Präsentismus-Rekord, Deutschland

Präsentismus-Rekord: 72% der Österreicher arbeiten krank

Veröffentlicht: 19.07.2026 um 07:09 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Deutschland plant strengere Attestpflicht, während Österreich ein Kontrollorgan fordert. Gleichzeitig steigt die Zahl der Kranken am Arbeitsplatz auf ein Rekordhoch.

Krankschreibung: Neue Regeln und Rekord bei Präsentismus
Nahaufnahme einer Hand mit Stift, die über einem Krankenschein schwebt, im Hintergrund verschwommen ein Kalender. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Gleichzeitig erreicht das Arbeiten trotz Krankheit einen Rekordwert.

Strengere Attestpflicht in Deutschland geplant

Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat Mitte Juli 2026 Vorschläge vorgelegt, um den Zugang zu Krankschreibungen zu erschweren. Ein zentraler Punkt: das Verbot von Online-Krankschreibungen per Fragebogen ohne direkten Arztkontakt. Solche „Klick-Atteste“ gelten bereits jetzt als rechtlich problematisch und können zur fristlosen Kündigung führen.

Die Koalition plant zudem eine generelle Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag. Bisher reicht ein ärztliches Zeugnis oft erst nach drei Tagen. Auch die telefonische Krankschreibung aus der Pandemie-Zeit soll wegfallen. Die Videosprechstunde bleibt dagegen erhalten, um den digitalen Austausch zwischen Arzt und Patient zu ermöglichen.

Flankiert werden die Maßnahmen von weiteren Plänen. Eine neue Zuckersteuer auf süße Getränke soll jährlich 650 Millionen Euro in den Haushalt spülen. Zudem beschloss das Kabinett eine verpflichtende digitale Arztüberweisung bis 2029.

Österreich: Wirtschaftskammer fordert Kontrollorgan

In Österreich verlangt die Wirtschaftskammer (WKO) seit dem 18. Juli 2026 ein eigenes Kontrollorgan gegen den Missbrauch von Krankenständen. Der Hintergrund: Die Kosten für die Entgeltfortzahlung erreichten 2025 rund 4,8 Milliarden Euro. Bei 5,9 Millionen Krankenstandsfällen fielen 54 Millionen Fehltage an.

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Laut WKO vermuten 38 Prozent der Beschäftigten gelegentlichen Missbrauch im Kollegenkreis. Gleichzeitig geben 93 Prozent der Arbeitnehmer an, selbst nie unberechtigt krankgeschrieben zu sein. Die Kammer sieht in mehr Kontrolle den richtigen Weg, um die finanzielle Belastung der Unternehmen zu begrenzen.

Präsentismus auf Rekordhoch

Doch die Diskussion über Missbrauch blendet eine andere Entwicklung aus. Daten der Arbeiterkammer Oberösterreich (AK OÖ) zeigen: 2025 gingen 72 Prozent der Beschäftigten mindestens einmal krank zur Arbeit – ein historischer Höchststand. 2015 lag der Wert noch bei 30 Prozent, 2020 bei über 50 Prozent. Österreichweit berichten 65 Prozent der Arbeitnehmer von ähnlichen Erfahrungen.

Besonders betroffen sind Branchen mit hohem Leistungsdruck. In der Arbeitskräfteüberlassung sowie bei Post- und Kurierdiensten liegt die durchschnittliche Krankenstandsdauer mit 21 beziehungsweise 20,7 Tagen deutlich über dem Gesamtdurchschnitt von 15,4 Tagen. Die Analyse zeigt zudem: 94 Prozent der Beschäftigten unter starkem Arbeitsdruck erscheinen auch krank zur Arbeit.

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Warnung vor den Folgen

Die Arbeitnehmervertretungen schlagen Alarm. Laut AK-Analyse fühlen sich 45 Prozent der Betroffenen oft abgeschlagen, 29 Prozent unkonzentriert – das erhöht das Unfallrisiko. In 22 Prozent der Fälle führte das verfrühte Erscheinen zu einer längeren Gesamterkrankungsdauer, bei 13 Prozent zu einem Rückfall.

Die Arbeiterkammer und der ÖGB fordern daher keine Verschärfungen bei der Entgeltfortzahlung oder Attestpflicht. Stattdessen verlangen sie bessere Arbeitsbedingungen und einen stärkeren Kündigungsschutz während des Krankenstandes. Arbeitsministerin Bas (SPD) kündigte an, gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium nach Lösungen zu suchen – ohne die Arztpraxen durch die Attestpflicht ab Tag eins zu überlasten.

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