Krankschreibung, Attestpflicht

Krankschreibung: Attestpflicht ab dem ersten Tag, Telefon-Attest weg

04.07.2026 - 05:41:04 | boerse-global.de

Bundesregierung führt Attestpflicht ab erstem Krankheitstag ein und schafft telefonische Krankschreibung ab. Kritik von Ärzten und Gewerkschaften.

Attestpflicht ab Tag eins: Neue Regeln für Krankschreibungen
Krankschreibung - Eine Nahaufnahme der Hand eines Arztes, der eine Krankschreibung ausfüllt, mit einem Stethoskop und der deutschen Flagge im Hintergrund. 04.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Ab sofort gilt eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag, die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft. Damit reagiert die Koalition auf die hohen Krankenstände, die sie als Wettbewerbsnachteil für den Wirtschaftsstandort Deutschland wertet.

Rückkehr zu Vor-Corona-Regeln

Kern der Reform: Ein ärztliches Attest ist künftig grundsätzlich ab dem ersten Fehltag nötig. Bisher galt die Pflicht erst ab dem wirkten Tag – es sei denn, der Arbeitgeber verlangte früher einen Nachweis. Bundeskanzler Merz begründet den Schritt mit der Notwendigkeit, die Arbeitsproduktivität zu stärken. Unternehmen können per Betriebsvereinbarung aber weiter abweichende Regeln treffen.

Parallel dazu fällt die telefonische Krankschreibung weg. Gesundheitsministerin Warken bezeichnet sie als „Instrument des Ausnahmezustands", das nun nicht mehr nötig sei. Stattdessen setzt die Regierung auf digitale Lösungen wie die Videosprechstunde. Zudem sind Verschärfungen im Strafrecht für falsche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen geplant. Diskutiert wird auch die Einführung von Teilkrankschreibungen mit 25, 50 oder 75 Prozent Arbeitsleistung.

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Scharfe Kritik aus Ärzte- und Sozialverbänden

Die Pläne stoßen auf massiven Widerstand. Der Hausärzteverband warnt vor einer Überlastung der Praxen durch unnötige Bürokratie. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) spricht von einer „Zumutung für Ärzte und Patienten". Auch der DAK-Vorstandschef Storm rechnet mit überfüllten Wartezimmern.

Kritik gibt es an der statistischen Grundlage: Analysen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) zeigen, dass telefonische Krankschreibungen nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Krankheitsfälle ausmachen. Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) geben zu bedenken, dass eine generelle Attestpflicht die Fehlzeiten sogar erhöhen könnte. Der Grund: Patienten mit einfachen Infekten müssten die Praxen aufsuchen und steckten dort andere an.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und ver.di kritisieren die Pläne als Ausdruck einer Misstrauenskultur. Sie warnen vor zunehmendem Präsentismus – Arbeitnehmer, die trotz Krankheit zur Arbeit kommen.

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Koalition uneins über Umsetzung

Innerhalb der Regierung gibt es Differenzen. SPD-Chef Klingbeil betont, man müsse eine „vernünftige Umsetzung" finden. Niemand solle gezwungen werden, sich im akuten Krankheitszustand in eine Praxis zu schleppen. Die SPD habe zudem unbezahlte Karenztage verhindert. Bundestagspräsidentin Bas kündigt eine genaue Prüfung der Auswirkungen an.

Die Union verteidigt die Pläne als notwendige Reaktion auf die Belastung der Sozialsysteme. Unionspolitiker Jens Spahn verweist auf den hohen Krankenstand von durchschnittlich 18 Tagen pro Jahr. Die DAK weist für 2025 sogar 19,5 Fehltage aus. Arbeitgeberverbände wie die hessische VhU begrüßen die Entscheidung als Signal zur Kostensenkung. Allein in Hessen beziffern sie die Kosten der Entgeltfortzahlung auf über sechs Milliarden Euro jährlich. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wüst mahnt eine praxisnahe Klärung der offenen Details an.

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