Minijob-Reform: Rentenkommission plant Versicherungspflicht für 7 Millionen
02.07.2026 - 16:20:23 | boerse-global.de
Die Pläne einer Rentenkommission zur Umgestaltung von Minijobs stoßen in der deutschen Wirtschaft auf massiven Widerstand. Der Vorstoß sieht vor, den Sonderstatus geringfügiger Beschäftigung weitgehend abzuschaffen und die Jobs in die Rentenversicherungspflicht zu überführen. Branchenverbände aus Gastronomie, Handel und Landwirtschaft befürchten Personalengpässe und explodierende Kosten.
33 Maßnahmen – ein Kernpunkt
Die Rentenkommission hat ein Paket mit insgesamt 33 Maßnahmen vorgelegt. Der Kern: Minijobber sollen künftig voll in die Rentenversicherung einzahlen. Ausgenommen wären nur noch Schüler. Für alle anderen geringfügig Beschäftigten würde der volle Beitragssatz von 18,6 Prozent des Bruttolohns fällig – hälftig geteilt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
Bei der aktuellen Verdienstgrenze von 603 Euro monatlich bedeutet das für den Beschäftigten einen Beitrag von rund 56 Euro. Der Nettoverdienst schrumpft auf etwa 547 Euro – sofern keine weiteren Abzüge für Kranken- oder Pflegeversicherung anfallen. Bisher können sich Minijobber von der Rentenversicherung befreien lassen. Rund 80 Prozent der etwa sieben Millionen Betroffenen nutzen diese Möglichkeit.
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Gastronomie und Handel schlagen Alarm
Besonders deutlich fällt die Kritik aus dem Gastgewerbe aus. Der Dehoga bezeichnet die Pläne als „Katastrophe“ und „Frontalangriff“ auf die Branche. Rund die Hälfte aller Beschäftigten in Gastronomie und Hotellerie arbeitet auf Minijob-Basis. Der Verband warnt vor Betriebsschließungen, gestrichenen Angeboten oder drastisch verkürzten Öffnungszeiten.
Auch der Handelsverband HDE sieht bis zu 800.000 Stellen in Gefahr. Die Arbeitgeberverbände rechnen vor: Die Abgabenlast für Unternehmen könnte von derzeit 31,2 Prozent auf fast 36 Prozent steigen. Das entspricht jährlichen Mehrkosten von rund 1,5 Milliarden Euro. Bezieht man Midijobs mit ein, liegt die Summe sogar bei 2,3 Milliarden Euro.
Bauernpräsident warnt vor Ernteausfällen
Bauernpräsident Joachim Rukwied betont die Unersetzbarkeit von Minijobbern – besonders während Ernte- und Aussaatzeiten. Er bewertet den Vorschlag als „absolut negativ“ und warnt vor existenziellen Bedrohungen für viele Höfe. Die Landwirtschaft stehe bereits durch gestiegene Kosten und klimatische Herausforderungen massiv unter Druck.
Parallel zu den Rentenplänen hat der Koalitionsausschuss bereits eine Anhebung des Pauschalsteuersatzes für Minijobs von zwei auf fünf Prozent beschlossen. Bundeskanzler Merz stellte eine endgültige Entscheidung für den kommenden Herbst in Aussicht.
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Kontroverse auch in den Bundesländern
Die Debatte wird regional intensiv geführt. In Sachsen sind fast 245.000 Menschen in Minijobs beschäftigt, in Sachsen-Anhalt mehr als 106.000. Ein beachtlicher Teil übt diese Tätigkeit als Nebenjob aus. Während die Industrie- und Handelskammern vor Ort vor den Belastungen warnen, gibt es auch befürwortende Stimmen. Der DGB in Sachsen begrüßt die Pläne und verweist auf die unzureichende soziale Absicherung der Beschäftigten.
Rentenexpertin Silke Übelmesser von der Universität Jena unterstützt den Reformvorschlag ebenfalls. Sie bezeichnet den Minijob als „Falle“, die besonders für Frauen das Risiko von Altersarmut erhöhe. Zudem liege der Arbeitgeberanteil an den Sozialabgaben bei einer regulären Beschäftigung mit rund 21 Prozent niedriger als die aktuellen Pauschalabgaben von etwa 30 Prozent. Das könnte Anreize für sozialversicherungspflichtige Stellen schaffen. Arbeitgeberpräsident Dulger lehnt die Pläne hingegen entschieden ab.
