Parkinson, Berufskrankheit

Parkinson als Berufskrankheit: Bundeskabinett erkennt Pestizid-Risiko an

27.05.2026 - 16:04:16 | boerse-global.de

Das Bundeskabinett erkennt Parkinson als Berufskrankheit für Pestizid-Anwender an und stellt 20 Millionen Euro für Entlastungen bereit.

Parkinson als Berufskrankheit: Bundeskabinett erkennt Pestizid-Risiko an - Foto: über boerse-global.de
Parkinson als Berufskrankheit: Bundeskabinett erkennt Pestizid-Risiko an - Foto: über boerse-global.de

Die Entscheidung fiel am heutigen Mittwoch auf Basis einer Empfehlung des Ärzteausschusses beim Bundesarbeitsministerium. Die Neuregelung betrifft die Landwirtschaft, den Gartenbau und angrenzende Industriezweige – und löst eine Debatte über Kosten und wissenschaftliche Grenzwerte aus.

Wer gilt als gefährdet?

Die Anerkennung basiert auf Studien, die einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Pestiziden und Parkinson belegen. Zentrales Kriterium: Betroffene müssen mindestens 100 Tage lang chemische Pflanzenschutzmittel selbst angewendet haben.

Anzeige

Der Umgang mit chemischen Substanzen erfordert höchste Sorgfalt bei der Gefährdungsbeurteilung, um langfristige gesundheitliche Risiken für Mitarbeiter zu minimieren. Mit diesem kostenlosen E-Book erhalten Sie praxiserprobte Checklisten und Vorlagen, um Gefährdungsbeurteilungen für Gefahrstoffe rechtssicher und behördenkonform zu erstellen. Gratis-E-Book zur Gefährdungsbeurteilung für Gefahrstoffe sichern

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) warnt: Die Gefahren reichen weit über die Landwirtschaft hinaus. In Regionen wie Thüringen oder dem niedersächsischen Kreis Stade fordern Gewerkschaftsvertreter Ärzte auf, Parkinson-Patienten gezielt nach ihrer beruflichen Vergangenheit zu fragen.

Neben Landwirten und Winzern gelten auch Floristen und Gartenbau-Beschäftigte als Risikogruppe. Überraschend: Selbst im Sanitärbereich könnten Gefahren lauern – Anti-Schimmelmittel enthalten oft pestizidähnliche Wirkstoffe. Die IG BAU fordert zudem, künftig auch indirekte Exposition etwa in Gewächshäusern stärker zu berücksichtigen. Die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) hat bereits eine spezielle Hotline eingerichtet.

Wirtschaft protestiert – Bund lenkt mit Millionen ein

Die Entscheidung stößt auf Widerstand. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Deutsche Bauernverband kritisieren die wissenschaftliche Herleitung der Grenzwerte. Aus Sicht der Verbände sind die Grundlagen für den Schwellenwert nicht ausreichend belegt. Zudem fürchten sie steigende Beiträge zur gesetzlichen Unfallversicherung.

Die Bundesregierung reagiert mit finanziellen Hilfen: Für 2025 und 2026 sind zusätzliche Bundeszuschüsse von insgesamt 20 Millionen Euro vorgesehen. Das Geld fließt direkt an die SVLFG, um die Beiträge stabil zu halten und Mehrkosten durch Renten- und Behandlungskosten abzufedern.

Anzeige

Neben der Dokumentation ist die regelmäßige Unterweisung der Beschäftigten im Umgang mit gefährlichen Wirkstoffen eine zentrale Pflicht für jeden Arbeitgeber. Diese kostenlose Muster-Präsentation hilft Ihnen dabei, rechtssichere Gefahrstoff-Unterweisungen zeitsparend vorzubereiten und Ihre Mitarbeiter wirkungsvoll zu sensibilisieren. Kostenlose PowerPoint-Vorlage für Gefahrstoff-Unterweisungen herunterladen

Trotz dieser Zusagen bleibt die Branche skeptisch. Der Bauernverband verweist auf die ohnehin hohe regulatorische Belastung der Betriebe.

Europas Zulassungsbehörden stecken im Stau

Die Diskussion um Pestizid-Risiken fällt in eine Zeit massiver Engpässe bei der europäischen Wirkstoffzulassung. Laut EFSA-Direktor Dr. Nikolaus Kriz vom Dienstag warten rund 200 Anträge auf Wiederzulassung von Pflanzenschutzwirkstoffen. Ohne zusätzliche Kapazitäten betrage die Wartezeit für Unternehmen rund acht Jahre.

Kriz schätzt: Mit 15 Millionen Euro und 50 neuen Stellen ließe sich der Rückstau innerhalb von drei Jahren abarbeiten. Die Verzögerungen führen dazu, dass alte Wirkstoffe oft jahrelang auf Basis veralteter Sicherheitsbewertungen am Markt bleiben – während neuere, potenziell sicherere Alternativen auf Zulassung warten.

Parallel wächst der juristische Druck. Am Dienstag reichten Anwälte in Brasilien Klage auf ein vollständiges Glyphosat-Verbot ein. Ein Erfolg in einem der weltweit wichtigsten Agrarmärkte hätte massive Folgen für Konzerne wie Bayer.

Globale Pestizid-Toxizität steigt dramatisch

Eine aktuelle Studie der RPTU Kaiserslautern-Landau im Fachjournal Science untermauert die Entscheidung. Die Forscher untersuchten den Zeitraum 2013 bis 2019 und stellten fest: Die ausgebrachte Toxizität ist weltweit stark gestiegen.

Besonders Insektizide mit hoher Giftigkeit für Landinsekten, Bodenorganismen und Fische werden vermehrt eingesetzt. Haupttreiber sind China, Brasilien, Indien und die USA. Das UN-Ziel, das Pestizidrisiko bis 2030 um 50 Prozent zu senken, rückt damit in weite Ferne. Laut Studie würde bei aktuellem Trend nur Chile dieses Ziel erreichen.

Die Anerkennung von Parkinson als Berufskrankheit ist in diesem Kontext ein klares Signal: Der Arbeitsschutz wird verschärft, die gesellschaftlichen Folgekosten des Pestizideinsatzes rücken stärker in den Fokus.

Was nun?

Die Entscheidung markiert einen Wendepunkt für die Agrarwirtschaft. Betroffene können auf bessere soziale Absicherung hoffen – doch die Branche muss den Pflanzenschutz grundlegend neu bewerten. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Bundeszuschüsse für Beitragsstabilität reichen. Parallel dürfte die Bdette um die personelle Ausstattung europäischer Zulassungsbehörden an Fahrt gewinnen.

Wirtschaftsnachrichten lesen ist gut - trading-notes lesen ist besser!

Wirtschaftsnachrichten lesen ist gut - <b>trading-notes</b> lesen ist besser!
Seit 2005 liefert der Börsenbrief trading-notes verlässliche Anlage-Empfehlungen – dreimal pro Woche, direkt ins Postfach. 100% kostenlos. 100% Expertenwissen. Trage einfach deine E-Mail Adresse ein und verpasse ab heute keine Top-Chance mehr. Jetzt abonnieren.
Für. Immer. Kostenlos.
de | wirtschaft | 69426409 |