Mitbestimmung in der Krise: Nur noch 7% haben Betriebsrat
08.06.2026 - 14:11:23 | boerse-global.de
Massiver Stellenabbau trifft auf eine hitzige politische Debatte über die Zukunft der Arbeitszeit.
Arbeitgeber vs. Gewerkschaften: Der große Graben
Anfang Juni 2016 forderte Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), eine Abkehr vom traditionellen Acht-Stunden-Tag. Seine Begründung: Mehr Flexibilität und Wettbewerbsfähigkeit seien in der aktuellen Wirtschaftslage überlebenswichtig. Rein programmatische Forderungen schafften keine neuen Jobs.
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Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi konterte am Montag scharf. Sie lehnt die geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes ab. Die Bundesregierung will von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umstellen. Fahimi spricht von einem „ideologisch motivierten Irrweg". Ihr Argument: Das würde Schichten von bis zu 13 Stunden ermöglichen. Aktuell sind acht Stunden täglich die Regel, maximal zehn unter bestimmten Bedingungen.
Der Sozialverband Deutschland stellte sich hinter die Gewerkschaften.
Automatisierungswelle: Tausende Jobs fallen weg
Die Betriebe stehen unter Druck. In Bremerhaven streicht das North Sea Terminal (NTB) rund 500 von 1.000 Stellen. Eurogate und APM Terminals investieren eine Milliarde Euro in die Automatisierung. Die Kapazität soll von drei auf vier Millionen Standardcontainer (TEU) steigen. Den Mitarbeitern bieten die Betreiber Altersteilzeit, Vorruhestand und Abfindungen.
Auch die Chemiebranche baut massiv um. Dow Chemical kündigte für den Standort Stade den Abbau von 110 der 1.100 Stellen an. Hintergrund ist das globale Programm „Transform to Outperform". Weltweit fallen 4.500 Jobs weg – das operative Ergebnis soll um zwei Milliarden US-Dollar steigen. Werkleiter Carl Parnham verspricht einen sozialverträglichen Plan mit dem Betriebsrat.
In der Lebensmittelindustrie setzt sich der Trend fort. Landliebe stellt die Produktion in Heilbronn ein. Die Maschinen laufen bis Ende 2016 aus. Die Produktion wandert nach Sachsen und Bayern. Knapp 200 Mitarbeiter sind betroffen. Die Gewerkschaft NGG kritisiert fehlenden Willen zum Standorterhalt.
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Arbeitszeitverkürzung als Rettungsanker?
Können kürzere Arbeitszeiten betriebsbedingte Kündigungen verhindern? Im Druckhaus Weddingstedt prüft man genau das. Geplant: 30 Stunden für Drucker und Helfer, 33 Stunden im Versand. Dazu kommt die Umstellung von drei auf zwei Schichten. Voraussetzung ist die Zustimmung der Gewerkschaft ver.di.
Solche Modelle gelten als Alternative zum Stellenabbau. Die Auftragslage oder strukturelle Veränderungen zwingen zum Umdenken. Der Vorteil: Die Fachkräftebasis bleibt erhalten.
Mitbestimmung in der Krise: Nur noch 7 Prozent haben Betriebsrat
Eine DGB-Studie vom Mai 2026 zeigt die prekäre Lage der Arbeitnehmervertretung. Nur noch sieben Prozent der betriebsratsfähigen Betriebe haben eine aktive Vertretung. Rund 20 Prozent der Unternehmen blockieren laut Studie aktiv die Neugründung. Firmen nutzen zudem vermehrt die Umwandlung in eine Europäische Aktiengesellschaft (SE), um die paritätische Mitbestimmung zu umgehen.
Die Digitalisierung treibt den Personalumbau zusätzlich an. Bereits 60 Prozent der untersuchten Unternehmen haben Stellen abgebaut – im Vorgriff auf die Automatisierung durch Künstliche Intelligenz.
Es gibt auch Lichtblicke: Bei Amazon in Frankenthal konnte ver.di bei Betriebsratswahlen im Mai 2026 Erfolge verbuchen. Doch die Industrie bleibt angespannt. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) warnt vor dem Verlust von bis zu 125.000 Arbeitsplätzen bis 2035. Gründe: mangelnde Auslastung und sinkende Absätze in China. Volkswagen verkaufte dort 2019 noch 4,2 Millionen Fahrzeuge, 2025 waren es nur noch 2,7 Millionen.
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