Homeoffice-Passgenauigkeit: Studie zeigt Verdoppelung von Gesundheitsrisiken
Veröffentlicht am: 30.07.2026 um 14:51 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zeigt: Beim Homeoffice kommt es nicht auf die Anzahl der Tage an, sondern darauf, ob die Regelungen zu den Wünschen der Beschäftigten passen. Sonst drohen ernsthafte Gesundheitsrisiken.
Wenn Wunsch und Wirklichkeit kollidieren
Rund 64,5 Prozent der Beschäftigten arbeiten derzeit ausschließlich im Betrieb. Das zeigt die Ende Juli veröffentlichte WSI-Studie. Zum Vergleich: Im Januar 2020 lag dieser Anteil noch bei 83 Prozent – im April 2020 brach er auf 53 Prozent ein. Aktuell nutzt etwa ein Viertel der Arbeitnehmer hybride Modelle mit zwei bis drei Homeoffice-Tagen pro Woche.
Dabei wäre laut Studie rund 40 Prozent aller Tätigkeiten für das Homeoffice geeignet. Doch nur jede zweite dieser Möglichkeiten wird tatsächlich genutzt. Besonders Akademiker arbeiten mobil: 2025 erledigten 52 Prozent dieser Gruppe mindestens die Hälfte ihrer Arbeit von zu Hause aus.
Die entscheidende Größe für die psychische Gesundheit ist die sogenannte Passgenauigkeit. Bekommen Beschäftigte weniger Homeoffice, als sie sich wünschen, verdoppelt sich der Anteil der Personen mit schlechtem Gesundheitszustand. Die Arbeitssituation wird in solchen Fällen dreimal häufiger als belastend wahrgenommen. Immerhin: Rund zwei Drittel der Befragten sind mit den aktuellen Regelungen zufrieden.
Psychische Erkrankungen: 140 Milliarden Euro Schaden
Der wirtschaftliche Druck durch psychische Belastungen bleibt hoch. Laut BKK-Report verursachen psychische Erkrankungen jährlich einen volkswirtschaftlichen Schaden von über 140 Milliarden Euro. Die DAK-Gesundheit meldet für das erste Halbjahr 2026 in Nordrhein-Westfalen einen leichten Rückgang des Gesamtkrankenstandes auf 5,6 Prozent – aber die Fehltage wegen psychischer Leiden stiegen um 9 Prozent. Sie sind damit der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit.
Der Trend zeichnete sich bereits früher ab: Im ersten Halbjahr 2024 verzeichnete die DAK einen Anstieg der Fehltage wegen psychischer Diagnosen um 14,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders betroffen: Beschäftigte in der Altenpflege. Im IT-Sektor fielen die Fehlzeiten dagegen vergleichsweise gering aus.
Die WSI-Studie zeigt: Bei mangelnder Passgenauigkeit verdoppeln sich Gesundheitsrisiken im Homeoffice. Psychische Fehlzeiten steigen um 9 Prozent – und die Gefährdungsbeurteilung wird Pflicht. Dieser Report liefert Checkliste, Gefährdungsbeurteilung und 5 Maßnahmen für Ihr BGM. Jetzt kostenlosen BGM-Report anfordern
Hinzu kommt: Die Erholung nach dem Urlaub bleibt oft aus. Einer Umfrage vom Juli 2025 zufolge kehrten nur 35,7 Prozent der Befragten erholt in den Betrieb zurück. Hauptgrund: häufiges Arbeiten während der Urlaubszeit.
Gefährdungsbeurteilung wird Pflicht
Um die steigenden Fehlzeiten zu bekämpfen, rücken präventive Maßnahmen in den Fokus. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat im Juli 2026 ein Handbuch aktualisiert. Demnach müssen psychische Belastungen zwingend in der Gefährdungsbeurteilung nach dem Arbeitsschutzgesetz berücksichtigt werden. Relevante Faktoren: Handlungsspielraum, Arbeitsmenge, soziale Unterstützung, planbare Arbeitszeiten und Schutz vor Unterbrechungen.
Doch nicht nur die Psyche zählt. Muskel-Skelett-Erkrankungen machen laut Krankenkassendaten einen erheblichen Teil des Krankenstandes aus – in NRW zuletzt etwa 17,7 Prozent. Fachleute kritisieren, dass es im Homeoffice oft an ergonomischen Bedingungen fehlt. Die Aktion Gesunder Rücken (AGR e. V.) empfiehlt Unternehmen, verstärkt auf zertifizierte Arbeitsplatzausstattungen zu achten.
Digitale Versuchung als neuer Risikofaktor
Psychische Erkrankungen verursachen jährlich über 140 Milliarden Euro volkswirtschaftlichen Schaden. Die neue BAuA-Richtlinie macht die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen zur Pflicht. Mit diesem Report sind Sie rechtssicher und senken Fehlzeiten. Gefährdungsbeurteilung jetzt sichern
Ein neuer Forschungsaspekt betrifft den Umgang mit digitalen Medien während der Arbeit. Eine am 30. Juli 2026 veröffentlichte Studie der Universität Duisburg-Essen mit 900 Teilnehmenden zeigt: Der Drang, online zu gehen – die sogenannte Versuchung – ist ein zentraler Faktor für problematische Internetnutzung. Dieser Faktor wiegt schwerer als Stress oder die aktuelle Stimmungslage.
Fachleute für Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) fordern daher einen ganzheitlichen Ansatz. Neben der Verhaltensprävention am Arbeitsplatz müsse auch die private Infrastruktur – Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen – stärker in die Gestaltung der „Zeitarchitektur“ einbezogen werden. Für Unternehmen, besonders in der Versicherungsbranche, wird die Passgenauigkeit der Arbeitsmodelle zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor im Kampf um Fachkräfte.
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