Mittelstand, Druck

Mittelstand unter Druck: 20 Prozent weniger Industrie seit 2018

07.05.2026 - 19:02:35 | boerse-global.de

NRW-Industrieproduktion sinkt um 20 Prozent, während kleine Online-Shops massive Umsatzverluste erleiden.

Mittelstand unter Druck: 20 Prozent weniger Industrie seit 2018 - Foto: über boerse-global.de
Mittelstand unter Druck: 20 Prozent weniger Industrie seit 2018 - Foto: über boerse-global.de

Während die Politik neue Entlastungspakete schnürt, kämpfen Unternehmen mit sinkender Produktion, rückläufiger Innovationskraft und einer dramatischen Marktkonzentration im Online-Handel.

Industrie-Einbruch in NRW: „2.800 Jobs pro Monat verloren“

Beim NRX-Unternehmertag am 6. Mai in Düsseldorf schlug Arndt Kirchhoff, Präsident der Landesvereinigung der Arbeitgeberverbände NRW, Alarm: Die Industrieproduktion in Nordrhein-Westfalen sei seit 2018 um 20 Prozent eingebrochen. Das entspreche einem Verlust von rund 2.800 Industriearbeitsplätzen pro Monat.

Bundeskanzler Friedrich Merz sprach vor rund 500 Unternehmern über die wirtschaftliche Lage. Die Forderung der Wirtschaft: ein umfassendes Reformpaket mit niedrigeren Kosten und einem stärkeren Arbeitsmarkt.

Die NRW-Landesregierung reagierte noch am selben Tag mit einem Bürokratieentlastungspaket. Zahlreiche Berichtspflichten sollen zum 1. Januar 2027 ersatzlos auslaufen – es sei denn, neue Rechtsverordnungen bestätigen sie ausdrücklich. Künftig soll E-Mail der Standard für die Kommunikation mit Behörden werden, Förderanträge sollen automatisiert werden. Die IHK NRW begrüßte die Schritte, SPD und FDP zeigten sich skeptisch.

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Marie-Christine Ostermann, Präsidentin des Verbands der Familienunternehmer, forderte eine grundlegende wirtschaftliche Wende: Subventionskürzungen, eine Neubewertung der Kernenergie und Rentenreformen. 57 Prozent der Unternehmer könnten derzeit keine steuerfreien Prämien an Mitarbeiter zahlen – zu hoch seien Energiekosten und bürokratische Lasten.

Neue Förderwellen für die Digitalisierung

Mehrere Bundesländer und Institutionen haben Anfang Mai neue Förderprogramme gestartet. In Österreich öffnete das KMU.DIGITAL-Programm am 7. Mai eine neue Einreichphase. Seit dem Relaunch im Mai 2024 wurden bereits 26.500 Anträge bearbeitet und 18,1 Millionen Euro ausgezahlt. Neu hinzugekommen ist ein „GREEN“-Schwerpunkt für die ökologische Transformation.

Hessen startete am 5. Mai den „DIGI-Zuschuss Express“. Kleine Unternehmen und Freiberufler erhalten Zuschüsse von bis zu 50 Prozent für digitale Investitionen, maximal 10.000 Euro. Die erste Auswahlrunde startet am 11. Mai, weitere folgen wöchentlich. Die geförderten Projekte müssen bis zum 30. November 2026 abgeschlossen sein.

Der EUIPO SME Fund bietet seit dem 7. Mai Zuschüsse von bis zu 700 Euro für Markenanmeldungen – das deckt bis zu 75 Prozent der nationalen und EU-Anmeldegebühren.

Der Innovationskompass 2026 von YouGov zeigt: 53 Prozent der Mittelständler investieren zunehmend in digitale Werkzeuge. IT-Sicherheit steht mit 55 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Künstlicher Intelligenz und Cloud Computing.

Das Innovationsparadox: Mehr Gründungen, weniger Neuheiten

Trotz steigender Gründungszahlen sinkt die Qualität der Innovationen. Das IAB/ZEW-Gründungspanel 2024 verzeichnete 157.000 Neugründungen – ein Plus von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch der Anteil der Unternehmen mit echten Marktneuheiten fiel von acht auf vier Prozent. Das verarbeitende Gewerbe verzeichnete sogar einen Rückgang von elf Prozent bei den Startups. Forscher machen steigende Energiekosten, globalen Wettbewerb und wirtschaftliche Unsicherheit dafür verantwortlich.

Der IHK-Gründungsbarometer 2025 für die Region Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim zeigt 7.515 Neuregistrierungen – ein Plus von sieben Prozent. Der Anteil der Gründerinnen stieg leicht auf 39 Prozent, Ausländer machten 22 Prozent der neuen Selbstständigen aus. Doch die meisten Gründungen entfallen auf den Dienstleistungssektor, nicht auf forschungsintensive Industrien.

E-Commerce: Kleine Shops verlieren dramatisch

Eine Studie von Uptain über den Zeitraum vom dritten Quartal 2023 bis zum vierten Quartal 2025 zeigt eine massive Marktbereinigung. Während große Händler mit Jahresumsätzen über einer Million Euro um 7,6 Prozent wuchsen, brachen die Umsätze kleiner Shops unter 50.000 Euro um 12,3 Prozent ein. Der Medianeinkommen im gesamten Sektor fiel um 22 Prozent – von 14.510 auf 11.305 Euro.

Grund sind die aggressive Expansion internationaler Plattformen wie Temu und Shein, hohe Werbekosten und eine schwache Konsumlaune.

Rechtsstreit um KI in der Steuerberatung

Die Berliner Steuerberaterkammer hat am 7. Mai Klage vor dem Landgericht Berlin II gegen das Tax-Tech-Startup Accountable eingereicht. Der Vorwurf: Die Bezeichnung „KI-Steuerberater“ sei unzulässig. Der Fall gilt als richtungsweisend – er könnte klären, wie weit Künstliche Intelligenz in reglementierten Berufen vermarktet werden darf. Das Ganze vor dem Hintergrund eines akuten Fachkräftemangels: Über 10.000 Steuerberater fehlen bundesweit.

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Währenddessen gibt es auch regulatorische Entlastungen. In Mecklenburg-Vorpommern trafen sich am 6. Mai Wirtschaftsförderer in Penzlin, um die KI-Plattform „Maki“ für Verwaltungen voranzutreiben. Zudem konnten durch die Übernahme eines lokalen Maschinenbauunternehmens 100 Arbeitsplätze gesichert werden.

Analyse: Die Schere zwischen großen und kleinen Firmen öffnet sich

Der Mittelstand ist gespalten: Große, kapitalstarke Unternehmen kommen besser durch die Krise als kleine Betriebe. Der Runde Tisch des IfM Bonn am 6. Mai zeigte einen Vertrauensverlust in die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands – bedingt durch geopolitische Krisen und Handelskonflikte mit den USA und China. Laut IHK NRW sehen sich 41 Prozent der Unternehmen durch hohe Energiepreise im Wettbewerb behindert.

Die öffentliche Auftragsvergabe bleibt ein wichtiger, aber komplexer Kanal. 135,2 Milliarden Euro wurden 2024 über 199.334 Ausschreibungen vergeben. 69 Prozent der Aufträge des Bundesbeschaffungsamtes gingen an den Mittelstand. Immer mehr Behörden nutzen die Losvergabe, um große Aufträge in kleinere Pakete aufzuteilen – 42 Prozent der Verfahren liegen derzeit unter den EU-Schwellenwerten.

Ausblick: Entscheidende Monate für die Transformation

Ob die neuen Entlastungs- und Digitalisierungsmaßnahmen wirken, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die NRW-Initiative zum Bürokratieabbau könnte als Vorbild für andere Bundesländer dienen. In Baden-Württemberg wurden zwei Europäische Digitale Innovationszentren (EDIH) für die Förderperiode 2026 bis 2029 ausgewählt – ein Zeichen für langfristiges Engagement bei KI und Cybersicherheit.

Doch der Druck aus dem internationalen E-Commerce und die Stagnation forschungsintensiver Startups lassen Zweifel aufkommen, ob Fördermittel allein ausreichen. Die kommenden Wochen werden für Unternehmen in Hessen und Österreich entscheidend sein, die noch schnell Fördermittel beantragen wollen. Und der Ausgang des Prozesses gegen Accountable wird die Spielregeln für die nächste Generation deutscher Gründer definieren.

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