Warum Insektenlebensmittel in Deutschland ein Nischenmarkt bleiben
Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSInsekten dürfen in Deutschland als Lebensmittel verzehrt werden, doch bislang haben Grillenburger, Mehlwurmaufstriche und andere Produkte in der Breite keinen Durchbruch geschafft.
Start-ups setzen auf Tierfutter statt Teller
Der Unternehmer Gia Tien Ngo, der während seines Studiums in den USA Mehlwürmer als Proteinquelle entdeckte, gründete 2018 in Baden-Württemberg das Unternehmen Alpha Protein mit dem Ziel, Mehlwürmer als Lebensmittel zu produzieren. Bislang stellt die Firma in Dielheim jedoch verarbeitetes Tierfutter und lebende Insekten als Terrarienfutter her, da der Lebensmittelmarkt nach seinen Angaben noch zu klein ist.
Ähnlich verlief die Entwicklung beim 2020 in Mecklenburg-Vorpommern gegründeten Start-up Entava. Geschäftsführerin Raijana Schiemann berichtet, dass das Unternehmen bis 2024 getrocknete Insekten und Mehl aus Mehlwürmern für Riegel, Müsli oder Cracker bereitstellte, diesen Bereich aber inzwischen komplett eingestellt hat. Entava produziert derzeit ausschließlich Insekten für Tierfutter.
Nischenmarkt und geplatzte Hoffnungen
Die Agrarökonomin und Doktorandin Isabell Weiß von der Universität Göttingen forscht zu Insektenlebensmitteln und beschreibt den Bereich als Nischenmarkt. Ihrer Einschätzung nach liegt der Hauptabsatz klar in der Futtermittelproduktion. Sie erinnert an einen Insekten-Boom zwischen 2018 und 2022, nachdem die EU Insekten als neuartige Lebensmittel eingestuft hatte. Damals habe es schätzungsweise 20 bis 30 Unternehmen in Deutschland gegeben, die Insekten für Lebensmittel züchteten oder dies planten.
Inzwischen geht Weiß von weniger als zehn Unternehmen aus, die hierzulande noch auf Lebensmittel setzen. Als frühes Beispiel nennt sie Plumento Foods aus Pforzheim, das nach eigenen Angaben als erstes Unternehmen in Deutschland insektenbasierte Lebensmittel in den Einzelhandel brachte, darunter Pasta, Burger-Patties, Proteinriegel und Snacks. Trotz breiter Aufmerksamkeit habe sich daraus jedoch kein dauerhaft stabiler Markt ergeben; inzwischen verkauft Geschäftsführer Daniel Mohr keine Insektenprodukte mehr.
Handel ohne Insektenware, Online-Markt bleibt
Große Supermarktketten bestätigen, dass Insektenprodukte derzeit keine Rolle in ihren Regalen spielen. Lidl, Aldi Süd und Rewe teilen mit, aktuell keine entsprechenden Artikel im Sortiment zu haben. Auch der Supermarkt tegut führt nach eigenen Angaben wegen fehlender Nachfrage keine Insektenprodukte mehr.
Weiß zufolge findet das Geschäft mit Insektenprodukten vor allem online statt. Sie fasst die Lage vieler Start-ups so zusammen, dass der Absatz schwach blieb, während die Kosten hoch waren. Viele Firmen seien zu optimistisch in Bezug auf Tempo und Skalierung gewesen, die Produkte seien jedoch nicht ausreichend angenommen worden.
Nachhaltigkeit, Bürokratie und Konkurrenz
Raijana Schiemann verweist darauf, dass Insekten bei nachhaltiger Ernährung mit vegetarischen und veganen Angeboten konkurrieren. Zudem kritisiert sie eine aus ihrer Sicht sehr bürokratische und komplizierte Antragstellung für die Zulassung von Insektenprodukten.
Isabell Weiß ergänzt, die größten Hürden seien Ekel oder eine Phobie vor neuen Lebensmitteln, die als Barriere wirkten. Insekten seien in Europa als Lebensmittel nicht etabliert, was ihre Verbreitung zusätzlich erschwere.
Branchenkrise und zweite Generation von Züchtern
Trotz der Schwierigkeiten bleibt Gia Tien Ngo optimistisch. Er berichtet von mehreren Insolvenzen in der Insektenbranche im vergangenen Jahr und beobachtet, dass sich das Angebot in den letzten sechs bis sieben Monaten deutlich verringert habe, während die Nachfrage gestiegen sei. Er sieht eine zweite Generation von Insektenzüchtern, die verstärkt Anfragen stelle, weil frühere Anbieter nicht mehr liefern könnten.
Chance sieht Ngo auch in der wachsenden Nachfrage nach Proteinprodukten. Sportler, die Molkenproteine nicht vertragen, könnten seiner Einschätzung nach auf Insektenproteine umsteigen. Er bekräftigt, man glaube weiter an die Nachhaltigkeit und sei überzeugt, dass sich Insektenproteine irgendwann im Markt etablieren werden.
Sushi-Vergleich und offene Zukunft
Auch Schiemann hält Insektenlebensmittel langfristig für unvermeidlich und betont, Entava könne bei einer Belebung des Marktes die frühere Produktion rasch wieder aufnehmen. Ngo zieht einen Vergleich zu Sushi, das früher als eklig gegolten habe und heute weit verbreitet sei. Ob Insekten einen ähnlichen Weg in die alltägliche Ernährung finden, bleibt zwar offen, doch die Branche setzt weiterhin auf eine langsame, nachhaltigkeitsgetriebene Etablierung.
Insektenlebensmittel zwischen Nische und Nachhaltigkeitsdebatte
Der Bericht macht deutlich, dass Insekten in Deutschland zwar rechtlich als Lebensmittel zugelassen sind, sich auf den Tellern aber kaum durchsetzen. Die Beispiele aus Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern stehen stellvertretend für eine Branche, die ihre ursprünglichen Pläne für menschliche Ernährung weitgehend aufgegeben hat und sich auf Tierfutter konzentriert. Damit wirken Insekten in der Praxis derzeit eher als Baustein in nachhaltigen Fütterungskonzepten, etwa für Haustiere oder Nutztiere, denn als Bestandteil alltäglicher Ernährung.
Regulatorische Hürden und Konkurrenz um das Nachhaltigkeitslabel
Die geschilderten Erfahrungen zeigen, dass Insektenprodukte in einem ohnehin stark umkämpften Nachhaltigkeitsmarkt auftreten. Sie konkurrieren mit etablierten vegetarischen und veganen Angeboten, die ohne Ekelbarriere auskommen und in Supermärkten fest verankert sind. Zugleich spielt die aufwendige Zulassung eine Rolle: Wer neuartige Produkte wie Grillenburger oder Mehlwurm-Pasta anbieten will, muss sich durch komplexe Antragsverfahren arbeiten. Für viele kleine Unternehmen erhöht dies die Kosten und erschwert den Aufbau eines stabilen Geschäftsmodells, zumal große Handelsketten aktuell keine entsprechenden Artikel listen.
Kulturelle Vorbehalte und mögliche Zukunftspfade
Im kulturellen Kontext wird deutlich, dass Insekten als Lebensmittel in Europa kaum Tradition haben. Der Hinweis auf Ekel und Phobien verweist auf tief verankerte Essgewohnheiten, die Innovationen nur langsam zulassen. Die von den Branchenvertretern angesprochene Parallele zu Sushi deutet darauf hin, dass ein Wandel prinzipiell möglich sein könnte, aber Zeit und passende Anlässe braucht. Perspektivisch könnten steigende Nachfrage nach Proteinprodukten, Umweltargumente und eine jüngere, experimentierfreudige Zielgruppe Anknüpfungspunkte bieten. Noch ist der Markt jedoch klein, stark online geprägt und vor allem an der Schnittstelle von Tierfutter, Lebensmittelinnovation und Nachhaltigkeitsdebatte angesiedelt.
