IG Metall, Tarifverhandlungen

IG Metall Industrie-Umfrage: Erholung bei Auslastung – scharfer Angriff auf Stellenabbau der Arbeitgeber

Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 11:27 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Eine neue Befragung der IG Metall-Betriebsräte zeigt eine deutlich bessere Auslastung in vielen Industriebranchen – zugleich wirft die Gewerkschaft den Arbeitgebern einen Stellenabbau trotz guter Lage vor. Kurz vor der Tarifrunde für Millionen Beschäftigte verschärft sich damit der Konflikt um Jobs und Einkommen.

Die Chefin der IG Metall, Christiane Benner, kritisiert die Arbeitgeber scharf (Foto: Archiv) - Bild: Hannes P Albert/dpa
Die Chefin der IG Metall, Christiane Benner, kritisiert die Arbeitgeber scharf (Foto: Archiv) - Bild: Hannes P Albert/dpa

Die IG Metall sieht eine spürbare Erholung in der deutschen Industrie und wirft zugleich vielen Arbeitgebern einen Stellenabbau ohne wirtschaftliche Notwendigkeit vor.

Umfrage zeigt bessere Auslastung

Nach einer aktuellen Befragung von Betriebsräten in den Branchen der Gewerkschaft melden 63 Prozent der Betriebe eine gute oder sehr gute Kapazitätsauslastung. Das ist ein Plus von sechs Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. 58 Prozent der befragten Betriebsräte berichten von guten bis sehr guten Aussichten für die kommenden Monate.

An der Umfrage der IG Metall nahmen im Juli und August 2.457 Betriebe teil. Sie stehen für rund 1,3 Millionen Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie, im Stahl, Handwerk und in der Textilbranche.

Signale beim Einsatz von Leiharbeit

Erstmals seit 2023 bauen Betriebe mit Leihbeschäftigten dieses Personal wieder häufiger auf als ab: 28 Prozent der Unternehmen erhöhen den Einsatz, 22 Prozent reduzieren ihn. Auch bei den Arbeitszeitkonten deutet die IG Metall auf eine Trendwende hin.

Demnach seien in mehr Betrieben die Arbeitszeitkonten von einem „übermäßigen Aufbau“ gekennzeichnet als von einem „übermäßigen Abbau“ – ebenfalls zum ersten Mal seit 2023. Die Gewerkschaft sieht darin Anzeichen für eine bessere Auftragslage und zusätzlichen Arbeitsbedarf.

IG Metall attackiert Arbeitgeber

Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall, spricht von guten Gründen für vorsichtigen Optimismus, trotz eines global schwierigen Umfelds. Sie fordert, dass mehr Geld in Investitionen und Kaufkraft fließen soll und betont, die Wirtschaftsdaten seien positiver als das „rückwärtsgewandte Gejammer vieler Arbeitgeber“ es erscheinen lasse.

Benner kündigt an, die Gewerkschaft werde es nicht hinnehmen, wenn der Standort und die Beschäftigten schlechtgeredet würden. Die IG Metall stellt sich damit demonstrativ gegen aus ihrer Sicht übertriebene Negativdarstellungen der Lage.

Betriebe bauen Stammbelegschaften ab

In der Befragung fällt laut IG Metall auf, dass inzwischen jede sechste Firma mit guten oder sehr guten Betriebsaussichten Teile der Stammbelegschaft abbaut. Vor drei Jahren seien es erst fünf Prozent gewesen.

„Jetzt nutzen 15 Prozent der Betriebe entgegen der wirtschaftlichen Notwendigkeit die Situation für Stellenabbau aus“, kritisiert die Gewerkschaft. Sie sieht darin einen bewussten Personalabbau trotz verbesserter Geschäftslage.

Tarifrunde für Millionen Beschäftigte

In der Metall- und Elektroindustrie stehen in den kommenden Wochen Tarifverhandlungen für rund 3,7 Millionen Beschäftigte an. Die IG Metall will ihre konkrete Forderung am 23. September beschließen.

Verhandlungen mit den Arbeitgeberverbänden sind ab dem 7. Oktober geplant. Die nun veröffentlichten Umfrageergebnisse dürften in die Begründung der Gewerkschaft für ihre Forderungen einfließen und den Konflikt um Beschäftigung und Einkommen zusätzlich schärfen.

Konjunkturelle Signale und Tarifpolitik

Die aktuelle Auswertung der IG Metall-Betriebsrätebefragung fällt in eine Phase, in der viele Unternehmen nach einer konjunkturell schwachen Phase wieder bessere Auslastungswerte melden. Die Angaben zu Kapazitätsauslastung, Arbeitszeitkonten und Leiharbeit deuten darauf hin, dass die Auftragslage in weiten Teilen der Metall- und Elektroindustrie nicht mehr so angespannt ist wie noch 2023. Für Beschäftigte bedeutet dies zunächst eine höhere Sicherheit, dass Produktion und Beschäftigung stabil bleiben oder wieder wachsen könnten.

Verschärfter Konflikt um Stellenabbau

Gleichzeitig macht die Gewerkschaft auf einen gegenläufigen Trend aufmerksam: Trotz guter oder sehr guter Aussichten reduziere ein wachsender Teil der Unternehmen die Stammbelegschaft. Die IG Metall interpretiert dies als strategischen Umbau zulasten der Beschäftigten, nicht als wirtschaftliche Notwendigkeit. Damit rückt erneut der Streit um die Verteilung der konjunkturellen Erholung in den Vordergrund – also die Frage, ob zusätzliche Spielräume primär in Renditen, Kostensenkung oder in Löhne, Qualifizierung und Beschäftigungssicherung fließen. Für viele Belegschaften ist der Hinweis auf übermäßig aufgebaute Arbeitszeitkonten ein Hinweis darauf, dass Mehrarbeit bereits geleistet wird, ohne dass daraus automatisch mehr sichere Stellen entstehen.

Bedeutung für die anstehende Tarifrunde

Vor dem Hintergrund der anstehenden Tarifverhandlungen für rund 3,7 Millionen Beschäftigte verschafft die Befragung der IG Metall eine argumentative Grundlage für höhere Entgeltforderungen und Forderungen nach Beschäftigungssicherung. Die Gewerkschaft kann sich auf positive Wirtschaftsdaten berufen, um Lohnerhöhungen und Investitionen in den Standort zu begründen. Für Arbeitgeber steht dagegen die Flexibilität im Personalbestand im Mittelpunkt, etwa um auf strukturelle Veränderungen in der Autoindustrie und anderen Branchen zu reagieren. Für Leserinnen und Leser zeigt sich: Die kommende Tarifrunde dürfte sich nicht nur um Prozente drehen, sondern auch um die Frage, wie viele der vorhandenen und künftigen Jobs langfristig erhalten bleiben.

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