Massenentlassungen: EuGH kippt fehlerhafte Kündigungen rückwirkig
18.06.2026 - 04:09:21 | boerse-global.de
Besonders hart trifft es Baumärkte und Elektronikfachmärkte. Für die betroffenen Beschäftigten rücken damit die rechtlichen Rahmenbedingungen von Sozialplänen und Massenentlassungen in den Fokus.
Zwei Baumarkt-Riesen in der Krise
Innerhalb kurzer Zeit haben zwei Schwergewichte der Branche Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet. Die Hellweg-Gruppe aus Dortmund suchte den Gang zum Amtsgericht Essen. Betroffen sind 68 Filialen und rund 2.900 Mitarbeiter.
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Parallel dazu startete die BayWa Bau- & Gartenmärkte GmbH & Co. KG ein Sanierungsverfahren für über 40 Standorte. Dort sind zwischen 1.300 und 2.000 Beschäftigte betroffen. In beiden Fällen wurde Sanierungsexperte Stefan Denkhaus zum vorläufigen Sachwalter bestellt.
Die Ursachen sind vielfältig: Die Konsumnachfrage ist nach dem Ende des Corona-Heimwerker-Booms eingebrochen. Hinzu kommen gestiegene Kosten und Lieferkettenprobleme. Die Umsatzzahlen von Hellweg sprechen Bände: Von 850 Millionen Euro im Jahr 2022 rutschte das Volumen auf zuletzt 672 Millionen Euro im Jahr 2023.
Die Betriebe laufen vorerst uneingeschränkt weiter. Die Löhne sind für drei Monate über das Insolvenzgeld gesichert. Sanierungsexperten wie Gerrit Hölzle und Karl-Friedrich Curtze bereiten nun die Restrukturierung vor.
Saturn schrumpft dramatisch
Auch außerhalb der Baumarktbranche setzt sich der Filialsterben fort. Die Marke Saturn wird im Laufe des Jahres 2026 bundesweit elf Standorte endgültig schließen. Viele weitere werden in MediaMarkt-Filialen umgewandelt. In Hessen wird Saturn komplett verschwinden.
Konkrete Schließungstermine stehen bereits fest: Bremen Mitte Juni, Dortmund Ende Juli, Wiesbaden Ende August 2026. Von ehemals 55 Märkten zu Beginn des Jahres waren im Juni nur noch 27 übrig.
Ähnliche Entwicklungen zeigen sich im Sportfachhandel. Die Kette Hervis gab Mitte Juni bekannt, 17 ihrer 93 Filialen in Österreich zu schließen. Rund 100 Mitarbeiter sind betroffen.
Rechtliche Fallstricke bei Massenentlassungen
Der weitreichende Stellenabbau unterliegt strengen arbeitsrechtlichen Vorgaben. Im Zentrum steht das Massenentlassungsanzeigeverfahren nach § 17 Kündigungsschutzgesetz. Aktuelle Rechtsprechungen des Europäischen Gerichtshofs aus dem Herbst 2025 machen klar: Kündigungen ohne ordnungsgemäße Anzeige sind unwirksam. Dieser Fehler lässt sich nicht nachträglich heilen.
Ein wesentlicher Punkt ist die Zuständigkeit der Agentur für Arbeit. Nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts ist der Betriebsbegriff unionsrechtlich zu bestimmen. Maßgeblich ist der Ort, an dem die sozioökonomischen Auswirkungen des Stellenabbaus eintreten – nicht der Sitz der Unternehmensleitung.
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Der Fall der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin zeigte, wie schnell es hier zu Fehlern kommt: Anzeigen wurden am falschen Standort eingereicht.
Bei betriebsbedingten Kündigungen ist zudem die Sozialauswahl zwingend. Laut BAG-Rechtsprechung aus dem Jahr 2022 kann eine bestehende Rentennähe zu Lasten eines Arbeitnehmers berücksichtigt werden. Kann ein Mitarbeiter innerhalb von zwei Jahren nach der Kündigung eine Altersrente beziehen, sinkt seine soziale Schutzbedürftigkeit. Ausgenommen ist die Altersrente für schwerbehinderte Menschen.
Konflikte um betriebliche Mitbestimmung
Mit dem zunehmenden Druck auf die Belegschaften häufen sich Berichte über Konflikte zwischen Management und Arbeitnehmervertretern. Gewerkschaften wie die DPVKOM werfen Großunternehmen wie dem DHL Hub in Leipzig einen verdeckten Stellenabbau vor. Dort sank die Zahl der Beschäftigten zwischen Anfang 2024 und Anfang 2026 von über 7.000 auf rund 6.000 Personen.
In Tirol kam es im Kontext einer Betriebsratswahl bei den Explorer Hotels zu schweren Auseinandersetzungen. Die Gewerkschaften vida und ÖGB warfen der Hotelleitung vor, die Wahl durch die Kündigung eines Kandidaten und einen Polizeieinsatz gegen den Wahlvorstand behindert zu haben. Trotz der gemeldeten Einschüchterungsversuche konnte die Wahl durchgeführt werden.
Die Fälle verdeutlichen die angespannte Lage in Branchen, die sich in tiefgreifenden Transformations- oder Sanierungsprozessen befinden.
