Industrie-Beschäftigung, Millionen

Industrie-Beschäftigung: 6,6 Millionen auf Tiefstand seit zehn Jahren

19.06.2026 - 18:02:59 | boerse-global.de

Studie belegt: Nur noch 6,6 Millionen Beschäftigte im Verarbeitenden Gewerbe. Lohnvorteil schwindet, Regionen entwickeln sich unterschiedlich.

Deutsche Industrie: Beschäftigtenzahl fällt auf Zehnjahrestief
Industrie-Beschäftigung - Eine leere, verlassene Fabrikhalle in Ostdeutschland mit rostigen Maschinen und zerbrochenen Fenstern, die den industriellen Niedergang symbolisiert. 19.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung waren 2025 nur noch rund 6,6 Millionen Menschen im Verarbeitenden Gewerbe tätig. Der Anteil der Industriebeschäftigten sank von 22 Prozent (2014) auf 19 Prozent.

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Personalabbau ohne Kündigungswelle

Der Rückgang vollzieht sich schleichend – nicht über Massenentlassungen, sondern durch eine zurückhaltende Personalpolitik. Unternehmen zögern bei der Nachbesetzung frei werdender Stellen. Zwischen 2019 und 2025 fielen so rund 420.000 Arbeitsplätze weg.

Bis 2019 verliefen Einstellungen und Abgänge noch parallel. Dann öffnete sich eine Schere: Die Zahl der Neueinstellungen sank deutlich stärker als die der Austritte. Eine IW-Umfrage vom April bestätigt den Trend: 37 Prozent der Industrieunternehmen planen weiteren Personalabbau, nur 14 Prozent wollen einstellen.

Tesla als regionaler Leuchtturm

Die Entwicklung verläuft regional höchst unterschiedlich. In Ostdeutschland zeigen sich gegensätzliche Bilder. Im Landkreis Oder-Spree führte die Ansiedlung der Tesla-Fabrik zu einer Verdopplung der Industriebeschäftigung. Das Altenburger Land verzeichnete dagegen nach einem Aufbau bis 2019 in den Folgejahren einen Rückgang.

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Auch im Westen ist das Bild gespalten. Stuttgart legte zwischen 2014 und 2024 um 33 Prozent zu, Erlangen verlor 34 Prozent. Gelsenkirchen büßte rund ein Drittel seiner industriellen Basis ein. Die Studie zeigt: Selbst traditionell starke Regionen in Süddeutschland geraten unter Druck.

Lohnvorsprung schmilzt

Ein zentraler Grund für die sinkende Attraktivität der Industrie: Der Lohnvorteil gegenüber anderen Branchen schwindet. Bei Einstiegsgehältern halbierte er sich fast – von 20,4 Prozent über dem Durchschnitt (2014) auf 10,4 Prozent (2024). Bei langjährig Beschäftigten sank er von 16,5 auf 8,7 Prozent.

Gleichzeitig verschieben sich die Anforderungen. Klassische Fertigungsberufe verlieren an Bedeutung, die Nachfrage nach Elektrotechnikern und Maschinenbauern stieg zwischen 2014 und 2024 um fünf Prozentpunkte. Interessant: Industrietypische Berufe außerhalb des Verarbeitenden Gewerbes wuchsen um 15 Prozent – ein Zeichen für die zunehmende Industrialisierung von Dienstleistungen.

Warnungen vor Deindustrialisierung

Wirtschaftsverbände schlagen Alarm. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer von NiedersachsenMetall, forderte wettbewerbsfähige Energiepreise, Bürokratieabbau und schnellere Genehmigungsverfahren. Der BDI sieht die Marke „Made in Germany“ massiv unter Druck.

Einzelne Unternehmen reagieren bereits. Der Chemiekonzern Evonik kündigte an, bis Ende 2029 weitere 3.200 Stellen abzubauen – 2.150 davon in Deutschland. Das Polyester-Geschäft soll eingestellt, der Standort Witten 2027 geschlossen werden. In Kaiserslautern startete Anfang Juni ein Investorenprozess für die dortige Batteriezellfertigung.

Die Bundesregierung hat als Reaktion ein Reformpaket angekündigt, das bis Mitte Juli vorliegen soll. Schwerpunkte: Rentensicherung, Bürokratieabbau und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Diese Themen werden voraussichtlich auch den Tag der Industrie am 22. und 23. Juni in Berlin prägen – mit dabei: Kanzler Merz.

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