Krankschreibung: Attestpflicht ab erstem Tag beschlossen
06.07.2026 - 11:10:32 | boerse-global.de
Der Koalitionsausschuss hat Anfang Juli weitreichende Änderungen bei den Regeln für Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen beschlossen. Die telefonische Krankschreibung soll abgeschafft werden, stattdessen gilt künftig eine generelle Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag. Damit reagiert die Regierung auf anhaltend hohe Krankenstände in Deutschland.
Zweifel an der Wirksamkeit der Reform
Wirtschaftsexperten und Mediziner äußern deutliche Bedenken gegen die Pläne. Daniel Graeber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung warnt: Die Attestpflicht könnte sogar zu mehr Fehltagen führen. Der Grund: volle Arztpraxen erhöhen das Ansteckungsrisiko. Zudem führen Arztbesuche oft zu längeren Krankschreibungen als kurze, eigenverantwortliche Erholungsphasen.
Die telefonische Krankschreibung ist laut Analysen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung und der Barmer kaum ursächlich für die hohen Fehlzeiten. Ihr Anteil liegt bei lediglich 0,8 bis 1,2 Prozent aller Bescheinigungen. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende der AOK, spricht daher von reiner Symbolpolitik. Die steigenden Fallzahlen führt sie auf die Einführung der elektronischen Krankmeldung im Jahr 2022 zurück, die eine lückenlosere Erfassung ermöglicht.
Prävention statt Kontrolle
Die Struktur der Krankheitsfälle spricht gegen den reinen Kontrollansatz. Im Jahr 2024 verursachten Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen rund 40 Prozent aller Fehltage. Hauptursachen sind Muskel-Skelett-Beschwerden und psychische Erkrankungen.
Hohe Fehlzeiten durch psychische Belastungen und Erschöpfung sind ein Warnsignal, dem Unternehmen mit gezielten Präventionsmaßnahmen begegnen sollten. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt Ihnen 5 Sofortmaßnahmen für mehr Ausgeglichenheit im Berufsalltag und wie Sie Stressfaktoren effektiv reduzieren. 5 Sofortmaßnahmen für mehr Ausgeglichenheit jetzt kostenlos herunterladen
Lea Feder von der JETZT Performance GmbH betont: Unternehmen reagieren oft zu spät auf Belastungen. Krankheit beginne nicht erst mit der Arbeitsunfähigkeit, sondern mit schleichenden Symptomen wie Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche und Erschöpfung. Eine frühzeitige Stressreduktion und eine gesunde Unternehmenskultur seien entscheidend, um langwierige Ausfälle zu verhindern.
Neue Wege aus der Krise
Krankenkassenvertreter plädieren für alternative Modelle. DAK-Chef Andreas Storm schlägt eine Teilkrankschreibung nach skandinavischem Vorbild vor. Beschäftigte könnten je nach Gesundheitszustand zwischen 25 und 75 Prozent ihrer Arbeitszeit leisten. Das hielte den Kontakt zum Betrieb und erleichterte den Wiedereinstieg. Gesundheitsministerin Warken prüft derzeit die Umsetzbarkeit.
Die Bevölkerung steht den Reformplänen skeptisch gegenüber. Eine YouGov-Umfrage zeigt: 59 Prozent der Befragten lehnen die Attestpflicht ab dem ersten Tag ab. 58 Prozent sprechen sich gegen die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung aus. Der Deutsche Gewerkschaftsbund warnt vor verstärktem Präsentismus – dem Arbeiten trotz Krankheit. Das senke langfristig die Produktivität und begünstige chronische Leiden.
Um langwierige Ausfälle zu vermeiden und die Rückkehr in den Betrieb rechtssicher zu gestalten, ist ein strukturiertes Vorgehen beim Betrieblichen Eingliederungsmanagement unerlässlich. Diese kostenlose Anleitung bietet Ihnen einen praktischen Gesprächsleitfaden und alle wichtigen Antworten für Arbeitgeber und Betroffene. Kostenlose BEM-Anleitung inklusive Gesprächsleitfaden sichern
Arbeitsrechtler raten Unternehmen bereits jetzt, ihre bestehenden Prozesse zu prüfen. Die Attestpflicht ab dem ersten Tag kann in vielen Arbeitsverträgen ohnehin individuell vereinbart werden. Der tatsächliche Nutzen einer gesetzlichen Generalpflicht bleibt fragwürdig. Das Hauptaugenmerk sollte laut Experten auf der Identifizierung von Belastungsquellen und der Förderung der Mitarbeitergesundheit liegen.
