Gemeinschaftsdiagnose: Institute heben BIP-Prognose 2026 auf 1,3 Prozent
Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 21:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für das deutsche Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2026 spürbar angehoben. Nach einer Erwartung von 0,6 Prozent im Frühjahr rechnen die Institute in ihrer Gemeinschaftsdiagnose vom 24. September 2026 nun mit einem Zuwachs von 1,3 Prozent, während einzelne Schätzungen von bis zu 1,4 Prozent ausgehen.
Kalenderbereinigt beträgt das prognostizierte Wachstum 1,0 Prozent, da 0,3 Prozentpunkte auf zusätzliche Arbeitstage entfallen. Die Wirtschaftsleistung liegt damit wieder über dem Niveau vor Beginn der Gaspreiskrise im Jahr 2022. Für die Folgejahre zeichnet sich jedoch eine Verlangsamung ab: Für 2027 prognostizieren die Institute ein Plus von 1,1 Prozent nach zuvor 0,9 Prozent, bevor sich das Wachstum 2028 auf 0,4 Prozent abschwächen soll.
Außenhandel und Staatsausgaben tragen die Erholung
Die Triebkräfte des aktuellen Aufschwungs sind ungleich verteilt. Berechnungen der Gemeinschaftsdiagnose zufolge steuern Exporte ohne importierte Vorleistungen 0,8 Prozentpunkte und der Staatskonsum 0,6 Prozentpunkte zum Wachstum bei. Dagegen liefern der private Konsum und die Bruttoanlageinvestitionen rechnerisch jeweils einen Beitrag von 0,0 Prozentpunkten, während der Lagerabbau mit minus 0,1 Prozentpunkten dämpft.
Staatliche Mittel für Verteidigung, Infrastruktur und Klimamaßnahmen stützen die Entwicklung maßgeblich. Das Ifo-Institut bezifferte die finanzpolitischen Impulse für 2026 auf knapp 40 Milliarden Euro, was etwa zwei Dritteln des erwarteten Wachstums entspreche.
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Für 2027 rechnet Ifo-Präsident Clemens Fuest mit Impulsen von rund 27 Milliarden Euro und verwies darauf, dass Aufholeffekte spätestens Mitte 2027 auslaufen.
Rückendeckung erhält die Wirtschaft zudem durch weltweite Trends: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) verwies auf eine stärkere Entwicklung von Exporten und industrieller Wertschöpfung im ersten Halbjahr 2026, begünstigt durch die globale Konjunktur und die Nachfrage im Zuge des weltweiten Booms bei Künstlicher Intelligenz.
Wachsende Haushaltsdefizite und strukturelle Bremsen
Die staatlich getriebene Expansion schlägt sich in den öffentlichen Finanzen nieder. Nach Angaben der Gemeinschaftsdiagnose steigt das gesamtstaatliche Defizit von 136,5 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf 192,2 Milliarden Euro im Jahr 2026. Dies entspricht 4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Für 2027 wird ein Fehlbetrag von 213,2 Milliarden Euro erwartet, der 2028 auf 237,3 Milliarden Euro anwachsen und einer Defizitquote von 4,7 Prozent entsprechen soll. Neben den Haushaltsdefiziten belasten anhaltend hohe Energiepreise und der Fachkräftemangel die Perspektiven.
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Für das dritte Quartal 2026 prognostizierten die Institute lediglich einen Zuwachs von 0,1 Prozent und führten dafür unter anderem Niedrigwasser sowie Belastungen in der Chemieindustrie an.
Gespaltener Arbeitsmarkt und Zurückhaltung bei Investitionen
Trotz des Zuwachses bei der Wirtschaftsleistung verzeichnet der Arbeitsmarkt deutliche Bremsspuren. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) geht für 2026 von einem Rückgang der Erwerbstätigkeit um rund 210.000 Personen aus.
Während im Produzierenden Gewerbe voraussichtlich 160.000 Stellen wegfallen, gewinnen öffentliche Dienste, Erziehung und Gesundheit 170.000 Stellen hinzu. Für 2027 prognostiziert das IAB einen weiteren Rückgang um 140.000 Erwerbstätige. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sinkt 2026 laut IAB um 70.000 auf 34,89 Millionen Personen.
Auch Unternehmensdaten spiegeln diese Verschiebung wider. Laut Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY stiegen die Industrieumsätze im zweiten Quartal 2026 um 4,7 Prozent, während die Beschäftigung in der Industrie binnen Jahresfrist um 2,7 Prozent oder rund 144.000 Stellen sank.
Bei den DAX-Konzernen kletterten die Gewinne im zweiten Quartal 2026 um 16 Prozent auf 52,6 Milliarden Euro, während der Personalbestand um 41.000 auf 3,49 Millionen Beschäftigte zurückging.
Angesichts dieser Gemengelage mahnten Verbände und Politik Reformen an. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche forderte Reformschritte bei den sozialen Sicherungssystemen, am Arbeitsmarkt und bei den Energiepreisen, um private Investitionen anzuregen. DIHK-Präsident Peter Adrian betonte, dass Unternehmen ihre Investitionen infolge fehlenden Vertrauens zurückhielten.
