Kohleausstieg: Bundesnetzagentur ordnet kein Verbot an – Ziel 2029 bereits erreicht
Veröffentlicht am: 02.09.2026 um 05:15 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Bundesnetzagentur hat zum 1. September 2026 entschieden, kein Verbot der Kohleverfeuerung nach dem Kohleverfeuerungsbeendungsgesetz (KVBG) anzuordnen.
Als wesentlichen Grund für diese Entscheidung nannte die Behörde, dass das gesetzlich definierte Zielniveau für das Jahr 2029 bereits zum jetzigen Zeitpunkt unterschritten wurde. Damit bleibt die regulatorische Praxis der Vorjahre bestehen; es ist das dritte Jahr in Folge, in dem kein solches Verbot ausgesprochen werden musste.
Nach Angaben der Bundesnetzagentur wurden im aktuellen Turnus 41 Anlagen mit einer kumulierten Leistung von 10,7 GW mit Zuschlägen belegt. Lediglich für drei Anlagen, die über eine Leistung von insgesamt 1,4 GW verfügen, wurde ein entsprechendes Verbot ausgesprochen. Die Behörde unterstrich in diesem Zusammenhang, dass die Sicherheit der Stromversorgung in Deutschland weiterhin vollumfänglich gewährleistet sei.
Netzreserve und Kraftwerksausschreibungen im Fokus
Trotz des erreichten Zielniveaus bleibt die Steuerung der Kraftwerkskapazitäten eine zentrale Aufgabe der Netzregulierung. Für den kommenden Zeitraum von April 2026 bis März 2027 bezifferte die Bundesnetzagentur den notwendigen Bedarf an Netzreserve auf 7407 MW. Um die langfristige Versorgung und den Umbau des Kraftwerksparks voranzutreiben, ist die erste Ausschreibung für neue Kraftwerke bereits für den 8. September 2026 angesetzt.
Flankiert wird diese Entwicklung durch eine aktuelle Prüfung des Bundeswirtschaftsministeriums. Dieses untersucht derzeit, inwieweit Steinkohlekraftwerke aus der Netzreserve wieder direkt am Strommarkt eingesetzt werden können.
Während der konkrete Preiseffekt dieser Maßnahme noch als offen gilt, deuten Prognosen von Marktbeobachtern wie Montel darauf hin, dass die Großhandelspreise im Jahr 2027 um etwa 5 % sinken könnten. Dies ginge jedoch mutmaßlich mit einer Erhöhung der CO2-Emissionen um bis zu 10 % einher.
Politische Debatte um Reaktivierung von Kapazitäten
Die Bundesnetzagentur hat erneut kein Kohleverfeuerungsverbot angeordnet – das Zielniveau für 2029 ist bereits erreicht. Doch der Bedarf an Netzreserve steigt auf 7407 MW, und die erste Ausschreibung für neue Kraftwerke steht unmittelbar bevor. Für Betreiber und Investoren ergeben sich neue strategische Optionen. Jetzt kostenlosen Leitfaden zur Netzreserve-Ausschreibung anfordern
Innerhalb der schwarz-roten Koalition hat die Frage der Reserve-Kraftwerke eine politische Diskussion ausgelöst. Während die Union eine Reaktivierung von Kohlekraftwerken aus der Reserve fordert, äußerte sich die SPD diesbezüglich skeptisch.
Ungeachtet dieser Differenzen herrscht Einigkeit darüber, dass der endgültige Kohleausstieg im Jahr 2038 bestehen bleibt. Regional zeigen sich jedoch ambitioniertere Zeitpläne: Nordrhein-Westfalen hält am Ziel des Kohleausstiegs bis 2030 fest und lehnt die Reaktivierung von Reservekapazitäten konsequent ab.
Die industrielle Transformation zeigt sich auch konkret am Beispiel des Kraftwerksstandorts Voerde. Dort hat der Energiekonzern RWE im August das Kesselhaus von Block B gesprengt. Der Block verfügte über eine Leistung von 695 MW und befand sich bereits seit 2023 im Rückbau.
Am selben Standort plant das Unternehmen die Errichtung eines neuen Gas-und-Dampfturbinenkraftwerks (GuD) mit einer Leistung von 850 MW, dessen Inbetriebnahme für das Jahr 2030 vorgesehen ist.
Langfristige Szenarien für die Infrastruktur 2045
Über die aktuelle Steuerung der Kohlekapazitäten hinaus hat die Bundesnetzagentur Anfang September den Szenariorahmen der Netzbetreiber für die Strom-, Gas- und Wasserstoffinfrastruktur des Jahres 2045 zur öffentlichen Konsultation gestellt.
Während die Koalition über die Reaktivierung von Kohlekraftwerken streitet, prüft das Bundeswirtschaftsministerium den Einsatz von Steinkohlekraftwerken aus der Netzreserve. Prognosen deuten auf sinkende Großhandelspreise 2027 hin – aber auch auf steigende CO2-Emissionen. Wer jetzt die Weichen richtig stellt, sichert sich Wettbewerbsvorteile. Kostenlose Szenario-Analyse Strommarkt 2027 jetzt sichern
Die darin enthaltenen Prognosen verdeutlichen die künftigen Herausforderungen: So wird für Rechenzentren ein Stromverbrauch von 100 TWh angenommen, während konkrete Projektplanungen bereits ein Volumen von 400 TWh erreichen.
Bei Großbatterien kalkulieren die Szenarien mit einem Bedarf von 100 TWh, dem bereits Anmeldungen in Höhe von 200 TWh gegenüberstehen. Die Netzbetreiber merken zudem kritisch an, dass die aktuelle Planung teilweise auf linearen Fortschreibungen beruhe und einen abrupten Stopp des Photovoltaik-Zubaus unterstelle.
