Minijob-Reform: 7 Millionen Beschäftigte drohen Einkommensverluste
01.07.2026 - 00:09:30 | boerse-global.de
Kernstück der 33 Empfehlungen: die weitgehende Abschaffung des Sonderstatus für Minijobs. Betroffen wären Millionen von geringfügig Beschäftigten.
Das bedeutet das für die Betroffenen
Derzeit liegt die Verdienstgrenze für Minijobs bei 603 Euro im Monat. Wer auf die Rentenversicherungspflicht verzichtet (Opt-out), bekommt diesen Betrag fast komplett ausgezahlt. Künftig drohen Abzüge von rund 127 bis 130 Euro – das Nettoeinkommen würde auf etwa 475 Euro schrumpfen.
Die Zahlen basieren auf Berechnungen der Kommission und des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Zwischen 6,8 und 7 Millionen Minijobber wären von der Neuregelung betroffen. Rund 4,2 Millionen üben die geringfügige Beschäftigung ausschließlich aus, der Rest als Nebenjob.
Besonders hart träfe es Rentner: Rund 1,2 Millionen von ihnen arbeiten in Minijobs. Auch Frauen wären überproportional betroffen – sie stellen mehr als 55 Prozent der geringfügig Beschäftigten. Die Kommission will Ausnahmen nur noch für Schüler beibehalten. Studenten, Eltern in Elternzeit und Rentner müssten voll in die Sozialversicherung einzahlen.
Arbeitgeber schlagen Alarm
Auch auf der anderen Seite brodelt es. Bisher zahlen gewerbliche Arbeitgeber eine Pauschalabgabe von maximal 31,17 Prozent, in Privathaushalten sind es 14,62 Prozent. Bei einer Umwandlung in sozialversicherungspflichtige Stellen würde der Arbeitgeberanteil zwar auf etwa 21 Prozent sinken. Experten erwarten aber Druck auf die Bruttolöhne, um die Nettoverluste auszugleichen.
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Die Treuhand Hannover hat die Mehrbelastung an einem Beispiel durchgerechnet: In Apotheken könnten pro Minijobber monatlich 110 bis 120 Euro extra anfallen. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) spricht von existenzbedrohenden Folgen für viele Betriebe. Der Handelsverband Deutschland (HDE) nennt die Pläne einen gefährlichen Irrweg.
Besonders brisant: Im Handel arbeiten rund eine Million Minijobber, im Gastgewerbe über 870.000. Beide Branchen befürchten massiven Personalmangel und eine Zunahme von Schwarzarbeit. Die Gewerkschaft der Sozialversicherung (BDZ) warnt sogar vor einem Konjunkturprogramm für illegale Beschäftigung.
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Politischer Streit ist vorprogrammiert
Bundeskanzler Friedrich Merz hat angekündigt, noch 2026 ein entsprechendes Gesetz auf den Weg zu bringen. Doch aus den Bundesländern kommt Widerstand. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder lehnt die Pläne ab und warnt vor Schäden für Gastronomie und Tourismus. Auch in der SPD gibt es Vorbehalte.
Die Befürworter sehen das anders. Rentenexpertin und Kommissionsmitglied Silke Übelmesser argumentiert, Minijobs seien für Frauen oft eine Erwerbsfalle und förderten Altersarmut. Rund 80 Prozent der Beschäftigten nutzen derzeit das Opt-out und erwerben kaum Rentenansprüche. Die Junge Union unterstützt die Pläne mit Verweis auf die langfristige Stabilität der Rentenkasse.
Die Reform ist Teil eines größeren Pakets: Es sieht die Abschaffung der abschlagsfreien Rente mit 63 vor, den Aufbau einer kapitalgedeckten Zusatzrente (je ein Prozent vom Brutto für Arbeitgeber und Arbeitnehmer) und eine schrittweise Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67,5 Jahre bis 2041.
Eine aktuelle Forsa-Umfrage zeigt: Über 60 Prozent der Deutschen halten die Vorschläge für unausgewogen. Unter Erwerbstätigen liegt die Ablehnung bei fast 70 Prozent.
