angriffe auf Zaporizhstal stehen in diesem Zusammenhang für den Versuch, industrielle Knotenpunkte dauerhaft zu beeinträchtigen.
Wirtschaft unter Kriegsdruck
Das von Experten erwartete Wachstum von 1,1 Prozent verdeutlicht die begrenzte wirtschaftliche Dynamik. Dass die Militärproduktion einen wesentlichen Teil dieses Wachstums trägt, sagt zugleich wenig über die zivile Erholung aus: Rüstungsnahe Ausgaben können die gesamtwirtschaftliche Leistung stützen, ersetzen aber keine funktionierenden Exportbranchen und keine verlässliche Versorgung der Bevölkerung.
Für die Ukraine verschärft sich damit der Zielkonflikt zwischen der Finanzierung der Verteidigung, dem Wiederaufbau beschädigter Infrastruktur und der Aufrechterhaltung des Alltags. Für Europa erhöht eine anhaltende Schwächung der ukrainischen Industrie den Bedarf an finanzieller, logistischer und humanitärer Unterstützung.
