Krankmeldungen, Attestpflicht

Krankmeldungen: Attestpflicht ab sofort – Telefonschreibung fällt weg

Veröffentlicht: 11.07.2026 um 19:32 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Neue Attestpflicht ab Tag eins und Teilkrankschreibung beschlossen. Arbeitgeber loben, Ärzte und Gewerkschaften kritisieren die Reform scharf.

Bundestag beschließt Reform: Strengere Regeln für Krankschreibungen
Ein zerknittertes, offiziell aussehendes Dokument liegt auf einem Schreibtisch. Im Hintergrund ist schemenhaft eine Hand zu erkennen. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Krankmeldungen werden strenger: Der Bundestag hat am Freitag weitreichende Reformen im Gesundheitswesen und Arbeitsrecht verabschiedet. Die schwarz-rote Koalition will damit Fehlanreize reduzieren und die wirtschaftliche Belastung durch hohe Krankenstände senken.

Arbeitgeberverbände begrüßen die Pläne. Sozialverbände und Ärzte warnen dagegen vor einer Überlastung der Praxen und negativen Folgen für Patienten.

Attestpflicht ab dem ersten Tag

Kernpunkt der Reform: Arbeitnehmer müssen künftig schon ab dem ersten Krankheitstag eine ärztliche Bescheinigung vorlegen. Bisher reichte in vielen Fällen eine Krankschreibung ab dem vierten Tag. Juristen weisen allerdings darauf hin, dass bestehende vertragliche Regelungen durch das Günstigkeitsprinzip geschützt sein könnten.

Die telefonische Krankschreibung wird komplett abgeschafft. Sie war während der Pandemie eingeführt worden, um Praxen zu entlasten.

Teilkrankschreibung kommt

Gleichzeitig beschloss der Bundestag ein neues Modell: die Teilkrankschreibung. Sie ermöglicht eine stufenweise Rückkehr in den Job – mit 25, 50 oder 75 Prozent der üblichen Arbeitszeit. Voraussetzung: eine Erkrankungsdauer von mehr als vier Wochen, ein ärztliches Attest und die Zustimmung des Arbeitgebers.

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Hohe Krankenstände belasten die Wirtschaft

Die Reform kommt nicht von ungefähr. Laut AOK waren Mitglieder 2025 durchschnittlich an 23,3 Tagen krankgemeldet. Die volkswirtschaftlichen Kosten: über 130 Milliarden Euro. Im OECD-Vergleich liegt Deutschland mit 6,8 Prozent verlorener Arbeitszeit auf Rang sieben.

Udo Dinglreiter, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, nannte den Krankenstand „ein objektives Problem für den Standort Deutschland“. Er befürwortet das Paket, das auch Bürokratieabbau, erweiterten Kündigungsschutz für Höchstverdienende und längere Befristungen vorsieht. Kritik übte Dinglreiter jedoch am fehlenden Vorstoß zur Flexibilisierung der Arbeitszeit.

DIHK-Präsident Peter Adrian verteidigte die neuen Regeln: Sie könnten helfen, Fehlanreize bei Krankmeldungen zu minimieren.

Ärzte und Gewerkschaften laufen Sturm

Die Kritik ist heftig. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung rechnet mit bis zu 30 Millionen zusätzlichen Arztbesuchen pro Jahr. Der Hausärzteverband, ver.di und der DGB sprechen von unnötiger Bürokratisierung und einem Misstrauensvotum gegen Beschäftigte. Die AOK-Spitze nennt die Verschärfungen „Symbolpolitik“.

Fachleute weisen darauf hin, dass die telefonische Krankschreibung nur für 0,8 bis 1,2 Prozent aller AU-Bescheinigungen verantwortlich war. Statt pauschaler Maßnahmen fordern sie eine tiefergehende Analyse der Fehlzeitenursachen. In der Debatte waren auch Modelle wie schwedische Karenztage oder Bonussysteme für fehlzeitenfreie Beschäftigte genannt worden.

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Sparpaket trifft die ambulante Versorgung

Parallel verabschiedete der Bundestag das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Es sieht ab 2027 Einsparungen von rund 2,7 Milliarden Euro in der vertragsärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung vor. Die Vergütungen werden bis 2029 an die Grundlohnrate gekoppelt – bleiben aber einen Prozentpunkt darunter.

Verbände wie der MEDI-Verband und der Hebammenverband warnen vor einem „dramatischen Wendepunkt“. Besonders prekär: Die mediane Wartezeit auf einen Psychotherapie-Platz liegt bereits bei 97 Tagen. Fachleute befürchten nun eine weitere Verschlechterung und mehr chronische Erkrankungen durch Honorarkürzungen.

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