Industrie-Krise: 127.000 Jobs gestrichen trotz steigender Umsätze
27.05.2026 - 16:39:31 | boerse-global.deDie Industrie in Deutschland, Österreich und der Schweiz erlebt eine beispiellose Restrukturierungswelle. Hohe Produktionskosten und sinkende Nachfrage zwingen Traditionsunternehmen zur Schließung oder Verlagerung ihrer Standorte.
Der Spezialfarbenhersteller Siegwerk gab heute die Schließung seines Produktionsstandorts im schweizerischen Bargen bekannt. Rund 100 Arbeitsplätze fallen weg, die Fertigung wird ins türkische Tuzla verlagert. Das Unternehmen begründet den Schritt mit dem anhaltend starken Schweizer Franken, hohen Inlandskosten und einem generellen Nachfragerückgang nach UV-Druckfarben in Europa. Immerhin: Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung bleibt in der Schweiz erhalten.
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Sozialplan als Blaupause
Siegwerk hat einen umfassenden Sozialplan aufgelegt. Rund 70 Prozent der Beschäftigten erhalten Abfindungen in Höhe von mindestens einem halben Jahresgehalt. Wer bis zum endgültigen Schließungstermin an Bord bleibt, bekommt zudem einen monatlichen Bonus von einem halben Monatsgehalt. Ein Modell, das Schule machen könnte – denn der Fall Bargen ist kein Einzelfall.
Erst Ende Mai kürzte Roche Diagnostics am Standort Rotkreuz im Kanton Zug massiv Stellen. Hunderte externe Dienstleister sind betroffen. Hintergrund: Ein Massenspektrometer-Analysegerät floppte kommerziell nach Entwicklungskosten in dreistelliger Millionenhöhe. Zudem setzen sinkende Labortest-Erstattungen aus China das Diagnostikgeschäft unter Druck.
Deutschland: Rekord beim Stellenabbau trotz steigender Umsätze
Ein Paradoxon erschüttert die deutsche Industrie: Erstmals seit 2023 steigen die Umsätze wieder – doch der Stellenabbau beschleunigt sich. Rund 127.000 Industriearbeitsplätze wurden zuletzt gestrichen, besonders hart trifft es die Auto- und Maschinenbaubranche. Neue geopolitische Risiken, allen voran der Iran-Konflikt, trüben die Aussichten zusätzlich.
Seit gestern streiken die Beschäftigten des autozulieferers Mahle in Neustadt an der Donau unbefristet. 98,4 Prozent der Belegschaft stimmten für den Arbeitskampf. Mahle will den Standort im ersten Halbjahr 2027 schließen, 400 Mitarbeiter wären betroffen. Das Unternehmen verweist auf auslaufende Verträge, einen schwachen Automarkt und enormen Kostendruck aus Asien.
Warnstreiks in Österreichs Chemieindustrie
In Österreich eskalieren die Tarifkonflikte. Zwischen dem 26. Mai und dem 1. Juni legten rund 50.000 Beschäftigte in 230 Chemieunternehmen die Arbeit nieder. Nachdem die sechste Verhandlungsrunde gescheitert war, lehnten die Gewerkschaften das Arbeitgeberangebot ab: eine Einmalzahlung von 250 Euro bei einer Nullrunde bei den Löhnen. Die Arbeitgeber argumentieren mit der Wettbewerbssituation zur deutschen Chemie, die ebenfalls einen Lohnstopp für 2026 verhängt hat. Die Gewerkschaften fordern 3,5 Prozent mehr Lohn – und erinnern daran, dass die Branche bereits im Schlussquartal 2025 rund 600 Stellen abgebaut hat.
Biontech vor radikalem Umbau
Der einstige Corona-Impfstoffhersteller Biontech durchläuft eine fundamentale Transformation. Das Unternehmen will Standorte in Idar-Oberstein, Marburg, Singapur sowie ehemalige Curevac-Anlagen in Tübingen verkaufen oder schließen. Bis zu 1.860 Stellen sind gefährdet, davon 820 in Tübingen. Die Umstrukturierung fällt mit einem Führungswechsel zusammen: Die Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci bereiten ihren Abschied vor, um ein neues Unternehmen zu gründen. Biontechs Zukunft liegt fast ausschließlich in der Krebstherapie. Der Verkauf der Produktionsanlagen soll bis Oktober 2026 abgeschlossen sein.
Siemens setzt auf Zentralisierung
Anders gelagert ist der Fall Siemens: Der Konzern schließt zwar den Standort Nürnberg-Moorenbrunn, verspricht aber keine Netto-Stellenverluste. 1.600 Mitarbeiter ziehen auf den Campus nach Erlangen um, 400 nach Fürth. Siemens investiert rund eine halbe Milliarde Euro in den neuen Standort. Die Umzüge sollen bis zum Sommer 2026 abgeschlossen sein.
Traditionsunternehmen verschwinden
Anderswo fallen endgültig die Tore. Heidelberg Materials schließt sein Zementwerk in Paderborn – 53 Mitarbeiter betroffen. Vier Jahre lang diente die Anlage als Versuchslabor für innovativen Zement, doch die schwache Nachfrage im deutschen Bausektor machte den Weiterbetrieb unmöglich.
Ein besonders trauriges Kapitel: Die sächsische Textilmanufaktur Damino stellt nach 120 Jahren den Betrieb ein. Eine geplante Übernahme durch die usbekische Zarhal-Gruppe platzte, weil der Käufer den Kaufpreis nicht vollständig überweisen konnte. Grund sollen internationale Zahlungsblockaden im usbekischen Bankensystem sein.
Flucht in Niedriglohnländer
Der Trend ist eindeutig: Hochkostenstandorte in Mitteleuropa geraten unter massiven Druck. Für Schweizer Firmen bleibt der starke Franken eine Dauerbelastung – Exporte werden teurer, die Lohnkosten steigen im internationalen Vergleich. Die Verlagerung nach Tuzla zeigt: Industrieunternehmen setzen zunehmend auf Nähe zu Wachstumsmärkten und niedrigere Betriebskosten.
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Auch die Hightech-Branche zieht Konsequenzen. Die Constructor Group verlegt ihren Hauptsitz von der Schweiz nach Singapur. Über 200 hochqualifizierte Stellen in Künstlicher Intelligenz und Quantencomputing entstehen dadurch in Asien.
Konfrontativer Arbeitskampf
Das Klima zwischen Arbeitgebern und Belegschaften wird rauer. Neben den Streiks in Österreich und Deutschland mehren sich Vorwürfe der „Gewerkschaftsbekämpfung“. Die C24 Bank schloss ihre Mainzer Filiale am 7. Mai und schloss 70 Mitarbeiter ohne Vorwarnung aus – genau als diese einen Betriebsrat gründen wollten. Auch Ryanair geriet wegen der geplanten Schließung seiner Basis am Berliner Flughafen BER in die Kritik, weil der Betriebsrat nicht eingebunden wurde.
Ausblick: Keine Entspannung in Sicht
Die nächste Verhandlungsrunde für die österreichische Chemieindustrie am 2. Juni wird zeigen, ob Arbeitgeber und Gewerkschaften einen Kompromiss finden. Mit den angekündigten Großschließungen bei Biontech, Mahle und Heidelberg Materials bis Ende 2026 und Anfang 2027 ist das Ende der Konsolidierungswelle jedoch nicht absehbar. Die Frage bleibt: Können steigende Umsätze den deutschen Arbeitsmarkt tatsächlich stabilisieren – oder setzt sich der Abwärtstrend ungebremst fort?
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