Gehaltsfragen, EU-Transparenzrichtlinie

Gehaltsfragen ab Juni verboten: EU-Transparenzrichtlinie kommt

30.04.2026 - 09:00:15 | boerse-global.de

Ab Juni 2026 ist die Frage nach dem bisherigen Gehalt bei Bewerbungen verboten. Unternehmen müssen Gehaltsspannen angeben.

Gehaltsfragen ab Juni verboten: EU-Transparenzrichtlinie kommt - Foto: über boerse-global.de
Gehaltsfragen ab Juni verboten: EU-Transparenzrichtlinie kommt - Foto: über boerse-global.de

Ab dem 7. Juni 2026 dürfen Arbeitgeber Bewerber nicht mehr nach ihrem bisherigen Gehalt fragen. Die Maßnahme soll das geschlechtsspezifische Lohngefälle bekämpfen – und trifft auf eine ohnehin angespannte Wirtschaftslage.

Neues Verbot: Schluss mit der Gehaltsfrage

Die EU-Transparenzrichtlinie zielt darauf ab, den Teufelskreis der Lohnungleichheit zu durchbrechen. Bisher orientierten sich viele Gehaltsverhandlungen am vorherigen Einkommen – ein System, das vor allem Frauen benachteiligte. Laut Statistischem Bundesamt liegt der bereinigte Gender Pay Gap in Deutschland weiterhin bei rund sechs Prozent.

Künftig müssen Arbeitgeber umdenken: Statt nach früheren Gehältern zu fragen, sollen sie die Vergütung an der konkreten Stelle und den Qualifikationen des Bewerbers festmachen. Die neue Regelung verlagert die Transparenzpflicht auf die Unternehmen. Sie müssen in Stellenanzeigen künftig eine Gehaltsspanne oder ein Einstiegsgehalt angeben.

Noch fehlt in Deutschland zwar ein Referentenentwurf zur nationalen Umsetzung. Doch die Juni-Frist zwingt Personalabteilungen zum Handeln: Sie müssen ihre Einstellungsrichtlinien und Dokumentationen sofort überprüfen, um rechtliche Risiken zu vermeiden.

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Trübe Aussichten: Arbeitsmarkt unter Druck

Die regulatorischen Neuerungen kommen zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Der IAB-Arbeitsmarktbarometer fiel im April 2026 auf 99,4 Punkte – der schwächste Wert außerhalb der Corona-Pandemie. Die Beschäftigungskomponente stagnierte bei 100 Punkten, während die Erwartungen zur Arbeitslosigkeit nach unten zeigen.

Mehrere Faktoren belasten die Stimmung. Experten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) verweisen auf die anhaltende Industriekrise und einen Ölpreisschock. 20 von 146 regionalen Arbeitsagenturen nannten zudem den Iran-Konflikt als Haupttreiber wirtschaftlicher Instabilität. Im März 2026 lag die Arbeitslosenquote bei 6,4 Prozent – 3,021 Millionen Menschen waren ohne Job.

Der ifo-Beschäftigungsbarometer untermauert die düsteren Aussichten. Im April fiel er auf 91,3 Punkte – der niedrigste Stand seit Mai 2020. Immer mehr Unternehmen planen Personalabbau statt Aufstockung. Besonders betroffen: die Industrie, der Handel und die Logistik. Steigende Energie- und Rohstoffpreise sowie eine Inflation von 2,7 Prozent im März setzen die Budgets unter Druck.

Reformdebatte: Schutz oder Flexibilität?

Die wirtschaftliche Abkühlung entfacht die Diskussion über die Rigidität des deutschen Arbeitsrechts neu. Spitzenpolitiker von CDU und CSU – darunter Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und CSU-Chef Markus Söder – fordern eine Lockerung des Kündigungsschutzes. Ihre Begründung: Nur so könnten Unternehmen schneller auf Marktveränderungen reagieren und wettbewerbsfähig bleiben.

Stimmen aus den Grünen pflichten bei: Das deutsche Arbeitsrecht sei veraltet, es schütze eher bestimmte Arbeitsplätze als Menschen in wirtschaftlichen Umbruchphasen. Gleichzeitig geht die Politik in anderen Bereichen in die Gegenrichtung. Die 2026er-Reform des Arbeitszeitgesetzes schreibt die elektronische Zeiterfassung für die meisten Unternehmen vor – bei Verstößen drohen Bußgelder bis zu 30.000 Euro. Die Reform erlaubt zwar eine Ausweitung auf maximal 48 Stunden pro Woche, hält aber am Acht-Stunden-Tag fest.

Ein weiteres Projekt: die „Teilkrankschreibung“. Ein Gesetzesentwurf, der voraussichtlich im April 2026 das Kabinett passiert, soll es ermöglichen, Arbeitnehmer zu 25, 50 oder 75 Prozent als arbeitsunfähig zu bescheinigen. Voraussetzung: Zustimmung von Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Arzt. Ziel ist es, den Krankenstand zu senken, der 2025 im Schnitt bei 19,5 Tagen pro Person lag.

Spannungsfeld: Mehr Rechte, höhere Kosten

Die neue Transparenz bei Gehältern und die Forderung nach weniger Kündigungsschutz zeigen den grundlegenden Konflikt im deutschen Mittelstand. Einerseits stärkt die Politik individuelle Rechte – etwa bei der Lohngerechtigkeit oder beim Elterngeld. Aktuell haben Eltern Anspruch auf 36 Monate Elternzeit pro Kind, mit umfassendem Kündigungsschutz ab Bekanntgabe der Schwangerschaft.

Andererseits steigen die Arbeitskosten unaufhörlich. 2025 lag der durchschnittliche Stundenlohn bei 45,00 Euro – ein Plus von 3,6 Prozent zum Vorjahr und 29 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Hohe Lohnkosten, kombiniert mit den bürokratischen Anforderungen der neuen Zeiterfassung und der EU-Transparenzrichtlinie, setzen vor allem kleine und mittlere Unternehmen (KMU) unter Druck.

Auch die Debatte um die Krankenkassenreform belastet die Arbeitgeber. Gesundheitsministerin Nina Warken hat sich zwar gegen generelle Kürzungen beim Krankengeld ausgesprochen. Neue Maßnahmen wie eine Zuckersteuer ab 2028 und eine Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze sollen jedoch eine prognostizierte Finanzierungslücke von 15 Milliarden Euro bis 2027 schließen.

Ausblick: Was Unternehmen jetzt tun müssen

Die Juni-Frist rückt näher – Unternehmen müssen ihre Einstellungsstrategien umstellen. Statt nach früheren Gehältern zu fragen, müssen sie sich auf objektive Kriterien konzentrieren. Die Veröffentlichung von Gehaltsspannen in Stellenanzeigen erfordert eine diszipliniertere interne Vergütungsstruktur, um die EU-Vorgaben einzuhalten.

Bleibt die Frage der Kündigungen: Bei betriebsbedingten Kündigungen verlangen Gerichte weiterhin eine strenge Sozialauswahl nach Alter, Betriebszugehörigkeit und Unterhaltspflichten. Manager und Führungskräfte werden zudem vor „stillen“ Kündigungstaktiken gewarnt – etwa der Ernennung zum Geschäftsführer, die den normalen Kündigungsschutz aufhebt, oder der Versetzung ins Ausland.

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Für den Rest des Jahres 2026 wird der deutsche Arbeitsmarkt von dieser Doppelbelastung geprägt sein: hohe regulatorische Standards bei fragiler Wirtschaftslage. Die neuen Transparenzregeln versprechen mehr Fairness. Ob sie halten, was sie versprechen, hängt davon ab, ob die deutsche Wirtschaft die Industriekrise und die hohen Produktionskosten überwindet – und damit die Basis für neues Beschäftigungswachstum schafft.

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